Mein bisher aussergewöhnlichster Fall war die Operation eines Russen, dem ein Bär das halbe Gesicht weggebissen hatte. Als der Patient das Tuch entfernte, das die beschädigte Gesichtshälfte bedeckte, blieb mir fast das Herz stehen. Wo die Nase sein sollte, klaffte ein Loch: Nase, Oberkiefer - alles war weg. Der Eingriff dauerte 24 Stunden. Die Chirurgen nahmen Knochen vom Schulterblatt, um den Kiefer zu formen, verpflanzten Hautlappen und Venenabschnitte vom Bein.

Am Schluss erhielt der Patient zusätzlich eine aufsteckbare Prothese, ein Ensemble aus Brille, Schnauz und künstlichem Auge. Er war nicht glücklich mit dem Resultat. Wahrscheinlich hatte er erwartet, wieder so auszusehen wie früher. Ich hörte, er soll all das nicht verkraftet und sich umgebracht haben.

Achtung, der Kopf ist im Bild!
Nein, übergeben musste ich mich noch nie, aber manchmal muss ich leer schlucken. Neulich filmte ich in der Kinderchirurgie; die Ärzte machten bei einem dreijährigen Kind eine Rekonstruktion im Genitalbereich. Bei so was ziehts mir schon die Beine zusammen. Unangenehm finde ich auch Gesichtschirurgie, da sieht man den Kopf des Patienten. Man wird daran erinnert: Das ist ein Mensch. So was geht mir nah. 

Eine Prostata-Operation ist eine Herausforderung: Man muss mit der Kamera ständig in Bewegung sein. Oft ist der Kopf des Chirurgen im Weg. Ich muss immer wieder warnen: «Achtung, der Kopf ist im Bild, der Kopf ist im Bild!» Eingriffe an Gehirn und Herz sind für mich einfacher. Dass ein Patient während einer Operation gestorben ist, habe ich noch nie erlebt. Allerdings habe ich auch keine Angst davor, denn das kann vorkommen: Im Operationssaal geht man ans Limit. Da kann es passieren, dass jede Hilfe zu spät kommt.

Letzte Woche filmte ich einen Bypass-Einsatz und einen Herzklappen-Ersatz. Beide Operationen wurden live an einen Kongress übertragen. Manchmal lasse ich mir vor dem Eingriff vom Chirurgen hurtig erklären, worum es geht. Der will nur den Eingriff dokumentiert haben, das Öffnen und Zunähen interessiert ihn nicht. Die Kongressteilnehmer sind alle Profis: Die wissen, wie man eine Bauchdecke aufschneidet - die wollen sofort in die Materie rein. Anders verhält es sich, wenn ich einen Film für Patienten drehe, dann ist das Zunähen wichtig; nicht damit der Zuschauer das Gefühl bekommt, da werde einer offen liegen gelassen. Ein weiterer Zweck meiner Arbeit ist die Produktion von Filmen für Schulung und Weiterbildung.

Der leitende Chirurg öffnet den Patienten meistens nicht selber, das besorgen die Assistenten. Sie sägen zum Beispiel das Brustbein auf und legen das Herz frei, während der Operateur sich hinten bereitmacht. Er wäscht seine Hände mehrere Minuten lang mit Desinfektionsmittel, bis zu den Ellbogen, schrubbt sogar mit einer Bürste die Fingernägel und streift sich Handschuhe über. Im Vergleich zu ihm bin ich nur halb steril. Ich entkleide mich vor dem Operationssaal bis auf die Unterwäsche und schlüpfe in ein grünes T-Shirt, ziehe grüne Hose und Gummischuhe an. Dann setze ich die Haarhaube auf und stülpe den Mundschutz über. Mit Sprit desinfiziere ich die Räder des Kamerawagens. Die Kamera selbst kann ich nicht sterilisieren - man müsste sie in eine Waschmaschine legen und kochen. Deshalb muss ich höllisch aufpassen, dass ich mit ihr nicht den Operationstisch berühre.

Während des Eingriffs wird wenig gesprochen. Man hört die Anweisungen des Chefs: Monocryl-Monofil 6-0, Vicryl-Polifil 2-0 resorbierbar, Schere, Klemme. Solche Sachen. Die Instrumentierschwester weiss im Voraus, was der Chirurg wünscht. Es kommt schon mal vor, dass der Operateur eine Schwester anfährt und schimpft, sie solle den Kopf bei der Sache haben. Wenn die Stimmung schlecht ist, merkt man das sofort: Es wird still im Saal.

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Selber operieren? O nein!
Ich arbeite nun seit 13 Jahren als Spital-Kameramann, bin ausgebildeter Elektroniker. An der Schule für Gestaltung bildete ich mich weiter in Fotografie. Von daher brachte ich die Symbiose von Technik und Kunst mit. Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, antworte ich: «Filmschaffender.» Ich bin ja nicht nur Kameramann, sondern unterstütze auch Kunden bei Drehbüchern, schneide Patienteninformationsfilme oder produziere PR-Filme. Zurzeit drehe ich einen Streifen über die Handwerker und Techniker hier im Inselspital. 

Während der Operationen habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel über gewisse gesundheitliche Fragen. Ich rauchte lange, habe aber aufgehört: Der Anblick offener Herzen half da sicher mit; besonders in der Kardiologie haben wir viele Raucherpatienten. Selber operieren? O nein! Das wäre mir zu intensiv und zu einseitig. Ich bin dankbar für die Abwechslung. Und ich würde mich nicht wohl fühlen, stundenlang eingesperrt zu sein - was man im Operationssaal ja irgendwie ist.

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