2_00_rg_biofeedback.jpgMit äusserster Konzentration verfolgt Marianne K. die weisse Linie auf dem Bildschirm. Stufenweise klettert der dünne Strich aufwärts und bleibt jeweils knapp unterhalb der grünen Ziellinie stehen auf den ersten Blick ein eher langweiliges Programm.

Nicht so für Claudia Popp, stellvertretende Leiterin der Physiotherapie im Kantonsspital Frauenfeld. «Fünfter Stock, gut. Höher, höher», spornt die Therapeutin ihre Patientin an. «Stellen Sie sich vor, sie fahren mit einem Lift und wollen noch bis in die zehnte Etage.»

Marianne K. erhöht die Spannung ihrer Beckenmuskulatur. Dies wird von einer kolbenförmigen Sonde in ihrer Vagina registriert und an den Computer weitergeleitet. Prompt steigt der Strich auf dem Monitor noch höher. «Geschafft, sehr gut», lobt Claudia Popp.

Marianne K. entspannt sich und die weisse Linie rutscht auf Null. Nach einer kurzen Erholungspause wird sie die computerüberwachte Beckenbodengymnastik wiederholen: Biofeedback-Behandlung im Kantonsspital Frauenfeld.

Sehen, was kaum spürbar ist

Marianne K. leidet unter Harninkontinenz: Wenn sie niest oder hustet, kann sie den Urin oft nicht zurückhalten. Mit Hilfe der Sonde lernt sie, die Beckenbodenmuskeln gezielt einzusetzen und kann so unangenehme «Pannen» vermeiden. Ein ausgeklügeltes Computerprogramm verwandelt die registrierte Muskelkraft in eine Kurve auf dem Monitor. Kleinste Muskelspannungen, die die Patientin nicht spürt, kann sie auf diese Weise sehen.

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«Uber 90 Prozent unserer Biofeedback-Patienten sind Frauen, die nach Geburten unter einer Beckenbodenschwäche oder einer Senkung der Beckenorgane mit Harninkontinenz leiden», erklärt Claudia Popp. «Aber wir behandeln auch Männer, die nach einer Prostataoperation ähnliche Probleme haben.» Das Biofeedback-Programm eignet sich ebenfalls zur Therapie von Stuhlinkontinenz und neurologisch bedingter Muskelschwäche.

Wird die Behandlung ärztlich verordnet, übernehmen die Krankenkassen die Kosten. In der Regel sind neun bis fünfzehn Sitzungen à 45 Minuten nötig. Dank regelmässigem Training zu Hause verringern sich die Beschwerden bei mehr als der Hälfte der Patienten deutlich oder verschwinden sogar ganz. Der Erfolg hängt jedoch in hohem Mass vom Willen des Patienten und von der Art der Erkrankung ab.

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Auf einem Nagelbrett ruhen oder den Puls bis zum Stillstand verlangsamen: Für indische Fakire und Yogis ist es kein Problem, die Körperfunktionen allein durch Konzentration und Willen zu beeinflussen. Biofeedback bewirkt nichts anderes allerdings mit Hilfe modernster Computertechnik. Unbewusste Vorgänge im Körper werden gemessen und in Bilder oder Töne umgewandelt.

Körperprozesse selbst beeinflussen

Das Grundprinzip der Behandlung ist immer gleich. Eine Körperfunktion wie zum Beispiel das Anspannen der Beckenbodenmuskulatur wird mit Hilfe eines Computerprogramms sicht- oder hörbar gemacht. So nimmt die Patientin die Spannung nicht nur besser wahr, sondern lernt auch, diese selbst zu beeinflussen.

Mit der Biofeedback-Methode lassen sich viele verborgene Signale des Körpers messen und steuern. So gibt etwa die Hauttemperatur Hinweise auf die Durchblutung. Atemfrequenz und -rhythmus signalisieren Nervosität oder Entspannung. Und die Gehirnströme widerspiegeln Prozesse, die unter der Schädeldecke ablaufen: Durch Gedanken und Gefühle können zum Beispiel Migränepatienten die Dehnung der Blutgefässe im Gehirn verringern und die Zahl der Anfälle deutlich senken.

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Biofeedback-Therapien werden zudem bei Asthma, neuromuskulären Störungen, harmlosen Formen von Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Durchblutungsstörungen oder Verstopfung angewandt. Und auch Psychotherapeuten setzen auf die selbstheilende Wirkung des Biofeedbacks etwa bei der Behandlung von Ängsten und Depressionen.

«Während sich der Patient bemüht, den Computerbildschirm zu kontrollieren, beeinflusst er gleichzeitig auch jenen körperlichen Prozess, der den Messdaten zugrunde liegt», erklärt Claudia Popp. «Wer dies einmal gelernt hat, kann seine persönlichen "Biofeedback-Strategien" immer wieder von neuem anwenden.»


Buchtipps

Alyce und Elmar Green: «Biofeedback eine neue Möglichkeit zu heilen.»

Hermann-Bauer-Verlag, Freiburg 1999, 23 Franken

Hans Zeier: «Biofeedback.» Huber AG, Bern 1997, Fr. 35.90

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Winfried Rief, Nils Birbaumer: «Praktische Biofeedback-Therapie.»

Schattauer-Verlag, 23 Franken

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