Ruth von Büren ärgert sich: «Ich hätte grösste Lust, diesen beiden auch einfach einen Arzttermin zu verpassen, den sie weder brauchen noch wollen.» Diese beiden – das sind Luzius Schmid, Präsident der Krebsliga St. Gallen-Appenzell, und Jutta Pfeiffer, Projektleiterin des Brustkrebs-Früherkennungsprogramms «Donna». Sie hatten der 54-Jährigen einen Brief gesandt, in dem sie sie aufforderten, an einem Brustkrebs-Früherkennungsprogramm teilzunehmen – wie 500 weitere Frauen zwischen 50 und 69 im Bündnerland. Insgesamt 23'000 Frauen dieser Zielgruppe sollen in den nächsten zwei Jahren angeschrieben werden.

Das mit einer Dossiernummer versehene Schreiben enthielt zusätzlich einen Fragebogen mit intimen Fragen zur Gesundheit. Besonders sauer aufgestossen ist von Büren aber, dass ihr gleich ein konkreter Untersuchungstermin mitgeteilt wurde. «Das ist Bevormundung. Das finde ich extrem stos­send», sagt sie.

Margrit Kessler, Präsidentin der schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz, kann das gut verstehen: «Man hätte den Frauen unbedingt zuerst die Chance geben sollen, zu entscheiden, ob sie am Programm überhaupt teilnehmen wollen – bevor man ihnen eine Dossiernummer und einen Arzttermin verpasst.» Bei «Donna» sieht man es anders: Man habe nur wenige Rückmeldungen von empörten Frauen erhalten, sagt Projektleiterin Jutta Pfeiffer. «Wir können es nicht allen recht machen.»

Der Brief wirkt sehr offiziell

Zwar steht im Brief auch, dass kein Teilnahmezwang bestehe. Doch das Schreiben wirkt sehr offiziell, und die beigelegte Broschüre tut ein Übriges, um Ängste zu schüren und so die angeschriebenen Frauen zum Mitmachen zu bewegen. Dabei ist der Nutzen der Früherkennungsscreenings in der Fachwelt umstritten. Gerade eben im renommierten Fachmagazin «British Medical Journal» publizierte Studienergebnisse belegen, dass sie keinen direkten Einfluss auf die Sterblichkeit durch Brustkrebs haben – gemäss Befürwortern der grösste Vorteil solcher präven-tiven Mammographien.

Schliesslich stellt sich die Frage, ob ein Kanton seine Gemeinden anweisen darf, sensible Personendaten an Dritte herauszugeben – wie es der Kanton Graubünden für seine Zusammenarbeit mit der Krebsliga St. Gallen-Appenzell tat. Als Legitimierung für die Herausgabe diente Graubünden laut kantonalem Datenschützer Thomas Casanova Artikel 22 des Datenschutzgesetzes. Der gilt allerdings nicht der medizinischen Vorsorge, sondern regelt die Verwendung der Daten für Forschung, Planung und Statistik.

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