«Die Gier nach Power, Prestige und Profit bestimmt heute die medizinische Forschung weitgehend. Da nützt alles Ringen um den Respekt gegenüber dem menschlichen Leben nichts.» Es sind drastische Worte, die Ruth Baumann-Hölzle, Theologin und Leiterin des Instituts Dialog Ethik, gebraucht, doch sie sind mit Bedacht gewählt. Als Mitglied der Nationalen Ethikkommission hat sie an verschiedenen Stellungnahmen zur Entwicklung der Fortpflanzungsmedizin mitgearbeitet - und auch immer wieder vor den Auswüchsen und deren Konsequenzen für die Gesellschaft gewarnt. Jetzt aber befänden wir uns, so konstatiert sie ernüchtert, auf dem Weg dahin, dass «in der Forschung der Embryo nur noch als Material ohne Eigenwert gebraucht» werde.

Knapp 30 Jahre nach der Geburt von Louise Brown im Jahr 1978, dem ersten Retortenbaby, hat sich die Fortpflanzungsmedizin derart entwickelt, dass heute in der Tat schier alles möglich scheint. Die Befruchtung im Reagenzglas, die In-vitro-Fertilisation (siehe Box «Welche Verfahren gibt es?»), ist für spezialisierte Kliniken Alltag: In der Schweiz werden ein bis zwei von 100 Kindern so gezeugt, weltweit sind es bisher mehr als drei Millionen. Heute lassen sich Frauen in jungen Jahren ihre Eizellen tieffrieren, um sich einen Vorrat für den Kinderwunsch in den weniger fruchtbaren Jahren ab 35 anzulegen. Noch einen Schritt weiter geht eine amerikanische Firma: Bei der ersten menschlichen Embryonenbank können unfruchtbare Paare und selbst Singles einen Embryo kaufen - ganz legal und von Ei- und Samenspendern mit «sauberem medizinischen Hintergrund». Ein Gesetz, das die Branche in die Schranken weist, gibt es in den USA nicht. Der Markt regiert.

Ethikkommission für eine Liberalisierung

Europa geht einen anderen Weg: Die möglichen Techniken sollen staatlich reguliert und nicht dem freien Markt überlassen werden, um auch den Embryonenschutz und das Wohl der Frauen berücksichtigen zu können. Die Praxis in den einzelnen Ländern ist gleichwohl unterschiedlich. Das Eizellspenden zum Beispiel ist selbst im katholischen Spanien legal, das inzwischen zum Eizellproduzenten Nummer eins in Europa geworden ist und in der Befruchtungsindustrie über rund 240 Kliniken verfügt. In vielen anderen Ländern ist die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) ebenfalls erlaubt. Die Methode wurde Anfang der neunziger Jahre entwickelt, um die Embryonen vor ihrer Einpflanzung auf schwere Erbkrankheiten zu testen. Verboten ist das Verfahren etwa in Deutschland und in der Schweiz. Hier sorgt der Gesetzgeber dafür, dass die Branche aus ethischen Bedenken gebremst wird.

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Noch, muss man allerdings sagen. Paare, die eine PID machen lassen möchten, müssen dafür nämlich vielleicht schon bald nicht mehr ins Ausland reisen. Bundesrat und Parlament haben 2005 grünes Licht für die Liberalisierung der Präimplantationsdiagnostik gegeben; zurzeit wird ein entsprechender Gesetzesentwurf erarbeitet. Für eine Lockerung des Verbots spricht sich die Nationale Ethikkommission aus - gegen einzelne Stimmen innerhalb des Gremiums wie jene von Ruth Baumann-Hölzle.

Mehrheitlich sind die Experten der Meinung, dass die Diagnostik unter entsprechend strengen Bedingungen durchaus sinnvoll eingesetzt werden kann. Nicht, um wie in den USA das Geschlecht eines Kindes auszuwählen, sondern nur dann, wenn bei Paaren ein bekanntes genetisches Risiko für eine schwere Krankheit des Kindes besteht. Der Entscheid sei pragmatischer Natur, erklärt Christoph Rehmann-Sutter, der die Kommission im Bereich der Humanmedizin präsidiert, und letztlich ein «Abwägen zwischen zwei negativen Entwicklungen, die beide ethische Fragen aufwerfen». Denn auch die heute gängige Diagnostik sei umstritten. «Für eine Frau ist es belastender, wenn die Tests erst im Mutterleib erfolgen können, wie das heute mit den vorgeburtlichen Untersuchungen, der Pränataldiagnostik, der Fall ist. So werden die Frauen in eine Schwangerschaft auf Probe und einen potentiellen Abort getrieben», sagt der Leiter der Arbeitsstelle für Ethik in den Biowissenschaften an der Universität Basel.

Richtig, die Frauen. Sie gehen beim Zwist unter den Experten und dem wissenschaftlichen Wettstreit gern vergessen. Sie und ihre Partner werden in Arztpraxen zwar umfassend informiert, allein gelassen fühlen sich die meisten aber gleichwohl - selbst bei den inzwischen etablierten vorgeburtlichen Untersuchungen, die praktisch jede Frau durchläuft. Deutlich wird dies auch bei einer Diskussion von vier Frauen verschiedenen Alters und mit unterschiedlichen Schwangerschaftserfahrungen (siehe Artikel zum Thema: «Pränataldiagnostik: ‹Die Angst sitzt einem im Nacken›»). «Man weiss ja, dass es die Möglichkeit gibt, nachzuschauen, ob etwas nicht stimmt. Da kann man gar nicht anders, als die Tests zu machen», sagte etwa die 30-jährige Miriam Steiner*, die in der 27. Woche schwanger ist.

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Frau in der Bredouille

Die pränatalen Tests haben aber auch Fragen ausgelöst, mit deren Beantwortung sich eine werdende Mutter allein überfordert fühlen kann. Vor diesem Hintergrund hat Ruth Baumann-Hölzle mit anderen Experten ein Beratungsmodell entwickelt, das von der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe als Qualitätsstandard für die Beratung übernommen worden ist. Mit Hilfe eines Gesprächsleitfadens für die Ärzteschaft und einer Begleitbroschüre für die schwangere Frau soll ihr die grösstmögliche Entscheidungsfreiheit ermöglicht und sie anschliessend entsprechend unterstützt werden. Aber noch - und das hat die Diskussionsrunde auch gezeigt - hat sich in vielen Arztpraxen nur wenig verändert.

Wie stark die öffentliche Debatte, die oftmals nicht ohne Moralin auskommt, auf die einzelne Frau abfärbt, zeigt ein weiteres Beispiel - eines von vielen. Karin S. (Name der Redaktion bekannt) ist 41-jährig, Mutter eines zweijährigen gesunden Sohnes. Sie erwartet ihr zweites Kind und lebt mit ihrem Partner in Zürich. Als sie nach drei Aborten vor knapp drei Jahren schwanger geworden war, hätte sie sich nicht vorstellen können abzutreiben. «Obwohl ich nicht besonders religiös bin, wäre es für mich so was wie Gotteslästerung gewesen, wenn ich dieses Kind nicht hätte haben wollen», sagt sie. Vor acht Monaten nun wurde sie erneut schwanger, doch dieses Mal kam für sie und ihren Partner eine Abtreibung sehr wohl in Frage, weil sie sich nicht vorstellen konnten, ein behindertes Kind grosszuziehen. «Egoistisch, ich weiss», sagt Karin S. Also liess sie eine Chorionzottenbiopsie durchführen - der definitive Abtreibungsentscheid blieb ihr erspart, nichts deutete auf eine Behinderung des ungeborenen Kindes hin.

Gleichwohl war sie hin und her gerissen, hatte ständig ein schlechtes Gewissen, weil sie diese Tests dem ungeborenen Kind «zugemutet» hat. Karin S. ärgert sich über ihre «inkonsequente und vor allem widersprüchliche» Haltung, möchte deshalb ihre Meinung auch nicht unter ihrem Namen veröffentlicht sehen. «Ich will mich für mein Tun nicht rechtfertigen müssen», sagt sie und fügt an, heute werde von einer Frau doch fast erwartet, dass sie ein gesundes Kind auf die Welt bringt. «Ich schäme mich fürchterlich, doch ich habe mich beim Anblick einer Mutter mit einem Kind mit Downsyndrom schon gefragt, ob die Frau nicht besser abgetrieben hätte», sagt sie. Es ist ihr anzumerken, wie schwer sie sich mit einer solchen Aussage tut.

Doch Karin S. ist mit derlei Gedanken längst nicht allein. Durch die zunehmenden medizinischen Optionen sinkt die Toleranz gegenüber behinderten Menschen, bestätigt auch Ethikexperte Rehmann-Sutter: «Es gibt vorgeburtlich einen starken Druck, die Gesundheit des Kindes zu garantieren. Das wird zwar nie möglich sein; es gibt aber die Befürchtung, dass Geborene, die nicht in die Norm passen, stärker ausgegrenzt werden.»

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«Positive Eugenik wird salonfähig»

Noch einen Schritt weiter geht Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle. Die von der Wissenschaft geschürte Illusion, genetische Behinderungen könnten vermieden werden, führe zu einem solch starken Druck auf die Frauen, dass der Entscheid, ein behindertes Kind austragen zu wollen, gar «rechtfertigungspflichtig» würde. Vom Recht der Frauen auf Entscheidungsfreiheit, «dem absoluten Minimalstandard», bleibe dann nicht mehr viel übrig. Zudem sieht sie mit Blick nach Norden ihre Befürchtung bestätigt, künftig werde auch die positive Eugenik, das heisst die Verbesserung des Menschen, «salonfähig»: Eine schwedische Reproduktionsklinik wirbt denn schon heute mit dem Slogan: «Wir sind besser als die Natur.»


In-vitro-Fertilisation (IVF)

Eizellen einer Frau werden im Reagenz­glas mit männlichen Samen befruchtet und danach über einen Katheter zurück in die Gebärmutter gespritzt. Befruchtete Eizellen, die überzählig sind, kön-nen tiefgefroren und für weitere Zyklen verwendet werden.
Erlaubt: Europa, USA

Eizellspende
Frauen stellen ihre Eizellen für andere zur Verfügung. Dafür sind eine Hormon­behandlung und eine Operation nötig.
Erlaubt: USA, E
Verboten: CH, D, A, I, N

Pränataldiagnostik
Darunter versteht man die medizinischen Untersuchungen, die während der Schwangerschaft durchgeführt werden können, um eine mögliche Schädigung oder Erkrankung des ungeborenen Kindes zu erkennen. Zu den Methoden gehören:

  • Ultraschalluntersuchung: Damit werden die Organfunktionen und das Wachstum kontrolliert. Ebenso die sogenannte Nackentransparenz beim Ungeborenen. Dieser Test erlaubt eine genauere Risikoabschätzung und dient als Grundlage für weitere Untersuchungen wie Fruchtwasserpunktion oder Chorionzottenbiopsie (siehe unten).
  • Ersttrimestertest: Blutentnahme in der Frühschwangerschaft bei der Frau sowie Bestimmung von Hormon- und Eiweisswerten. Für die Erstellung des statistischen Risikowerts werden die Nackentransparenz und das Alter der Schwangeren hinzugenommen.
  • Chorionzottenbiopsie: Einstich mit der Hohlnadel in den sich bildenden Mutterkuchen durch die Bauchdecke der Frau. Die im Gewebe entnommenen Zellen werden im Labor auf ihren Chromosomensatz hin untersucht, eventuell DNA-Analyse.
  • Fruchtwasseruntersuchung: Einstich mit der Hohlnadel in die Fruchtblase durch die Bauchdecke der Frau. Fruchtwasser mit abgelösten Zellen des Ungeborenen wird entnommen, und die Zellen werden bis zu ihrer Teilung kultiviert, die Chromosomen auf Anzahl und Struktur untersucht.


Die beiden letzteren Tests sind zwar zum Teil umstritten, weil unter anderem ein Fehlgeburtsrisiko von bis zu einem Prozent besteht, sind aber in Europa sowie den USA erlaubt.

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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Dieser Spezialfall der vorgeburtlichen Untersuchung ermöglicht es, die bei einer In-vitro-Fertilisation gezeugten Embryonen genetisch zu untersuchen. Somit lassen sich noch ausserhalb des Mutterleibs im Reagenzglas eventuelle Erbfehler erkennen.
Erlaubt: USA, GB, China
Teilweise erlaubt: DK, F, N, S
Länder wie B, FIN, NL, E oder P verzichten ganz auf eine gesetzliche Regelung und überlassen es den Standesorganisationen.
Verboten: CH, D, A, I

*Name geändert