Beobachter: Wie gefährlich ist ein Kaiserschnitt für Mutter und Kind?
Daniel Surbek
: Das erhöhte Sterberisiko für das Neugeborene gilt nur dann, wenn es vor der letzten Schwangerschaftswoche entbunden wird. Auch gilt es zu bedenken, dass wir von sehr tiefen Risikoraten sprechen. Ende der 37. Schwangerschaftswoche beträgt das Sterberisiko für ein Kind, das auf natürliche Weise zur Welt kommt, zirka 0,3 Prozent und für ein Kaiserschnittbaby rund 0,6 Prozent. Die Genfer Studie besagt grundsätzlich nichts Neues. Sie beruht auf alten Zahlen: So wurden rund 57'000 Geburten im Zeitraum von 1982 bis 2004 untersucht. Hinzu kommt, dass Totgeburten in der Studie kaum berücksichtigt wurden. Weiter stimmt die Zahl der Kinder, die heute aufgrund eines geplanten Kaiserschnitts sterben, wahrscheinlich nicht mehr mit der Zahl der Genfer Studie überein.

Beobachter: Was hat sich verändert?
Surbek
: Mit dem heutigen Wissen über die Risiken geplanter, zu früh durchgeführter Kaiserschnitte operieren die meisten Schweizer Spitäler nicht mehr vor der 39. Schwangerschaftswoche – ausser es gibt einen speziellen Grund oder es handelt sich um einen Notfall. Und auch da muss man unterscheiden, ob das Kind tatsächlich wegen des Kaiserschnitts oder wie in den meisten Fällen aufgrund anderer gesundheitlicher Probleme stirbt. Kaiserschnitte können auch Leben retten. Im Übrigen ist das Sterberisiko während der letzten Schwangerschaftswoche vor dem Geburtstermin für das Kaiserschnittbaby etwa gleich tief wie für ein Kind, das auf natürliche Weise zur Welt kommt.

Beobachter: Weshalb ist das Risiko doppelt so hoch, wenn vor der 39. Schwangerschaftswoche entbunden wird?
Surbek
: Die Lunge ist dann unter Umständen noch nicht vollständig entwickelt und reif. So kann es nach der Geburt zu Atemproblemen kommen.

Beobachter: Wie viele Kinder kommen denn in der Schweiz mittels geplanten Kaiserschnitts zur Welt?
Surbek: In rund 69 Prozent der Fälle handelt es sich um vaginale Geburten, 31 Prozent sind Kaiserschnittgeburten. Davon sind etwa zwei Drittel geplant, und schätzungsweise zwei bis fünf Prozent sind Wunschkaiserschnitte, für die es keinen medizinischen Grund gibt und die ausschliesslich dem Wunsch der schwangeren Frauen entsprechen.

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Daniel Surbek ist Chefarzt der Universitäts-Frauenklinik am Inselspital Bern und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie.