Als die Frau das Sprechzimmer betrat, staunte Doktor Matter nicht schlecht: Die Patientin trug einen Stapel Papier unter dem Arm. Sie hatte aus dem Internet Infos zu ihren Symptomen ausgedruckt und die Diagnose gleich selbst gestellt: Nervenlähmung. «Sie hatte umfassend recherchiert und sich auch gleich informiert, welche Therapie in Frage kommt», erzählt Peter Matter in seiner Praxis in Kilchberg ZH. Der Grund ihres Arztbesuchs: Sie wollte sich absichern und die von ihr angestrebte Cortison-Therapie diskutieren.

Dass Kranke sich vor oder nach dem Arztbesuch immer öfter auf eigene Faust schlaumachen und ihre Erkenntnisse mit dem Hausarzt kontrovers diskutieren, ist längst Alltag. Über Krankheitsbilder, Symptome und Behandlungsmethoden wird überall berichtet, in der Presse oder im Internet, im Fernsehen und am Radio - der Hausarzt ist heute nurmehr eine Informationsquelle unter vielen. Hans-Ulrich Zürcher, Hausarzt in Erlenbach ZH, spricht von einem «Wettbewerb der Glaubwürdigkeiten». Kaspar Schild, Hausarzt in Wohlen AG, beklagt, dass Patienten oft sogar eher den Medien vertrauten und die Kompetenz des Arztes in Frage stellten.

«Mit weniger Patienten mehr zu tun»
Grundsätzlich schlecht ist eine kritische Haltung Ärzten gegenüber nicht, im Gegenteil: «Der informierte Patient ist der bessere Patient, weil er die Empfehlungen des Arztes oft besser befolgt», sagt Hansueli Späth, ehemaliger Präsident der Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Der sogenannte mündige Patient kann im Gesundheitswesen durchaus Kosten sparen, weil er nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt rennt, sondern sich selber informiert, behandelt oder entsprechend vorsorgt. Voraussetzung ist aber, dass er sich auf die Informationsquellen verlassen und die Informationen richtig interpretieren kann.

Doch genau das ist häufig nicht der Fall. Im Internet wimmelt es von Sites, auf denen umstrittene Medikamente oder Behandlungsmethoden einseitig angepriesen werden: Manipulation und Scharlatanerie sind hier Tür und Tor geöffnet. Und selbst verlässliche Informationen können zum Problem werden, wenn Patienten sie nicht richtig einordnen können. Auch wenn die Beschreibungen von Symptomen, Krankheitsverläufen und Behandlungsmethoden oft verständlich formuliert sind: Medizinische Zusammenhänge sind komplex. Krankheit ist individuell und lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad verallgemeinern.

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Wenn viele Hausärzte dem Phänomen des gut informierten Patienten mit Skepsis begegnen, hat das nur zum Teil mit Gram über den Autoritätsverlust zu tun. Vielmehr befürchten sie, dass die Kosten im Gesundheitswesen dadurch letztlich nicht sinken, sondern sogar steigen. «Je mehr Informationen aus unterschiedlichen Quellen auf einen Patienten einwirken, umso mehr Erklärungsbedarf entsteht in der Sprechstunde», sagt Kaspar Schild. Peter Matter meint: «Wir haben mit weniger Patienten mehr zu tun.» Es brauche halt alles ein bisschen mehr Zeit, sagt auch Margot Enz, Hausärztin in Baden.

Wenn es um die eigene Gesundheit geht, fällt Objektivität vielen schwer. Kaspar Schild: «Die wenigsten können mit Wahrscheinlichkeiten umgehen.» Viele gingen tendenziell vom schlimmsten Fall aus, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich betroffen zu sein, sehr gering ist. Was, wenn die Ursache für die stechenden Kopfschmerzen tatsächlich ein Hirntumor ist? Könnten die anhaltenden Rückenschmerzen auf der linken Seite nicht doch auf Krebs hindeuten? «Manche kommen und wollen nur möglichst rasch zur Magnetresonanztomographie in die Röhre. Als Arzt muss ich das dem Patienten dann erst einmal wieder ausreden», so Schild. Nicht immer gelingt das, und die teure Tomographie wird zur Angsttherapie. «Wenn der Verdacht erst einmal im Raum steht, ist er sehr schwierig wieder auszuräumen», sagt auch Hausarzt Hans-Ulrich Zürcher.

Fazit: Die Konsultationen dauern länger, es gibt eine Tendenz zu im Grunde überflüssigen, aber nicht selten teuren Abklärungen. Der Hausarzt verkommt zur Durchgangsstation: da, wo man hingeht, um sich ein Medikament verschreiben oder sich zum Spezialisten überweisen zu lassen. Mit der Verfügbarkeit von Informationen scheint der Aufwand unter dem Strich letztlich zuzunehmen. «Der mündige und deshalb kostensparende Patient ist eine Illusion», bringt es Kaspar Schild auf den Punkt.

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Eine staatliche Gesundheits-Website?
Fragt sich, wie man sich dem Idealbild des mündigen Patienten zumindest nähern könnte: Worauf kommt es an, welche medizinischen Informationen sind verlässlich, wann ist Vorsicht geboten? Klare Empfehlungen für den Medienkonsum oder gar eine Liste vertrauenswürdiger Websites sind weder beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) noch beim Verband der Krankenversicherer, der Santésuisse, noch bei der Patientenorganisation erhältlich. Das BAG klärt im Rahmen der E-Health-Strategie derzeit den Bedarf nach Bewertungslabels für Onlinequellen ab. Diskutiert wird auch, ob der Bund ein eigenes Gesundheitsportal betreiben soll, wie dies etwa in Österreich oder Frankreich der Fall ist. Der Entscheid steht noch aus.

Gewisse Grundregeln bei der Einschätzung von medizinischen Informationen existieren aber durchaus (siehe unten: «Gesundheitsinfos im Internet»). Immer ist aber zu bedenken, dass schriftliche Informationen den persönlichen Dialog mit einer Fachperson nicht ersetzen können - und sei es nur, um die eingeholten Informationen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

So konnte Peter Matter seiner Patientin mit der Nervenlähmung bestätigen, dass sie sich umfassend und korrekt informiert hatte: Nach einem telefonischen Abklärungsgespräch mit dem Spezialisten konnte er ihr grünes Licht für die Therapie geben und das Cortison verschreiben.

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Recherche im Internet: Darauf ist zu achten

Wenn Sie im Internet Informationen über mögliche Ursachen bestimmter Symptome suchen, sollten Sie folgende Hinweise beherzigen:

  • Überprüfen Sie, ob die wichtigsten Behauptungen und Anweisungen mit überprüfbaren Quellen belegt werden. Werden auch Behandlungsalternativen genannt? Werden Wirkung, Nutzen und Risiken der besprochenen Behandlungsmethoden erwähnt? Werden die Auswirkungen, die diese Methoden auf den Alltag und die Lebensqualität haben können, genannt? Werden Wirkung, Nutzen und Risiken einer Nichtbehandlung ebenfalls erläutert? Werden die Kosten transparent aufgelistet? Sie sollten die Mehrheit dieser Fragen mit Ja beantworten können.
  • Vorsicht ist geboten, wenn gar keine Behandlungsalternativen besprochen werden, wenn Erkenntnisse lediglich auf Einzelfällen beruhen, wenn versprochen wird, dass eine bestimmte Behandlung bei allen gleich wirkt, wenn Informationen auf sensationslüsterne, emotionale oder gar angsteinflössende Art vermittelt werden oder wenn nur ein Experte für eine bestimmte Methode genannt wird.
  • Überprüfen Sie, ob die Informationsquelle einen glaubwürdigen Urheber hat: Steckt eine einzelne Firma oder eine Person mit zweifelhaftem Ruf dahinter?
  • Eine Stichwortsuche über Google oder eine andere nicht spezialisierte Suchmaschine liefert oftmals Tausende von Resultaten unterschiedlichster Qualität und ist nicht zu empfehlen. Nutzen Sie stattdessen bekannte Gesundheitsportale wie zum Beispiel:
    www.netdoktor.de
    www.dr-walser.ch
    www.medgate.ch
    www.sprechzimmer.ch
  • Achten Sie auf Gütesiegel für Gesundheitsinformationen im Internet, etwa das Signet des Aktionsforums Gesundheitsinformationssystem, www.afgis.de, oder das international anerkannte Siegel der Stiftung «Health on the Net», www.hon.ch.
  • Wer bereits eine Diagnose hat und sich im Internet detaillierter über die Krankheit informieren möchte, kann das beispielsweise über die Websites der jeweiligen ärztlichen Fachgesellschaften tun. Dort finden sich oft Hinweise zu weiterer Literatur sowie Links zu Portalen krankheitsspezifischer Organisationen wie der Lungenliga, der Rheumaliga oder der Krebsliga. Eine nach Beschwerden organisierte Linkliste ist auch zu finden unter www.patientenorganisationen.ch.