7_00_rg_hirn.jpgSeit David acht Monate alt ist und krabbeln kann, hat seine Mutter keine ruhige Minute mehr. Auf Händen und Füssen entdeckt der Kleine die Wohnung und lernt so das Mobiliar kennen. Was nicht dingfest ist, reisst er herunter, in jede Lücke kriecht er hinein. Und weil er den Uberblick haben will, klammert er sich mit seinen Händchen am Tisch fest und stemmt sich in die Höhe. Doch jetzt zahlt David den Preis für seine Entdeckerlust: Er kippt um und schlägt mit dem Hinterkopf an der Tür auf. Ein dumpfer Ton, danach herrscht für den Bruchteil einer Sekunde Totenstille. Ein Riesenschreck für Kind und Mutter gleichermassen.

David will nicht mehr aufhören zu schreien, obwohl die kleine Wunde am Kopf schon bald nicht mehr blutet. Der Schlag war für ihn offenbar schlimmer als die Impfung beim Kinderarzt. Auch damals hatte er in der Praxis herzzerreissend geweint. Aber so?! Hat der Kleine vielleicht eine Hirnerschütterung? Davids Mutter stürzt sofort ans Telefon: Notfalltermin beim Kinderarzt.

Bei jedem Verdacht den Arzt rufen

Eine Hirnerschütterung im medizinischen Sinn geht mit einer Bewusstseinsstörung einher. Diese kann von sehr kurzer Dauer sein, so dass sie von Aussenstehenden nicht immer bemerkt wird. Es ist möglich, dass ein Verunglückter mit Hirnerschütterung nach einem Unfall sofort wieder aufsteht und herumgeht. Befragt man ihn aber, wie es zum Unfall kam, dann kann er sich nur noch schwach oder überhaupt nicht mehr erinnern. Er hat für die Zeit vor dem Unfall Gedächtnislücken. Sehr dramatisch für Aussenstehende ist es, wenn der Verunfallte bewusstlos ist.

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Bei jedem Verdacht auf eine Hirnerschütterung muss ein Arzt oder eine Ärztin eingeschaltet werden. In der Regel wird der Patient während mindestens 24 Stunden im Spital überwacht. Röntgenbilder des Schädels müssen angefertigt werden, um allfällige Knochenbrüche festzustellen. Je nach Schwere der Verletzung und Unfallhergang werden Schichtbilder des Kopfes und Röntgenbilder der Halswirbelsäule gemacht. Eine medikamentöse Behandlung ist bei einer gewöhnlichen Hirnerschütterung, die durch ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma verursacht wird, selten nötig. Treten keine Komplikationen auf, kann der Patient das Spital schon am nächsten Tag wieder verlassen.

Kopfweh und Schwindelgefühle

Bei kleinen Kindern ist es oft schwierig, eine Hirnerschütterung richtig zu diagnostizieren besonders wenn sie noch nicht sprechen können. Für den Arzt sind dann die Angaben der Eltern entscheidend, die gesehen haben, wie das Kind verunfallt ist. Im Gegensatz zu Erwachsenen kann bei einem Kind aber auch ein banales Schädel-Hirn-Trauma zu dramatischen Symptomen mit Bewusstseinsstörung und Verwirrtheit führen, die dann aber wieder spontan und vollständig abklingen. Oft klagen Kinder mit einer Hirnerschütterung über diffuse Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Es ist ihnen übel, und sie müssen oft mehrmals erbrechen. Diese Symptome können über einige Tage anhalten.

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Jugendliche und Erwachsene bemerken nach einem Sturz oder Schlag auf den Kopf gelegentlich eine leichte Hirnleistungsschwäche. Sie leiden unter Gedächtnisstörungen und können sich nur schlecht auf eine Sache konzentrieren. Zudem fühlen sie sich rasch ermüdet und sind reizbar. Sind Kopfschmerzen, Erbrechen und Schwindel ausgeprägt und hartnäckig, wird der Arzt während einiger Tage Bettruhe verordnen und Medikamente verschreiben, die Linderung verschaffen.

Eine Hirnerschütterung sollte folgenlos abheilen. Sonst muss an der Diagnose gezweifelt werden. Lange Zeit wurde angenommen, dass das Hirn durch den Schlag nur «durchgerüttelt» wird; das kann eine vorübergehende Funktionsstörung verursachen, hat jedoch keine anatomischen Veränderungen zur Folge. Diese Ansicht gilt heute als veraltet. Mit Hilfe der Kernspintomographie kann man heute feinste Verletzungen im Hirngewebe nachweisen, die aufgrund von Scherkräften auftreten. Damit es aber so weit kommt, braucht es einen relativ harten Schlag auf den Kopf. Ein Zusammenprall mit einer Tür reicht in den meisten Fällen nicht.

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Der Schmerz ist schnell vergessen

Die Botschaft vom Kinderarzt ist für Davids Mutter sehr tröstlich. Die Wunde am Kopf des Kleinen muss nicht einmal genäht werden; Wunden in der Kopfhaut heilen sehr schnell. Der Arzt sprüht Desinfektionsmittel darauf und fertig. Das grosse Schaukelpferd im Wartezimmer und das Guetsli von der Arztgehilfin tun das ihrige, um David zu beruhigen. Schon begibt er sich wieder auf Entdeckungsreise, diesmal in der Arztpraxis. Die Neugier siegt über Schrecken und Schmerz. David wird wohl weiterhin die Wohnung erkunden. Kleinere Stürze, blaue Flecken und ab und zu eine blutende Wunde werden noch eine Weile zu seinem Alltag gehören.

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