Kathrin Mühlemann, 50, ist leitende Infektiologin am Berner Inselspital, ordentliche Professorin für ­Klinische Mikrobiologie an der Universität Bern und Kodirektorin des Instituts für Infektionskrankheiten.

Beobachter: Das Schweinegrippe-Virus Influenza A/H1N1 hat bisher weltweit wenige Dutzend Menschen das Leben gekostet, an einer normalen Grippe sterben hingegen jedes Jahr Hunderttausende. Ist die Angst vor der Schweinegrippe nicht völlig übertrieben?
Kathrin Mühlemann: Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Die Zahlen zu einer normalen Grippe beziehen sich jeweils auf das Ende einer Epidemie. Bei der Schweinegrippe hingegen stehen wir erst am Anfang. Die Welt kennt dieses Virus erst seit Mitte April. Die Zahl der Infizierten erhöht sich zurzeit noch jeden Tag, und in Mexiko liegt die Sterblichkeitsrate derzeit immer noch bei zwei Prozent – so hoch wie bei der Spanischen Grippe, die 1918/19 Millionen von Opfern forderte.

Beobachter: Trotzdem: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Ende April die Pandemiestufe 5 ausgerufen, die zweithöchste Alarmstufe für die weltweite Verbreitung einer Krankheit. Ist das nicht übertrieben?
Mühlemann: Nein. Das war absolut korrekt. Stufe 5 heisst, dass grössere Ausbrüche des Virus und erhöhte Ansteckungsraten von Mensch zu Mensch stattfinden. Sie drückt also nur das Verbreitungspotential aus. Damit ist gar nichts über die Gefährlichkeit des Virus gesagt. Das wird oft missverstanden.

Beobachter: Einige Medien geben angesichts der geringen Zahl von Todesfällen bereits Entwarnung.
Mühlemann: Viele Medien informieren schlecht über das Thema. Als das Virus Influenza A/H1N1 erstmals auftrat, schrieb eine Schweizer Zeitung vom «Todesvirus». So wurde Panik verbreitet und ein Schreckgespenst hochbeschworen. Dieselben Medien vermelden nun, dass sich das Virus als harmlos herausgestellt habe – was auch wieder nicht stimmt. Für eine Entwarnung ist es zu früh.

Beobachter: Weder gefährlich noch harmlos – was denn nun?
Mühlemann: Ich würde das Virus nicht als gefährlich bezeichnen, sondern als besonders. Bei «gefährlich» schwingt zu viel Katastrophe und Panik mit. Das Virus A/H1N1 ist besonders, weil es völlig neuartig ist und wir davon ausgehen müssen, dass niemand auf der Welt immun dagegen ist. Deshalb könnten im Fall einer weltweiten Verbreitung mehr Leute an Schweinegrippe erkranken als an einer normalen saisonalen Grippe. Wir gehen davon aus, dass sich in einer Pandemie, also bei einer weltweit ausbrechenden Krankheit, rund 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung infizieren würden. Wir wissen aber nicht, wie viele Leute nur eine leichte Erkältung spüren, wie viele schwer erkranken oder gar sterben würden.

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Beobachter: Hängt das auch vom allgemeinen Gesundheitszustand ab?
Mühlemann: Man kann davon ausgehen, dass – wie bei der saisonalen Grippe – Menschen mit schlechtem Gesundheitszustand anfälliger sind für einen schweren Verlauf. Das könnte erklären, weshalb in Mexiko mehr Leute an diesem neuen Virus gestorben sind als in Nordamerika oder Europa. In Mexiko gibt es mehr Leute mit einem schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand.

Beobachter: Für Schweizerinnen und Schweizer besteht aber keine Gefahr.
Mühlemann: Zurzeit ist Panik sicher falsch. Wir wissen aber nicht, wie sich das Virus weiterentwickeln wird. Bei der Spanischen Grippe war die erste Welle von Infektionen ebenfalls relativ harmlos. Dann hat das Virus sich verändert und ist ein halbes Jahr später in einer tödlicheren Form zurückgekehrt. Ob dies auch mit dem neuen Virus geschehen wird, weiss im Moment niemand.

Beobachter: Ist es also von Vorteil, wenn man sich jetzt mit der milden Form des Virus ansteckt, weil man dann gegen die aggressivere Form besser geschützt ist? Sollte man da nicht – wie bei den Masern – Schweinegrippe-Partys veranstalten?
Mühlemann: (Lacht.) Nein. Solche Schweinegrippe-Partys wären sicher unsinnig. Zum einen wissen wir nicht, ob eine solche Infektion vor einer allfälligen aggressiveren Form schützen würde, zum anderen würde ein solches Verhalten die weitere Verbreitung und damit den Schritt in eine Pandemie unterstützen. Das würde vor allem ärmere Länder hart treffen.

Beobachter: Gibt es bis zum nächsten Winter einen Impfstoff gegen das Schweinegrippe-Virus A/H1N1?
Mühlemann: Es ist durchaus möglich, dass es in ein paar Monaten den Prototypen eines Impfstoffs geben wird. Eine entscheidende Frage wird aber sein, ob der Impfstoff schnell in grossen Mengen hergestellt werden kann.

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Beobachter: Die Schweiz ist im Pandemiefall auf das Ausland angewiesen, weil der Bund seit 2005 nicht mehr auf inländische Impfstoffproduktion setzt. Rächt sich jetzt dieser Entscheid?
Mühlemann: Das ist eine schwierige Frage. Es wäre natürlich angenehm, wenn wir für etwas so Wichtiges wie einen Pandemieimpfstoff nicht vom Ausland abhängig wären. Anderseits müssen wir auch andere Produkte wie zum Beispiel Gesichtsmasken und Antibiotika aus dem Ausland importieren.

Beobachter: Sars-, Vogelgrippe- und jetzt Schweinegrippe-Alarm. Immer war es am Ende nicht so schlimm, wie zu Beginn gemeldet. Stumpft da die Bevölkerung nicht ab und wird im entscheidenden Pandemiefall gar nicht mehr reagieren?
Mühlemann: Das wäre fatal. Wie gesagt: Für den Alarmismus sind hauptsächlich die Medien verantwortlich. Die Behörden haben sachlich und unaufgeregt informiert. Zudem war Sars alles andere als harmlos: Nur dank dem Einsatz vieler Leute konnte die Verbreitung dieses äusserst gefährlichen Virus eingedämmt werden, so dass in der Schweiz niemand daran sterben musste.

Beobachter: Wird es in Zukunft regelmässig solche Alarmmeldungen geben?
Mühlemann: Ja. Mit Epidemie- und Pandemiewarnungen wird man rechnen müssen. Es ist besser, dazu ein «natürliches Verhältnis» zu entwickeln – ähnlich wie zum winterlichen Lawinenbulletin. Das bezeichnet man ja auch nicht als Panikmacherei.

Beobachter: Wieso ist das so? Vor zehn Jahren gab es noch kaum solche Pandemiemeldungen.
Mühlemann: Das hängt mit der Globalisierung und mit den sich wandelnden Lebensverhältnissen zusammen. Wir wollen reisen und fremde Länder sehen. Damit dienen wir Infektionserregern ungewollt als Transportmittel. Ebenso wollen wir exotische Nahrungsmittel essen oder exotische Haustiere halten. Auch mit solchen Transporten ergibt sich immer die Möglichkeit, dass fremde Erreger eingeschleppt werden. Wenn wir Massentierhaltung anwenden oder in neue Ökosysteme eindringen, geben wir Infektionserregern, die sonst nur beim Tier vorkommen, die Gelegenheit, auf den Menschen überzugehen.

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Beobachter: Welche Vorsichtsmassnahmen sind für Schweizerinnen und Schweizer derzeit sinnvoll?
Mühlemann: Einfache Hygieneregeln wie häufiges Händewaschen sowie Niesen und Husten ins Taschentuch und anschliessendes Händewaschen sollten zur alltäglichen Routine werden. Ausserdem ist es sinnvoll, eine Packung Gesichtsmasken als Notvorrat zu Hause zu haben. Tamiflu gehört hingegen nicht in die Hausapotheke. Tami-flu ist ein rezeptpflichtiges Medikament, das man nicht auf Vorrat horten, sondern nur bei konkreten Symptomen auf Verordnung eines Arztes kaufen und anwenden sollte.