Jeder fünfte Mann kenne das Problem des vorzeitigen Samenergusses, heisst es in einer Umfrage mit dem Titel «Sex­report». Der Beischlaf könne wegen dieser «Sexualfunktionsstörung» zur «Zerreissprobe» werden, das Leiden gar zur Trennung führen. Auftraggeber des Reports ist der italienische Pharmakonzern Menarini. Er hält die Lizenz für Priligy, das einen Wirkstoff aus der Klasse der Antidepressiva enthält und gegen vorzeitigen ­Samenerguss wirken soll. Und das will man Schweizer Männern verkaufen.

Professor als Kontaktperson

Für Priligy sollte möglichst diskret geworben werden: Weder der Hersteller noch das Produkt wird im «Sexreport» erwähnt, bloss ein Professor Dr. Johannes Bitzer vom Unispital Basel als Kontaktperson für fachliche Fragen. Er soll der wissenschaftlich nicht gestützten Umfrage als Gynä­kologe und emeritierter Uniprofessor offensichtlich eine Aura von Seriosität verleihen. Dass Me­narini den Anschein erweckt, das Universitätsspital Basel habe die Umfrage durchgeführt, sei nie im Sinne des Unispitals gewesen, sagt dessen Sprecherin Sabina Heuss. «Professor Bitzer sollte eigentlich als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Sexologie auftreten.»

Diese Gesellschaft hat sich laut Website der Aufklärung in Sachen frühzeitiger Samen­erguss verschrieben. Sogar ein TV-Spot sei geplant, heisst es. Zudem wird an prominenter Stelle auf die Internetplatt­form Notjust­amoment.ch verwiesen – die von Menarini gesponsert wird. Und die, wenig estaunlich, mehrfach die «pharma­­kologische Lösung» preist.

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Ergussverzögerer Priligy: Die Werbemaschinerie läuft auf Hochtouren.

Quelle: Thinkstock Kollektion

«Massenleiden erfunden»

«Wir haben Johannes Bitzer als Mitglied der Swiss Society of Sexology ausgewählt, aber aus praktischen Gründen seine ­Arbeitsadresse angegeben», sagt Menarini-Sprecher Thomas Schlecht. Es habe sich keineswegs um eine absichtliche Irreführung gehandelt. Das darf bezweifelt werden. «Pharmakonzern erfindet Massen­leiden», titelte das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» vor einem Jahr. Damals hatte Mena­rini in Deutschland für Priligy eine ähnliche Marke­ting­kampagne gefahren. Das teure Medikament (bis zu 13 Franken pro Pille) wird übrigens hierzulande als Lifestyle-Mittel nicht von der Krankenkasse bezahlt.

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In den USA wurde es gar nicht erst zugelassen.