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Masern«Es gibt noch viel zu viele Ungeimpfte»

Die Zahl der Schweizer Masernfälle ist in diesem Jahr wieder gestiegen. Weshalb Kinder dringend geimpft werden müssen, ein Obligatorium aber unrealistisch ist, erklärt der Arzt Christoph Berger.

87 Prozent der Zweijährigen sind gegen Masern geimpft.
von aktualisiert am 19. September 2017

Beobachter: Die WHO will Masern weltweit eliminieren. In der Schweiz sollte das Ziel bis 2015 erreicht werden, das hat aber nicht geklappt.
Christoph Berger: Ja, leider. Als masernfrei gilt ein Land, wenn 95 Prozent der Bevölkerung entweder geimpft sind oder die Krankheit bereits hatten. Finnland ist dank einer guten Kampagne seit 20 Jahren masernfrei. Auch in ganz Nord- und Südamerika sowie Australien wurde dieses Ziel bereits erreicht. Bei uns gibt es aber leider noch viel zu viele Ungeimpfte.

Beobachter: Laut dem Bundesamt für Gesundheit sind 87 Prozent der Zweijährigen und 93 Prozent der 16-Jährigen gegen Masern geimpft. Das hört sich doch nicht schlecht an?
Berger: Das ist nicht schlecht, aber nicht gut genug. Bei den Zweijährigen wäre eine höhere Quote wünschenswert! Glücklicherweise sind die wenigsten Erwachsenen strikte Impfgegner. Die meisten sind einfach schlecht informiert, sehen keinen Anlass, die fehlende Impfung nachzuholen oder fürchten sich vor den Nebenwirkungen. Die sollten wir überzeugen.

Beobachter: Wie?
Berger: Durch sachliche Aufklärung. Bei der Masernimpfung werden im Gegensatz zu anderen Impfungen lebende, abgeschwächte Viren gespritzt. Diese lösen im Körper eine kleine Infektion aus, werden aber erkannt und beseitigt. Durch die körperliche Anstrengung mit Entzündungen kann es zu Fieber oder Ausschlägen kommen. Das immunologische Gedächtnis merkt sich die Viren allerdings und sorgt dafür, dass sie bei einem späteren Kontakt erkannt und bekämpft werden. Ich sage niemandem, dass die Impfung keine Nebenwirkungen hat. Grundsätzlich läuft die Impfung fast immer ohne oder mit nur ganz milden Symptomen ab. Das Risiko für eine schwere Erkrankung ist unvergleichlich viel kleiner beziehungsweise praktisch fehlend im Vergleich zur Erkrankung an Masern.

Beobachter: Wird das Immunsystem nicht stärker, wenn man Masern einfach «durchsteht»?
Berger: Ein Argument, das immer wieder kommt. Bis in die 70er-Jahre gab es in der Schweiz keine Impfung, weshalb Masern-Infektionen häufig waren. Dabei starben jährlich ein paar Dutzend Infizierte, andere haben Folgen, viele standen die Krankheit aber auch durch und waren danach immun. Wir leben aber nicht mehr in den 70ern und haben die Impfung! Es gibt genug ungefährliche Bakterien und Viren, welche das Immunsystem stärken. Masern sind hochansteckend und zu gefährlich.

Beobachter: Zu welchen Komplikationen kann es kommen?
Berger: Am häufigsten kommt es zu Lungenentzündungen, die oft eine stationäre Behandlung nach sich ziehen. Auch Mittelohrentzündungen kommen immer wieder vor. In einem von 1000 Fällen erkranken Betroffene an einer Gehirnentzündung (Enzephalitis), eine von 3000 Personen stirbt sogar. Sehr selten, aber extrem brutal ist eine schleichende Hirnentzündung (subakute skleriosierende Panenzephalitis), die Hirnzellen abtötet und in jedem Fall zum Tod führt. Wenn man sich gegen solche Krankheiten impfen kann, dann sollte man sich und anderen diesen Gefallen tun. 

Beobachter: Wer sich ansteckt, hat sich selber ja auch nicht geimpft.  
Berger:
Nicht unbedingt. Sehr gefährdet sind ganz kleine Kinder und Menschen mit Immunschwäche, da sie nicht geimpft werden können. Das kann sehr schnell gefährlich werden. Je mehr Ungeimpfte zusammenkommen, desto besser können sich Masern verbreiten.

Beobachter: Adriano Aguzzi, Forscher an der Universität Zürich, fordert ein Impf-Obligatorium für Kinder. Ungeimpfte Kinder sollten seiner Meinung nach gar nicht erst eingeschult werden. Was halten Sie davon?
Berger: «Impfpflicht» ist schnell gesagt, in verschiedenen Ländern aber unterschiedlich kompliziert. Nach der schweizerischen Gesetzgebung und unserem Verständnis ist ein Impf-Obligatorium für Masern nicht verhältnismässig. Man kann Personen nicht zwingen und sie nicht einsperren, wenn sie sich weigern. Anders ist es beispielsweise bei einer Hochrisikoabteilung im Spital: Da kann die Impfung durchaus ein Einstellungskriterium sein.

Beobachter: Dem Staat sind also die Hände gebunden.
Berger: Nicht unbedingt. Am besten helfen Information und Aufklärung: Einerseits durch Kampagnen, andererseits aber auch durch Kinderärzte, Krippenleiter und Lehrer. Diese können den Impfstatus der Kinder kontrollieren oder kontrollieren lassen. Eltern müssen auf die Risiken einer Erkrankung hingewiesen werden!  

 

Christoph Berger ist Facharzt FMH für Kinder- und Jugendmedizin sowie für Infektiologie am Universitäts-Kinderspital in Zürich.

Mehr zu Masern

Bei Masern handelt es sich um eine der ansteckendsten Infektionskrankheiten. Oft beginnt sie mit Schnupfen, Husten, Fieber sowie roten Flecken und klingt nach fünf bis zehn Tagen wieder ab. Masern können aber auch zu schweren Komplikationen führen. Eine Impfung ist die einzige Präventionsmöglichkeit. Es wird empfohlen, im Alter von 12 Monaten eine erste Dosis zu verabreichen, im Alter von 15 bis 24 Monaten eine zweite. 

Mehr zu Symptomen, Diagnose und Therapie finden Sie hier