«Schweinegrippe» beleidige Juden und Muslime, sagte kürzlich Jakov Litzman, stellvertretender israelischer Gesundheitsminister. «Wir sollten lieber von einer ‹Mexikanischen Grippe› sprechen.» Weil das Schwein im Judentum und im Islam ein unreines Tier ist, bereitet es Gläubigen grosses Unbehagen, dessen Namen in den Mund nehmen zu müssen.

Schweinezüchtern auf der ganzen Welt bereitet es dagegen Unbehagen, dass Fleischkonsumenten das Schwein an sich nicht mehr in den Mund nehmen wollen. Dies, obwohl das Borstenvieh gar nicht Träger des gefürchteten H1N1-Virus ist.

Der Name Schweinegrippe vermittelt also einen falschen Eindruck, genau wie die Bilder von schutzbekleideten Virologen, die mit Wattestäbchen und Pipetten in Rüsseln von verängstigten Säuen herumstochern.

Wer infiziert wen?

Die Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, Proviande, will aufklären: Schweinefleisch könne bedenkenlos gegessen werden, heisst es in einer Medienmitteilung. Man spreche nur von Schweinegrippe, weil das Virus eine Verschmelzung von Schweine-, Vogel- und Menschenviren sei. Es gebe keine Anzeichen für eine Übertragung von Tier zu Mensch. Ganz im Gegensatz zur Gegenrichtung: In Kanada soll ein angesteckter Landwirt seine Schweineherde infiziert haben. «Kanadische Schweinezüchtergrippe» also?

Die World Organisation for Animal Health (OIE) möchte bei der Namensgebung auf die regionale Verbreitung des Erregers Bezug nehmen, wie dies etwa bei der Spanischen und der Asiatischen Grippe getan wurde. Der Vorschlag der OIE: «Nordamerikanische Grippe». Nach dem Motto «Das eine tun, das andere nicht lassen» versuchte die Zeitung «Südostschweiz» mit der Schöpfung «mexikanische Schweinegrippe» das Ungemach breiter zu verteilen.

Als wäre der Konfusion nicht genug, bringt sich das Europäische Seuchenkontrollzentrum (ECDC) mit der Bezeichnung «Neue Grippe» in die Diskussion ein. Und ein Delegierter der israelischen Regierung hat mittlerweile Litzmans Vorschlag der «Mexikanischen Grippe» als Versprecher zurückgenommen.

Nun hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Weisung herausgegeben, künftig nur noch die Virenbezeichnung A/H1N1 zu verwenden. Ein diplomatischer Geniestreich! Um getanes Unrecht nicht fortzuführen, sollte diese Sprachregelung auch auf vergangene Epidemien angewandt werden. Die Spanische Grippe war ein Subtyp A/H1N1, genauso die Russische Grippe von 1977. Bereits 1889 grassierte der Subtyp A/H2N2, der 1957 als Asiatische Grippe erneut die Runde machte. Und erst kürzlich zirkulierte Subtyp A/H5N1, vormals bekannt als Vogelgrippe. Aha. Was war noch mal Typ A/H1N1? Genau: die Schweinegrippe.

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