Der ETH-Professor Ernst Hafen hat öffentlich Genanalysen für alle propagiert und damit ­eine Debatte lanciert. Der Genetiker befürwortet Gentests, wie sie private Firmen wie 23andme ­anbieten. Profitieren könnten laut Hafen sowohl die Teilnehmenden als auch die Forschung insgesamt. Seine Argumentation: Wenn möglichst viele Menschen ihr Erbgut analysieren liessen, bringe das die Forschung weiter, da mehr Daten zu Vergleichszwecken vorhanden seien.

Die kalifornische Firma 23andme lädt Interessierte ein, ihr eine Speichelprobe zu senden. Für einige hundert Dollar sucht sie das darin enthaltene Erbgut nach genetischen Variationen ab und erstellt ein Profil über Krankheitsrisiken. Der Kunde kann die Analyse im ­Internet über eine gesicherte Plattform abrufen. Er ­erfährt beispielsweise, wie hoch sein Risiko ist, an ­Diabetes oder multipler Sklerose zu erkranken.

Unter Kollegen erntet Hafen Kritik. Der Human­genetiker Andreas Papassotiropoulos von der Uni Basel hält seinen Vorstoss für verfrüht. Die Expertenkommission für genetische Untersuchungen beim Menschen rät von Gentests via Internet ab, da sich nur sehr begrenzt Aussagen über individuelle Krankheitsrisiken machen liessen.

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Der britische Biologe und Sozialwissenschaftler ­Nikolas Rose hat das Zentrum für Biowissenschaften und Gesellschaft an der London School of Economics gegründet und ist seit 2012 Leiter des Departements für Sozialwissenschaften, Gesundheit und Medizin am King’s College in London. Der Experte beurteilt den Nutzen von Genanalysen weniger euphorisch und macht auch Gefahren aus.

BeobachterNatur: Ernst Hafen von der ETH Zürich ­propagiert Gentests für alle. Je mehr wir über das Erbgut vieler Menschen wüssten, umso besser könnten die Leute behandelt werden, sagt er. ­Würden Sie mitmachen?
Rose: Ob ich mitmachen würde oder nicht, ist unerheblich. Aber auf alle Fälle bin ich mit dem Fliegengenetiker Hafen nicht einverstanden.

BeobachterNatur: Wieso nicht?
Rose: Die Analyse des Erbguts liefert für die häufigen Krankheiten keine relevanten medizi­ni­schen Informationen. Ich spreche von Herzinfarkt, Hirnschlag, Diabetes, psychischen Erkrankungen oder Alzheimer, sogenannt komplexen Krankheiten. Erbgutanalysen sind nur bei einer sehr kleinen Zahl von monogenetischen Krankheiten, die durch ein einzelnes Gen verursacht werden, sinnvoll. Sonst ist das Erbgut-Screening unnötig und unklug.

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BeobachterNatur: Warum?
Rose: Wir wissen nicht genug über Gene und ihren Beitrag zur Entstehung komplexer ­Krankheiten, um vernünftige Prognosen zu machen. Die Gene sind nicht das Buch des Lebens. Sie sind nicht das Buch des Schicksals oder des Charakters. Sie sagen nicht, ob man eine psychische Krankheit entwickelt oder nicht. Für sich allein sagen die Gene nicht viel aus. Mit Erbgutanalysen kann man ­lediglich kleine Risikobeiträge feststellen, die schwer interpretierbar sind und sich auf das ganze Leben beziehen. Sie sagen zum Beispiel für eine Person eine Risikoerhöhung für Hirnschlag von 1 zu 10'000 auf 2 zu 10'000 voraus. Alle Fachgremien und professionellen Genetiker, die ich kenne, empfehlen ein genetisches Screening nur bei gros­sen familiären Risiken und begründetem Verdacht auf eine monogenetische Krankheit. Die überwiegende Mehrheit der Forscher ist der Meinung, dass für die meisten Krank­heiten kein gemeinsames genetisches Muster existiert, das bei allen Menschen gleich ist. Stattdessen gibt es vermutlich seltene Genvarianten, die in den betroffenen Individuen zur Krankheit führen. Und diese sind von Person zu ­Person verschieden.

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BeobachterNatur: Ernst Hafen beruft sich auf ­Firmen wie 23andme, die über das Internet weltweit zugänglich sind. Man schickt eine ­Speichelprobe ein und erhält ein Risikoprofil. Halten Sie ­davon nichts?
Rose: Diese Firmen versuchen ihren Kunden weiszumachen, ihre genetischen Informationen seien hilfreich. Gleichzeitig ­raten sie von medizinischen Entscheiden aufgrund der Tests ab. Wohl weil die Firmen um die Schwächen der Tests wissen. Vergleicht man Test­ergebnisse verschiedener ­Firmen, erhalten dieselben Personen teils widersprüch­liche Angaben über Krankheitsrisiken. Diese Vorher­sagen sind mehr oder weniger nutzlos. Es bringt mehr, die Familiengeschichte und die Todesursachen der Eltern und Grosseltern zu untersuchen.

BeobachterNatur: Warum sind die Tests dann auf dem Markt?
Rose: Es geht um Forschung und Geld. Die Firmen propagierten ihre Tests zunächst sehr offensiv. Dann wurde ihnen in den USA untersagt, einen direkten Nutzen zu versprechen. Nun dürfen sie ihre Tests nur als Hilfestellung für medizi­nische Entscheidungen pro­pagieren, die von Ärzten ­getroffen ­werden müssen.

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BeobachterNatur: Die Tests nützen also wenig. Können sie auch schaden?
Rose: Es gibt heikle Bereiche, weniger im Gesundheits- als im ­sozialen Bereich. Hier könnten genetische Daten missbraucht werden. Menschen könnten aufgrund dürftiger genetischer Daten als asozial, aggressiv oder unbelehrbar abgestempelt werden. Die Gefahr einer sozialen Stigmatisierung halte ich für realistisch.

BeobachterNatur: Sehen Sie weitere Probleme?
Rose: Es darf nicht passieren, dass wir aufgrund falsch oder schlecht verstandener genetischer Risiken in irgendeiner Form Menschen schaden. Der Risikobegriff steht auf dem Prüfstand. Ein kleines genetisches Risiko könnte zu übereilten medizinischen Eingriffen führen. Da sehe ich ein ­Dilemma auf uns zukommen, eine subtile Gefahr, die sich einschleicht.

BeobachterNatur: Wieweit kann ein unerfreuliches Testergebnis – zum ­Beispiel ein erhöhtes Risiko für Alzheimer – ­einen Menschen erschüttern?
Rose: Als die ersten Tests lanciert wurden, gab es diese Befürchtungen. Man nahm an, die Leute würden depressiv, wenn sie von einem erhöhten Krankheitsrisiko erfahren. Oder der Partner könnte sie verlassen. Aber ich kenne keine Berichte, die diese ­Befürchtungen bestätigen.

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BeobachterNatur: Führen die Ergebnisse von ­Gentests zur Diskriminierung durch Versicherungen?
Rose: Die Versicherungen interessieren sich weniger für solche Tests als für den familiären Hintergrund. Diese Informa­tionen sind hilfreicher als das Wissen über leicht erhöhte Krankheitsrisiken.

BeobachterNatur: Müssen wir mit einer Rückkehr der Eugenik rechnen?
Rose: Es gibt natürlich Leute, die auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts blicken und genau das befürchten. Dass Gentests von Eltern und Ärzten missbraucht werden könnten, um pränatal Wunschkinder mit bestimmten Eigenschaften zu selektionieren. Ich sehe diese Gefahr nicht. Genanalysen werden aber heute schon bei schweren familiären Erbkrankheiten, die auf ein Gen oder eine Chromosomen­änderung zurückgehen, zur Selektion verwendet. Aber nicht mit «Internet-Tests», sondern mit validierten Gentests, die von medizinischen Fachleuten und Beratern durchgeführt und interpretiert werden.

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BeobachterNatur: Im Moment gibt es also kaum Risiken. Aber das könnte sich ändern.
Rose: Die Situation könnte sich rasch ändern, falls wir eine Kombination von Genvarianten für häufige Krankheiten finden, die eine klare Vorhersage des Risikos erlauben. ­Daran glaube ich aber nicht. Sicher wird es viele heikle Daten geben. Das kennen wir schon heute von den Vaterschaftstests. Aber ich glaube nicht an eine gefährliche Entwicklung aufgrund unseres genetischen Wissens.

BeobachterNatur: Wenn die Tests so wenig bringen, wieso ­investieren Pharmafirmen wie zum Beispiel Roche Milliardensummen in Technologien, um das Erbgut zu sequenzieren?
Rose: Diese Firmen versprechen sich viel von der individualisierten Medizin. Gentests können hilfreich sein zur Klärung, ob einem Patienten eher das Medikament A oder B abgegeben werden soll. Solche Möglichkeiten gibt es zum Beispiel bereits im Bereich der Krebsbehandlung. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich bin nicht der Meinung, dass genetische Untersuchungen zum Verständnis von Krankheiten nutzlos sind. Aber je mehr wir wissen, desto mehr realisieren wir die enorme Komplexität der Umwelt­einflüsse auf die Gene. Dieses Zusammenspiel beginnt bei der Zeugung und ändert sich im Verlauf der Zeit. Dass die Genetiker daran arbeiten, ist richtig.

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BeobachterNatur: Wird um die Tests zu viel Aufhebens gemacht?
Rose: Obwohl viel darüber geschrieben wird, ­wissen wir nicht genau, wie viele Menschen diese Untersuchungen gemacht haben. Ich vermute, dass es nur eine kleine Zahl von Personen ist. Und die hatten wahrscheinlich spezielle Gründe dafür.

BeobachterNatur: Ein Missverständnis im Zusammenhang mit den Tests rührt wohl daher, dass die breite ­Öffentlichkeit den Genen eine zu wichtige Rolle beimisst.
Rose: Das stimmt. Die Leute sprechen vom Gen für das und vom Gen für jenes. Die Presseabteilungen der Universitäten und Firmen fördern diese falsche Sicht, indem sie in ­ihren Mitteilungen ­die Rolle von Genen übertreiben. So heisst es dann, das Gen für Depression, Aggression oder Alzheimer sei gefunden. Bei genauer Betrachtung lässt sich diese Interpretation nicht halten. Wir müssen erst noch lernen, Gene zu lesen und zu verstehen. Wir stehen erst am Beginn. Zum Glück ist das Leben viel komplizierter, als manche Leute fürchteten.

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