Es begann damit, dass ein Hund nach ihm schnappte. Der Biss hinterliess eine Schramme am Bein und Sorgen im Kopf. Es war 2005, Tino Plancherel war gerade in den Ferien im Tessin. Als an­gehender Naturheilarzt wusste er: Hundebisse können zu Starrkrampf führen und tödlich enden.

Wieder zu Hause, suchte er in seinem Impfbuch nach der letzten Tetanusimpfung: 1989, stand dort – das war 16 Jahre vor dem Biss. ­Gemäss Bundesamt für Gesundheit sollte die Tetanusimpfung aber alle zehn Jahre aufgefrischt werden.

Plancherel war besorgt und rief ein ­medizinisches Beratungszentrum an. Gemeinsam wog man ab und entschied sich abzuwarten. Plancherel wusste, dass die Krankheitssymptome bei einer Infektion innert zweier Wochen auftreten würden. Prompt bekam er nach zehn Tagen Muskelschmerzen und leichte Krämpfe im Bein – die ersten Anzeichen von Tetanus. Die Krämpfe hielten mehrere Tage an.

Plancherel informierte sich weiter. Das Resultat war beängstigend: Bilden sich die Symptome voll aus, gibt es keine Heilung mehr. Beunruhigt durchsuchte er nochmals seine Unterlagen und stiess per Zufall auf eine Rechnung, auf der die Kosten für eine Tetanusimpfung vermerkt waren. Er war drei Jahre zuvor im Spital geimpft worden – ohne sein Wissen.

Eine Tetanusinfektion war also unmöglich. Nach drei Tagen verschwanden die Schmerzen. So lange brauchte er, um seine Angst abzubauen und die im Organismus ausgelösten Prozesse zu stoppen. Ihm ist heute klar: «Psychische Belastungen wie Angst oder Stress können sich im Körper über Immun-, Nerven- und Hormonsystem materialisieren. Das gilt auch für die unterschwellige Angst, die ich verspürte.»

Rückblickend meint der Naturheil­arzt, er hätte wissen müssen, dass es extrem unwahrscheinlich ist, sich über eine Schramme zu infizieren. Zudem schützen die Tetanusimpfungen länger als zehn Jahre.

Symptome büffeln, bis sie auftreten

Dass auch Ärzte vor dem Nocebo-Effekt nicht gefeit sind, wird angehenden Medizinern meist schon im Studium bewusst. Matteo Müller, der im vierten Jahr Medizin studiert, sagt: «Im Unterricht lernten wir, dass Ärzte schneller mal zum Arzt gehen. Haben sie Muskelzucken, denken sie gleich, sie hätten ALS» – eine Krankheit, bei der sich das motorische Nervensystem zurückbildet.

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Man komme schneller auf den Ge­danken, krank zu sein, wenn man sich ständig mit Krankheiten auseinandersetze. Besonders in der Prüfungsphase. Student Roman Kas: «Als ich die Symptome des Hirntumors auswendig lernen musste, merkte ich plötzlich, dass ich auf einem Auge nicht so gut sehe.» Das beunruhigte ihn kurz, er brach aber nicht gleich in ­Panik aus. «Wir lernen, dass nicht jedes Symptom der schlimmsten Krankheit zuzuschreiben ist.» Später stellte sich heraus, dass er bloss neue Kontaktlinsen brauchte.

Wenn in der Mikrobiologievorlesung das Thema Hygiene behandelt wird, so Medizinstudent Pascal Gähwiler, werde man schon ein wenig paranoid: «Die Krankheitserreger wachsen so schnell und sind überall. Wenn man zum Beispiel eine Türklinke anfasst, hat man sofort Millionen Bakterien an der Hand.» Plötzlich wisse man, wie gefährlich sie sind, und achte ­darauf. Matteo Müller ergänzt: «Man denkt rasch an etwas Schlimmeres, geht aber nicht gleich zum Arzt. Man macht sich aber auch ein wenig darüber lustig. Die meisten Menschen würden gar nicht auf solche ­absurden Gedanken kommen.»

Jeder weiss, dass bei Erkältungen und Allergien die Nase laufen kann. Ein Medizinstudent aber bekam es trotzdem mit der Angst zu tun. An der Uni hatte er gerade die Rhino­liquorrhoe kennengelernt: Dabei fliesst Gehirnflüssigkeit aus der Nase, weil der Schädelknochen beschädigt ist.