Unsere vernetzte Welt macht es Krankheitserregern leicht. In wenigen Stunden reisen sie um die ganze Welt. Der rege Flugverkehr mit Milliarden Flugpassagieren jährlich, Megametropolen mit Millionen Menschen auf engstem Raum, eine globalisierte Landwirtschaft sowie Tier- und Fleischtransporte über Grenzen und Kontinente hinweg machen es möglich. Auch der Klimawandel unterstützt Viren und Bakterien bei ihrer Verbreitung: Die Erwärmung der Erdatmosphäre ­erschliesst subtropischen Keimen auch gemässigte Zonen als Lebensraum.

Menschen dringen heute ausserdem in bislang unbewohnte Winkel der Urwälder vor – und kommen so erstmals in Kontakt mit andersgearteten Krankheitserregern. Erregern, die dem menschlichen Immunsystem fremd sind und gegen die wir zunächst einmal machtlos sind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) registriert seit den sechziger Jahren jedes Jahr die Entstehung von ein bis zwei neuen ansteckenden Krankheiten. Neben neuen Influenzatypen, also Grippe-Erregern, tauchen immer wieder neue krank machende Erreger auf. Sie tragen klingende Namen wie Nipah-, Westnil-, Ebola- oder Lassa-Virus. Gemäss Experten sei diese Entwicklung ein Novum in der Geschichte – und besorgniserregend, wie sie betonen.

Zwar ist es bisher keinem Erreger gelungen, die Menschheit auszurotten. Ausserdem sind die meisten Mikroorganismen uns sogar nützlich – wie die friedlichen Darm- oder Hautbewohner, von denen wir immerhin zwei Kilogramm mit uns herumtragen. Beruhigend ist auch die Tatsache, dass die meisten Seuchen für uns Menschen glimpflich ausgehen, von schweren Grippepandemien abgesehen.

Spanische Grippe - verheerendste Pandemie überhaupt

Denn Krankheitserreger haben kein Interesse daran, ihren Wirt zu vernichten. Am besten verbreitet sich ein Erreger, wenn er seinen Wirt möglichst lange am Leben lässt und dieser in Kontakt mit seinesgleichen bleibt. Denn damit ist auch gleich die Verbreitung des Keims sichergestellt. Zumindest gilt dies für den Hauptwirt des Krankheitserregers. Und der ist bei auf den Menschen adaptierten Grippe-Erregern der Mensch. Bei der Schweine- oder der Vogelgrippe sind wir Menschen derzeit nur Nebenwirte. Hier fehlt uns somit die Sonderstellung der Spezies, der eine Schonung zuteil wird. Grippeepidemien oder auch -pandemien, die man daran erkennt, dass sie um den ganzen Erdball ziehen, sind seit dem 18. Jahrhundert verbrieft. Was nicht ausschliesst, dass es sie schon früher gab.

Eine neue Grippepandemie steht der Menschheit gegenwärtig durchschnittlich alle 30 Jahre bevor, wie die WHO errechnet hat. Die verheerendste Pandemie bislang war die Spanische Grippe von 1918. Ihr Erreger war – wie bei der Schweinegrippe – eine Variante des H1N1-Grippevirus, der aber unmittelbar von einem Vogelgrippevirus abstammte. Die Pandemie, die unter anderem Spanien heimsuchte, raffte innert wenigen Monaten zwischen 20 und 75 Millionen Menschen dahin.

Allein in Europa waren 20 Millionen Tote zu beklagen. Aber auch in Amerika, Japan und Indien wütete die Seuche. Insgesamt wurden 500 Millionen Menschen infiziert, was einem Drittel der damaligen Weltbevölkerung entsprach.

Tragischerweise starben damals vor allem jüngere, bis zu diesem Zeitpunkt gesunde Menschen mit gut funktionierendem Immunsystem – an Schüttelfrösten und blutigen Lungenentzündungen. Über die Gründe wird noch immer spekuliert: Vielleicht hatten damals ältere Menschen bereits Kontakt mit ähnlichen Viren gehabt und waren somit zumindest teilweise immun gegen den Erreger. Oder aber das Virus hat das gut funktionierende Immunsystem der Jüngeren zu einer Überreaktion verleitet, bei dem gesunde Zellen im Körper in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Der Erste Weltkrieg leistete der Seuche Vorschub: Viele Soldaten hatten sich in den Schützengräben oder Truppenunterkünften infiziert und lebten unter prekären hygienischen Bedingungen. Auch die Unterernährung in den Kriegsjahren machte die Bevölkerung anfälliger für Infektionen. Möglicherweise starben manche Grippekranke nicht an den Grippeviren selber, sondern an bakteriellen Sekundärinfektionen, die heute mit Antibiotika behandelt werden könnten.

Auch 1957 und 1968 kam es zu Grippepandemien, die sich aber weniger katastrophal auswirkten als die Spanische Grippe. Die Asiatische Grippe von 1957 forderte weltweit zwei Millionen Grippetote, zunächst Kinder, dann auch ältere Menschen. Die letzte Pandemie vor der Schweinegrippe war die Hongkong-Grippe, die sich 1968 weltweit verbreitete. Vor allem ältere Leute erkrankten, eine Million Menschen starben.

In den Jahren 1996 und 2003 trat das Vogelgrippevirus (H5N1) auf. Die Krankheit verläuft zwar viel schwerer als die Schweinegrippe (H1N1), doch wird sie meist nur bei engem Kontakt zwischen infiziertem Geflügel und dem Menschen übertragen, und nur äusserst selten von Mensch zu Mensch.

Der Entstehungsort nahezu aller neuartigen Grippeviren ist Asien, insbesondere China, wo die Haltung von Vögeln und Schweinen in engem Kontakt mit dem Menschen üblich ist. Eine Situation, die das Entstehen neuer Influenzavarianten begünstigt, weil es möglich wird, dass zwei verschiedene Viren gleichzeitig ein und dasselbe Lebewesen befallen. Am häufigsten ist dieses «lebende Reaktionsgefäss» das Schwein.

In Zeiten der Vogelgrippe sorgten sich Expertinnen und Experten, ob das Virus durch Niesen oder Husten von Mensch zu Mensch übertragen werden könnte, ohne dabei an Aggressivität einzubüssen. Bei der Schweinegrippe stellt sich das Problem umgekehrt: Hier lautet die zentrale Frage, ob ein Virus, dass derart leicht übertragbar und nicht nur auf asiatische Hinterhöfe beschränkt ist, plötzlich so virulent werden könnte, dass Menschen rund um den Globus mit Mundschutz in den Bus steigen müssen.

Grippeviren: Gefährliche Verwandlungskünstler

Grippeviren sind stachelige Eiweisskügelchen von gerade mal einem Zehntausendstel Millimeter Grösse. Gefährlich macht sie ihre Wandlungsfähigkeit: Sie wechseln ihr Stachelkleid ständig. Unser Immunsystem, das uns vor den Eindringlingen schützen soll, wird so ausgetrickst, weil es die Viren nicht mehr erkennt. Eine erste Variante dieses Erscheinungswandels läuft kontinuierlich ab. Er führt unter anderem dazu, dass gegen die saisonalen Grippeepidemien jährlich neue Impfstoffe entwickelt werden müssen, die mit den gerade zirkulierenden Virusvarianten übereinstimmen.

Eine zweite Variante der Verwandlung erfolgt sprunghaft, indem verschiedene Grippeviren untereinander Erbgut austauschen.

Nicht selten entstehen so neue Kombinationen der «Stacheln» des Virus: Jeweils eine der 16 bekannten Varianten des Hämagglutinin (H) sowie eine der neun Neuraminidase-Varianten (N) werden auf der Hülle des Virus neu zusammengemischt. Viren können so theoretisch aggressiver werden und einen schwereren Ver-lauf auslösen, besser übertragbar werden oder auf neue Wirte überspringen: etwa von Enten auf Schweine oder vom Tier auf den Menschen.

Globale Seuchen: Wie gefährlich sind die neuen Krankheiten?

Die Welt wird immer wieder von verheerenden Seuchen wie Aids, Ebola und Sars heimgesucht. Oft gelingt es, den neuartigen Krankheiten Einhalt zu gebieten. Doch die nächste Seuche kommt bestimmt.

Die verhängnisvolle Beziehung von Mensch und Erreger begann vor rund 10'000 Jahren, als der Mensch sesshaft wurde. Er holte sich nicht nur Wölfe, Hühner und Pferde ins Haus, sondern auch deren Krankheitskeime. Die ersten Zoonosen entstanden – Seuchen, die vom Tier auf den Menschen überspringen oder zwischen Tier und Mensch hin und her pendeln. Die schlimmsten Krankheiten der Menschheitsgeschichte waren fast alle Zoonosen – von der Pest über Fleckfieber (Thyphus), Pocken, Masern, Ruhr bis zur Tuberkulose. Auch heute plagen die Welt ehemalige Tierseuchen: neben der Grippe etwa die Tollwut und seit einigen Jahren neue, bislang unbekannte Krankheiten wie Aids, Sars oder Ebola.

Die Welt in Schrecken versetzten auch die Ebola-Ausbrüche im Kongo Mitte der neunziger Jahre sowie 2013/14 in Guinea (Westafrika) und in den angrenzenden Staaten Liberia, Nigeria und Sierra Leone. Das Virus führt zu einer Fiebererkrankung mit inneren Blutungen, die für mehr als jeden Zweiten tödlich verläuft. Auch dieses Virus kam aus dem afrikanischen Urwald und war dort bereits seit Jahrzehnten bekannt. Der Hauptwirt des Ebola-Erregers ist für einmal nicht ein Affe, sondern ein anderes Säugetier: der Flughund.

Auch mit SARS, dem Schweren Akuten Respiratorischen Syndrom, tauchte 2002 eine bisher unbekannte Infektionskrankheit mit dem Potential zur weltumspannenden Seuche auf. Die Sars-Epidemie, die in der chinesischen Provinz Guangdong ihren Anfang nahm und von einem Hongkonger Hotel aus in die halbe Welt getragen wurde, forderte fast 1000 Tote. Man bekam das für die Lungenkrankheit verantwortlich gemachte Corona-Virus jedoch rechtzeitig in den Griff. Abgesehen von den tragischen Todesfällen war Sars auch eine Erfolgsgeschichte der Pandemievorsorge: Das Beispiel zeigt, dass die Welt neuartigen Infektionskrankheiten nicht schutzlos ausgeliefert ist und dass selbst Seuchen, für die es weder Impfstoff noch Therapien gibt, ausgemerzt werden können.

Global gesehen heissen die drei verheerendsten Infektionskrankheiten nach wie vor Aids, Tuberkulose und Malaria. Die drei Seuchen kosten jedes Jahr sechs Millionen Menschenleben. Doch Aids, Ebola und Sars waren wohl noch nicht alles. Es wäre naiv anzunehmen, dass es künftig keine weiteren neuartigen, ähnlich gefährlichen Krankheiten geben würde.

Sorge bereiten Medizinern auch Problembakterien, die nicht mehr auf das Antibiotikum der ersten Wahl ansprechen, weil sie gegen das Medikament resistent geworden sind. Zu diesen Bakterien zählen der Spitalkeim Staphylokokkus aureus, der Lungenentzündungen auslöst, oder Tuberkulosebakterien, die gleich mehreren Antibiotika trotzen.