Rücken an Rücken sitzen die Frau und der Mann. Er blickt auf die Skizze eines Wohnungsgrundrisses, sie hält Papier und Bleistift in der Hand. Er schildert, was er sieht. Sie zeichnet gemäss seinen Angaben. Was nach Architekturworkshop klingt, ist eine Kommunikationsübung für Ärzte des Universitätsspitals Basel. Es geht darum, Patienten richtig zu informieren - und aufzuzeigen, wie Missverständnisse entstehen können. Das Resultat, das Kursleiter Wolf Langewitz, Leiter der Abteilung für Psychosomatik am Unispital Basel, zu Gesicht bekommt, lässt zu wünschen übrig: Die Werke der zwölf Ärzte gleichen nur bei sehr viel freundlicher Fantasie der Vorlage.

Dabei ist Kommunikation zentraler Bestandteil einer erfolgreichen Therapie. «Wir müssen oft komplexe Behandlungskonzepte erklären und Patienten dazu bringen, vielleicht ein halbes Dutzend Medikamente zu schlucken», sagt Langewitz. Das zu verstehen ist auch unter normalen Umständen schwierig; sind Patienten in einer Stresssituation, ist die Aufnahmefähigkeit noch mehr eingeschränkt. Dringen die wichtigen Informationen nicht durch, kann das den Misserfolg einer Therapie bedeuten: Patienten befolgen ärztliche Anleitungen nur halbherzig, weil sie sie nicht verstehen, oder nehmen Medikamente nicht, weil sie nicht wissen, wozu das gut ist.

Wie unterschiedlich Botschaften ankommen, erläutert Langewitz den Assistenzärzten anhand einer US-amerikanischen Studie. Fünf Risiken werden Frauen vor einem Gesichtslifting erläutert. Zwei Wochen später erinnern sich noch drei von vier Frauen daran, dass nach der Operation ein Bluterguss auftreten kann. An die schwerwiegendste mögliche Nebenwirkung, nämlich dicke Narben, erinnert sich nur gerade jede fünfte Patientin.

Auch mal eine Denkpause zulassen

Während früher Ärzte stumm das Rezept ausfüllten, den nächsten Termin festlegten und Patienten dann entliessen, tendieren sie heute eher zum Gegenteil. «Der häufigste Fehler, den wir Ärzte machen, wenn wir Informationen vermitteln, ist, dass wir zu schnell zu viel erklären, nicht Schritt für Schritt vorgehen und dabei schauen, ob der Patient mitkommt», erklärt Langewitz. Um das zu ändern, könne die Ärzteschaft sogar von den Medien lernen: «Wir sollten die Information gliedern, wie das ein Zeitungsartikel tut: Schlagzeile, Titel, dann das Wichtigste zuerst.»

Doch wie weiss die Ärztin, der Arzt, wer wie viel wissen will? Langewitz: «Man sieht es den Patienten nicht an der Nasenspitze an, sondern muss das im Gespräch herausfinden. Wichtig dabei ist, dass man Pausen einschaltet, damit sie nachdenken können über das, was wir gesagt haben.» Mit welcher Ausführlichkeit kommuniziert werden soll, hängt auch vom Zustand des Patienten ab. «Wer mit einem Beinbruch ins Spital eingeliefert wird, möchte zuerst einmal, dass der Knochen kompetent geflickt wird», sagt Langewitz. Je chronischer eine Krankheit, desto grösser sei das Bedürfnis nach Information - und Beteiligung. Kann also Empathie, das Mitfühlen mit dem Patienten, dazu beitragen, dass Informationen besser verstanden werden? Im Informationsprozess, so Langewitz, könne Empathie ein Schmiermittel sein. Der empathische Arzt wisse besser, ob er seine Patienten mit Informationen überfordere oder nicht.

Problem: selbst gebastelte Diagnosen

Gerade nach Hiobsbotschaften sind die Patienten kaum in der Lage, für sie wichtige Informationen zu verarbeiten. Die Kursteilnehmer in Basel üben auch solch heikle Situationen im Rollenspiel: Eine Ärztin erklärt einer «Patientin», dass bei ihr Krebs diagnostiziert worden sei und wie es nun weitergehe. Sie skizziert die Therapie - und legt dabei Gesprächspausen ein, damit die Patientin die Information verdauen und nachfragen kann. Die Ärztin wirke unsicher, bemängeln danach die Kollegen. Sie setzen so eine Diskussion in Gang, wie Ärzte gegenüber Patienten aufzutreten haben. «Als Fachpersonen müssen wir Klartext reden», sagt Wolf Langewitz. «Aber dennoch sollten wir versuchen, dem Patienten nur so viel mit auf den Weg zu geben, dass er im Moment keinen Schaden nimmt und seine wesentlichen Fragen klären kann.» Weniger, dafür klar geordnete Informationen sind für Patienten oft viel mehr wert.

Natürlich gibt es auch Patienten, die sich selber auf dem Laufenden halten - nicht immer via seriöse Quellen. Wie soll sich die Ärztin verhalten, wenn sich der Patient bereits aus unzähligen TV-Sendungen und Heftli-Artikeln eine eigene Diagnose zusammengebastelt hat? «In solchen Fällen lasse ich den Patienten zuerst zusammenfassen, wie er seine Krankheit sieht, wie er glaubt, dass sie zustande gekommen ist, und was man seiner Meinung nach am besten dagegen tut», erklärt Langewitz. «Doch was immer ich ihm sage, es ist gut möglich, dass er im Zweifelsfall das für richtig hält, was er selber gelesen hat.»

Patienten verlangen manchmal genau jene Wundermittel, über die Medien enthusiastisch berichtet haben. «Doch Sensationen bewahrheiten sich in der Therapie langfristig selten», meint Langewitz. Wie stark mediale Darstellungen die Wahrnehmung verzerren können, zeigt das Beispiel der Wiederbelebung: Da in TV-Filmen eher erfolgreiche Reanimationen gezeigt werden, meinen befragte Zuschauer, dass diese in der Realität zu über 50 Prozent erfolgreich sind. In Wirklichkeit wirken sie nur in rund zehn Prozent aller Fälle.

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