Beobachter: Ist es sinnvoll, wenn ich im Einkaufszentrum um einen Tropfen Blut für eine Blutzuckermessung gebeten werde?
Thomas Lüscher:
Ja, wenn Sie noch nichts gegessen haben. Andernfalls kann der Wert stark verzerrt sein. Das dürfte aber bei den meisten Menschen der Fall sein.

Beobachter: Also macht es keinen Sinn?
Lüscher:
Doch, denn Diabetes ist eine Epidemie. Und deshalb ist es wichtig, möglichst viele Leute möglichst früh zu erfassen…

Beobachter: …um damit neue Patienten zu gewinnen?
Lüscher:
Nein. Früherkennung hat sich seit 15 oder 20 Jahren sehr bewährt. Es ist wichtig, dass die Leute besser über ihre Blutwerte Bescheid wissen. Beim Blutdruck zum Beispiel hat diese Sensibilisierung bis heute sehr viel gebracht.

Beobachter: Präventivmediziner Felix Gutzwiller fordert, dass in der Arztpraxis statt auf der Strasse nach Risikofaktoren gesucht wird – dann aber gezielt. Einverstanden?
Lüscher:
Ja, in der Praxis sind Sie am besten versorgt. Um Sie aber dorthin zu bringen, braucht es Kampagnen in Einkaufszentren oder Apotheken.

Beobachter: Beim Bluthochdruck fallen Medikamenten- und Behandlungskosten von rund 440'000 Franken an, um einen einzigen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu verhindern. Ist das effektiv?
Lüscher:
Beim Bluthochdruck sind diese Werte sehr gross, das stimmt. Doch die Medizin kann und muss diese Frage nicht allein beantworten. Wir müssen therapieren. Ob dieser Betrag gerechtfertigt ist, muss die Gesellschaft entscheiden.

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Beobachter: Ein beliebtes Mittel, um die Bereitschaft zum Medikamentenkonsum zu erhöhen, ist die Angsterzeugung. Die Herzstiftung bezeichnete die Herz-Kreislauf-Krankheiten als «Killer Nr. 1» für Frauen. Ist das tauglich?
Lüscher:
Ja, das ist wie bei den Medien: Man muss manchmal etwas schärfer schreiben, als es tatsächlich ist. Die Kardiologie kann nicht heilen, aber hervorragend behandeln. Dafür müssen wir die Leute mit solchen Aktionen sensibilisieren.

Beobachter: Die medizinische Forschung weist ihre Ergebnisse jeweils in relativen Risiken aus: «…senkt das Herzinfarktrisiko um 25 Prozent.» Für die einzelne Person heisst das: drei statt vier Prozent Infarktrisiko. Ein Missbrauch?
Lüscher:
Zugegeben, relative Risiken sind zwar Standard, sie dienen aber vor allem dem Marketing. Viel wichtiger ist die Zahl der Patienten, die behandelt werden müssen, um ein einziges Ereignis verhindern zu können.

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Beobachter: Letzten Herbst präsentierten Sie eine Studie, in der sich zeigte, dass eine Kombination von zwei Medikamenten besser wirkt als nur eines. Ein neuer Trend?
Lüscher:
Ja, denn der Körper «denkt sich» immer neue Krankheitsmechanismen aus. Kaum haben wir das eine Problem im Griff, zeigt sich ein neues. Also kombinieren wir mehrere Medikamente.

Beobachter: Zur Freude der Pharmaindustrie.
Lüscher:
Zum Wohle der Patientinnen und Patienten. Nochmals: Wir behandeln. Wie viel es kosten darf, muss die Gesellschaft entscheiden.