Es sind Namen, die Mut machten. Feuar­dent – «brennendes Feuer» – hiess der Kardiologe, Faidutti – frei übersetzt: «macht alles» – der Herzchirurg. «Das klang so, wie wenn nichts schiefgehen könnte», sagt Werner Schelling. Vor 28 Jahren ersetzte ihm Professor Faidutti eine nicht mehr schliessende Herzklappe, vor 22 Jahren transplantierte er ihm das Herz eines jungen Mannes. Ohne das Spenderherz wäre der heute 70-Jährige gestorben.

Er erzählt pragmatisch, nüchtern und beginnt dort, wo alles seinen Anfang nahm: in der Kindheit. Aufgewachsen in einer elfköpfigen Familie, war Werner Schelling oft krank. Er litt unter anderem an Scharlach, einer komplizierten Nierenentzündung und einer schweren Gelbsucht. Als besonders schmerzhaft ist ihm der Gelenkrheumatismus in Erinnerung. Es gab Zeiten, in denen er nachts das Leintuch auf den Knien nicht ertrug und sein Vater «Hütten» um die schmerzende Gelenke bauen musste. «Obwohl die Krankheit medikamentös behandelt werden konnte, muss damals etwas in meine Blutbahn gelangt sein, das später zu schweren Herzkomplikationen führte», so Schelling. Dieses «Etwas» greift mit der Zeit weiche Teile des Herzmuskels an und führt zu dessen vollständiger Zerstörung.

Schon mit zwölf hatte er Herzprobleme

Einige Jahre später stellte der Hausarzt fest, dass Werner Schellings Herzklappe nicht mehr richtig schloss und das Herz deshalb stärker pumpen musste. Der Zwölfjährige wurde vom Sportunterricht befreit, später auch von der Rekrutenschule. «Nach einem 100-Meter-Sprint mass der Militärarzt die Herztöne. Da war klar, dass ich nicht simulierte.» Unter Schmerzen litt er damals nicht, und trotz der Atemlosigkeit konnte er alles tun, was ihm Freude machte. Auch seiner beruflichen Ausbildung stand nichts im Weg. Im Heimatort Rorschach absolvierte er eine Lehre als Schriftsetzer, später folgten Aufenthalte in Basel und Paris. 

Im Alter von 28 Jahren führte Schellings Weg von Frankreich zurück in die Schweiz; in Genf hatte er bei einem Buchverlag eine gute Stelle gefunden. Nach den Jahren im Ausland galt es, erneut in einer Schweizer Krankenkasse aufgenommen zu werden. Er hatte Bedenken, wegen seiner Herzprobleme nirgends Zugang zu finden, ­erfolgte damals doch vor dem Eintritt ­eine Untersuchung bei einem Vertrauensarzt der Kassen. «Aber auch dieses Mal hatte ich Glück.» Der zuständige Arzt traf mit grosser Verspätung in der Praxis ein. «Er hatte eine Stunde im Stau gestanden und war so ­gestresst, dass er nicht realisierte, dass mein Herz wohl noch schneller schlug als seines.» Er attestierte Schelling prompt einen guten Gesundheitszustand, womit die Sache mit der Krankenkasse geregelt war.

In Genf fühlte sich Schelling wohl und lernte, seine Kräfte einzuteilen. Doch im Lauf der nächsten Jahre sammelte sich in Bauch und Lunge Wasser, das Atmen bereitete ihm grosse Mühe. «Beim Laufen musste ich alle paar Meter eine Pause machen, und Treppensteigen wurde zur Tortur.» Bei einem Familientreffen reagierten die Geschwister bestürzt auf die Verfassung des Bruders. «Als Bilder von uns allen gemacht wurden, ging offenbar mehreren durch den Kopf, dass dies das letzte Mal sein könnte, dass wir alle zusammen waren.»

Seine Kräfte nahmen täglich ab. Ein Termin bei Doktor Feuardent machte deutlich, warum: Der Spezialist eröffnete ihm, das Herzgewebe sei in einem bedrohlichen ­Zustand und medikamentös nicht mehr zu behandeln. Er riet zur Operation. Wenige Tage später wurde das beschädigte Gewebe durch eine künstliche Herzklappe ersetzt

Sechs beschwerdefreie Jahre

Es war ein Eingriff, der umfangreiche Vorbereitungen erforderte. So mussten Werner Schelling Zähne gezogen werden, da sich allfällige Infektionsherde gefährlich hätten auswirken können. Die Operation verlief erfolgreich, doch das Erwachen war ein ­böses. Schelling hatte starke Schmerzen in der Brust und bekam trotz der vorgängigen intensiven Atemtherapie schlecht Luft. Nach drei beschwerlichen Wochen im Spital wurde er in die Höhenklinik nach Montana verlegt. «Dort erlebte ich eine schöne Zeit.» Schellings Miene hellt sich auf. Das Zimmer teilte er mit dem Präsidenten eines jurassischen Fussballklubs. «Er hatte viel Besuch, es war immer etwas los. Er nahm mich überallhin mit, auch in die umliegenden Restaurants, in denen wir Walliser Spezialitäten genossen.» Nach fünf Wochen war Werner Schelling wieder auf den Beinen und nahm seine Arbeit erneut auf.

Die folgenden sechs Jahre lebte er «ganz normal, wie wenn nichts gewesen wäre». Dann aber meldeten sich die Schmerzen zurück, Schelling wurde immer schwächer. Bald wagte er nicht mehr, in die Ferien zu fahren, um seinen Arzt stets in der Nähe zu wissen. Bei einer Kontrolle erkannte Chirurg Faidutti: Das Herzgewebe war zerstört. Schelling war auf ein Spenderherz angewiesen. Zehn Tage verbrachte er im Kantonsspital Genf, um von Kopf bis Fuss ­untersucht zu werden. Dann wurde er entlassen – mit einem Piepser. Er sollte rund um die Uhr erreichbar sein, für den Fall, dass die Klinik plötzlich über einen Spender verfügte. «Ich war erstaunt, denn eigentlich dachte ich, dass ich zu alt sei.» Kurz zuvor hatte er gelesen, dass Herztransplantationen nur bis zum 40. Altersjahr vorgenommen würden. Er war 48. «Ich glaubte, ich hätte nur noch wenige Tage zu leben.

Plötzlich ging alles sehr schnell

Was dann geschah, gleicht einem Wunder. Einen Tag nach den Untersuchungen meldete sich Professor Faidutti: «Ich habe ein Herz für Sie!» Zeit für Fragen und Über­legungen blieb nicht. Eine Stunde später lag Werner Schelling im Operationssaal. Es war das erste Jahr, in dem in Genf Herztransplantationen durchgeführt wurden. Werner Schelling war Patient Nummer sieben. Als er tags darauf auf der Intensivsta­tion erwachte, fragte er als Erstes, ob die Opera­tion nicht habe stattfinden können. «Ich hatte kaum Schmerzen und konnte mir nicht vorstellen, dass ich ein neues Herz hatte. Es war wie eine Neugeburt.» ­Einige Tage später liess er sich bereits von seiner Sekretärin Dokumente zum Kontrollieren gut getarnt ins sterile Zimmer bringen, wo er sie unter der Matratze versteckte, wenn eine Schwester den Raum betrat.

Werner Schelling hat sich selbst verboten, zu intensiv darüber nachzudenken, dass er lebt, weil ein anderer Mensch gestorben ist. Über den Spender weiss er wenig: 17 Jahre jung war der Grenzgänger aus Frankreich, als er von einem Dach stürzte und kurz darauf im Spital in Genf verstarb. Seine Eltern erfuhren nie, wem das Herz ihres Sohnes seither gehört; Spender und Empfänger bleiben in der Schweiz anonym. Zu Beginn hätte Werner Schelling gern Kontakt aufgenommen, um sich zu bedanken. «Doch im Nachhinein bin ich froh, dass es nicht stattgefunden hat. Es wäre mir wohl schwergefallen, die Eltern wissen zu lassen, dass das Herz ihres Sohnes in einem älteren Menschen schlägt.»

Sein Leben lang muss Werner Schelling eine Reihe von Medikamenten einnehmen – allen voran das bekannte Sandimmun, das zur der Zeit, als er operiert wurde, auf den Markt kam und die natürlichen Abstos­sungsreaktionen des Körpers gegen fremde Organe hemmt. Bis heute mit Erfolg. Nun lehnt er sich zurück und greift zu dem Glas Rotwein, das vor ihm auf dem Tisch steht. Dann nimmt er einen Schluck, geniesst ihn und hält fest: «In meinem Leben verlief nicht alles so, wie ich es mir wünschte. Aber mit meinem Herzen habe ich in Sachen Glück wohl alle Rekorde geschlagen.»

1967 transplantierte Christiaan Barnard in Kapstadt erstmals ein fremdes Herz, der Patient verstarb nach 18 Tagen. Während der folgenden 20 Jahre stand das Problem der Abstos­sung fremder Organe im Zentrum. Erst die Entdeckung des Stoffes Cyclosporin, der das Immunsystem in Schach zu ­halten vermag, machte Transplantationen zu einem erfolgversprechenden Eingriff.

In der Schweiz fand 1985 am Universitätsspital Zürich die erste erfolgreiche Herztransplantation statt. Nach einer anfänglichen Zunahme solcher Eingriffe kam es zehn Jahre später zu einem stetigen Rückgang: Gründe dafür waren einerseits die abnehmende Spenden­willigkeit, anderseits aber auch die Verbes­serung der medikamentösen Therapien. Von 1985 bis 2007 wurden in den ­Zentren von Zürich, Bern und Lausanne insgesamt über 800 Herzen transplantiert, pro Jahr im Durchschnitt also zwischen 30 und 50.