Das Personal ist geschult, das Szenario x-fach durchgedacht, selbst die Geschäftsleitung hat darüber gebrütet. «Wir sind vorbereitet», sagt Andreas Bitterlin, Mediensprecher des Universitätsspitals Basel. Vorbereitet für den Fall, dass eines Tages tatsächlich ein Patient mit Symptomen der gefürchteten Vogelgrippe an der Tür der Notfallstation am Petersgraben 2 eingeliefert werden sollte. Ein anderer Weg ins Innere der Klinik ist für ihn nicht vorgesehen: Allein beim Zugang über die Notfallaufnahme wäre laut Bitterlin sichergestellt, dass «nur ein ganz eingeschränkter Personenkreis mit dem Patienten in Kontakt käme».

Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass sich ein solcher Patient eher früher als später in einem Spital melden wird. Es sei «nicht auszuschliessen», dass bereits in der nächsten Grippesaison im Winter erste Verdachtsfälle auftauchen würden, schrieb das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Mitte September an die Kantonsärzte. Noch herrscht allerdings gemäss BAG-Definition erst Stufe drei auf einer Sechserskala, an deren Ende der Ausbruch einer Pandemie, einer Epidemie grossen Ausmasses, steht.

Was dann zu tun wäre, hat eine Arbeitsgruppe unter Führung des BAG in einem «Pandemieplan» festgelegt. Gemäss dem darin entwickelten Szenario tritt die Grippe in drei Wellen mit je etwa einem halben Jahr Abstand auf. Ab der zweiten Welle, so die optimistische Annahme, wäre gegen das hochansteckende Virus ein Impfstoff vorhanden, mit dem grosse Teile der Bevölkerung geschützt werden könnten. Derzeit ist aber noch nicht einmal klar, gegen was genau man sich schützen muss. Erst wenn sich das jetzt in Asien aufgetretene Vogelgrippevirus so weit verändert hat, dass es in grösserem Massstab von Mensch zu Mensch übertragen wird, lässt sich ein Impfstoff herstellen.

Die erste Verteidigungslinie
Bleibt vorerst die Hoffnung, dass die Pandemie bereits während der ersten Welle in den Griff zu kriegen ist. Es ist eine bange Hoffnung, und sie ist der Annahme, dass sich Vogelgrippepatienten in Basel ausschliesslich bei der Notfallstation melden, nicht unähnlich: Die BAG-Experten gehen davon aus, dass alles nach Drehbuch abläuft. Sonst droht das Chaos.

Einziger Hoffnungsträger ist zurzeit ein antiviraler Wirkstoff namens Oseltamivir, besser bekannt unter dem Medikamentennamen Tamiflu. «Tamiflu bildet beim Ausbruch einer Pandemie quasi die erste Verteidigungslinie», sagt Hans Matter, Leiter der Sektion Epidemologie und Früherkennung beim BAG. Über die Standfestigkeit dieser Verteidigungslinie sind sich die Fachleute jedoch alles andere als im Klaren: Bis anhin ist nicht erwiesen, dass Tamiflu gegen die Vogelgrippe beim Menschen wirkt. Versuche im Reagenzglas deuten zwar darauf hin – allerdings bloss, wenn das Medikament innert 48 Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome verabreicht wird.

Noch lagert die Hoffnung für das Wohl der Schweizer Bürgerinnen und Bürger in Sieben-Kilo-Behältern bei der Basler Herstellerfirma Roche – in Pulverform. Für eine Anwendung müsste dieses Pulver erst aufgelöst werden, wobei nicht klar ist, welche Betriebe in der Schweiz dazu überhaupt in der Lage wären. Sollte das gelagerte Pulver tatsächlich benötigt werden, rechnet die Basler Kantonsärztin Anne Witschi mit «zehn bis maximal 14 Tagen», bis die ersten Dosen für gefährdete Personen bereitstehen würden – für viele zu spät.

Medikamente in Panzerfahrzeugen
«Diese Medikamente müssten mit Panzerfahrzeugen verteilt werden», unkt da Enea Martinelli, bis vor kurzem Präsident des Spital- und Amtsapotheker-Verbands. Im Pflichtlager liegen nämlich bloss Vorräte für ein Viertel der Schweizer Bevölkerung. «Was passiert, wenn zwar Spitalangestellte Tamiflu erhalten, ihre Angehörigen aber nicht?», fragt Martinelli, Spitalapotheker in Interlaken. «Jeder wird für sich selber schauen», sagt selbst die Basler Kantonsärztin Witschi. Die Expertin beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hat ihre ersten Erfahrungen mit den unerwünschten Vorboten einer möglichen Grippepandemie bereits gemacht: Ende August – Monate vor der normalen Grippesaison – war in den Basler Apotheken keine Packung Tamiflu mehr aufzutreiben. Anne Witschi mahnt nun zur Mässigung bei der Verschreibung des rezeptpflichtigen Medikaments: «Einzig ein erhärteter Verdacht auf Vogelgrippe bei einer erkrankten Person würde den Ein-satz von Tamiflu rechtfertigen», schrieb sie Mitte September in einem Brief an Ärzte und Apotheker des Kantons.

Auf Vorrat eingekauft wird indes selbst von den Spitälern, wenn auch in höchst unterschiedlichen Mengen. Im Universitätsspital Basel mit seinen 700 Betten liegen laut Mediensprecher Andreas Bitterlin 2000 Packungen Tamiflu bereit. Auch Spitalapotheker Martinelli hat eingekauft: exakt 20 Packungen für die drei Spitäler Frutigen, Meiringen und Interlaken mit insgesamt 200 Betten. Das reicht für die Behandlung von zwei Patienten.

«Wir halten uns an die Empfehlungen des BAG, wonach jedes Spital für einen bis fünf Patienten Tamiflu an Lager haben sollte», sagt Enea Martinelli. Er hat bei anderen Posten aufgestockt, die ihm für die primäre Abwehr des gefürchteten Virus wichtiger erscheinen: bei speziell behandelten Schürzen und bei Gesichtsmasken zum Stückpreis von Fr. 3.50.

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Quelle: AP