Filmschauspieler Sean Connery (Bild), inzwischen 70 Jahre alt, wird in Umfragen noch immer zu den «sexiest men alive» gezählt. Der ergrauende Bart und der weichende Haaransatz signalisieren offenbar Lebenserfahrung und Weltgewandtheit. Und auch der Körper wirkt noch durchtrainiert. Den meisten Männern hingegen fällt es deutlich schwerer, sich jenseits der 40 in Form zu halten. Und spätestens ab 50 lässt es sich nicht mehr leugnen: Mann wird alt. Die Muskeln schwinden, der Bauch wölbt sich über den Hosenbund, die Augen werden schlechter, das Haupthaar wird weniger, die ersten Probleme beim Wasserlösen setzen ein, und vor allem: Die Lust auf Sex schwindet.

Ältere Männer unter Druck

Derzeit häufen sich Berichte von Fachkongressen und Studien, die belegen, was die männlich geprägte Medizin lang verdrängt hat: Auch Männer kommen in die Wechseljahre. Tatsächlich findet im männlichen Körper eine hormonelle Umstellung statt, die in gewisser Hinsicht sogar einschneidender ist als das Klimakterium der Frau. Das Wachstumshormon Somatotropin und das den Biorhythmus steuernde Melatonin gehen bei alternden Männern schneller zurück als bei den Frauen. Und der Spiegel des «Macho-Hormons» Testosteron sinkt ab 40 etwa um 1,5 Prozent pro Jahr. Zahlreiche Fachleute sehen darin die Hauptursache für die Probleme vieler älterer Männer: abnehmende Libido, Herz- und Kreislaufbeschwerden, Müdigkeit, Gereiztheit, Depressionen und sogar Hitzewallungen.

Gleichzeitig steht der Mann in einer schwierigen Lebensphase: Beruflich ist er stark gefordert, weil er sich entweder auf dem Höhepunkt seiner Karriere befindet oder der Konkurrenzdruck durch jüngere Mitbewerber am grössten ist. Und auch im Privatleben bleibt nichts beim Alten: Die Kinder verlassen das Haus, und so manche Ehe gerät gerade an dieser Schwelle ins Wanken. Die frühzeitigen Todesfälle unter gleichaltrigen Freunden und Bekannten durch Krebs und Herzinfarkte scheinen sich zu häufen, und das eigene Lebensende wird immer greifbarer.

Kommt hinzu, dass auch Männer sich zusehends dem Schönheitsterror durch Mode- und Werbeindustrie ausgesetzt sehen. Der ergraute, selbstsichere Mann, einst vielgenutztes Werbesujet, wird von jüngeren Konkurrenten mit gestählten Bauchmuskeln, glatter Haut und makellosem Haar von den Plakaten und Kinoleinwänden verdrängt. Was früher ein «gestandener Mann in den besten Jahren» war, gilt heute vielerorts als «alter Sack».

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Dies ist der ideale Nährboden, um bei Männern die Begehrlichkeit nach Mitteln zu wecken, mit denen sich der Alterungsprozess stoppen oder verlangsamen lässt. Bruno Lunenfeld, Gründer der Internationalen Gesellschaft zum Studium des alternden Mannes, forderte schon vor Jahren, der Männerschaft künftig regelrechte Hormoncocktails zu verabreichen, um den Alterungsprozess hinauszuzögern.

Die deutsche Firma Jenapharm kündigte vor kurzem ein Präparat auf der Basis des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen an, das vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Altersdemenz schützen soll. In den USA fordern Urologen die routinemässige Hormonuntersuchung von Männern über 50, und die Pharmaindustrie wartet mit einer Vielzahl von Testosteronprodukten für den alternden Mann auf. Injektionslösungen, Pillen, Gele und Implantate sind bereits erhältlich; an einem Pflaster wird gearbeitet.

Therapie mit dünnem Wissen

Laut dem Zürcher Allgemeinmediziner Thomas Walser verlangen erste verunsicherte Männer in der Sprechstunde ausdrücklich Testosteron. Doch Walser hat massive Zweifel an der Wirksamkeit der Testosterontherapie: «Zum einen besteht der Verdacht, dass sie Prostatakrebs verursachen könnte, zum andern kann das Hormon sogar lustmindernd wirken. Und die positiven Wirkungen der Therapie sind nicht gesichert.» Bei 99 Prozent der Männer mit normalem Blutspiegel zeigt zusätzliches Testosteron keinerlei Wirkung auf den Hormonspiegel.

Nur bei der seltenen Unterfunktion der Hoden ist nach heutigem Erkenntnisstand eine Testosterontherapie angezeigt. Und Erektionsstörungen sind nur bei etwa fünf Prozent aller Fälle auf Testosteronmangel zurückzuführen. Meistens sind Durchblutungsprobleme dafür verantwortlich, etwa durch Gefässschäden, oder psychologische Ursachen. Auch der deutsche Hormonspezialist Bruno Allolio von der Universität Würzburg steht der Hormontherapie skeptisch gegenüber: «Es ist deprimierend, wie leichtfertig aus dünnem Wissen der Sinn einer Therapie abgeleitet wird.»

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Der Basler Hormonspezialist Marius Kränzlin hat bei Patienten mit tiefen Testosteronwerten Therapieversuche unternommen. Er glaubt zwar, dass manche ältere Männer von Testosteron profitieren könnten, «aber das ist bislang eine Hypothese. Einige fühlten sich besser, andere setzten die Therapie enttäuscht wieder ab.»

Hilfe auf dem Fussballplatz

Bleibt höchstens die Aussicht auf mehr Muskeln als Argument für die künstliche Zugabe von Testosteron. Tatsächlich können ältere Menschen mit Hilfe des Hormons Muskelmasse zulegen. Doch ein Versuch mit 108 amerikanischen Männern, die drei Jahre lang Testosteron erhielten, zeigte, dass die Zusatzmuskeln nicht viel wert waren: Die Kraftleistung blieb trotz grösserer Muskelmasse gleich. Und sich allein aus kosmetischen Gründen einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs auszusetzen, ist höchst fragwürdig.

Zumal nach wie vor Zweifel bestehen, ob der Hormonabbau wirklich verantwortlich ist für die Altersbeschwerden. Eine Frankfurter Studie kam zum Ergebnis, dass gerade die Männer, die besonders über Impotenz, Reizbarkeit und Hitzewallungen klagten, eher einen hohen Testosteronspiegel hatten. Ausserdem ist der Testosteronwert auch bei jungen und gesunden Männern starken Schwankungen unterworfen. So kann er nach der Hochzeit rapide abfallen, bei einem Sieg des bevorzugten Fussballklubs aber deutlich steigen.

Sollten alternde Männer lieber auf den Fussballplatz gehen als zur Hormontherapie? Warum nicht. Immerhin kommt man dabei unter die Leute; und es ist heute gesichert, das soziale Kontakte lebensverlängernd wirken und die Lebensqualität mehr steigern als die meisten Medikamente.

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