Das gab es in der Schweiz noch nie. Ein Dirigent lässt seine Musiker bei der Premiere sitzen und stürmt zehn Minuten nach Beginn entrüstet aus dem Orchestergraben. So geschehen im Stadttheater Bern bei der Aufführung der Oper «Wozzeck». Grund: Laut Dirigent hat das Orchester das Bläserfurioso im ersten Akt, zweite Szene zu leise vorgetragen.

Hinter dem Eklat steht ein Knatsch zwischen Orchester und Theaterleiter. Dieser hatte den Bühnenboden vergrössern lassen, so dass der Orchestergraben fast zugedeckt wurde. Der «Deckel» hob die Lautstärke im Graben zusätzlich an.
Hans Peter Völkle, Solopauker und Zentralpräsident des Schweizer Musikverbands, kennt das: «Die Gehörbelastung stellt nach wie vor das grösste Problem im Gesundheitsschutz für Orchestermusiker dar.» Die verlässlichsten Zahlen über Auswirkungen der Lärmbelastung bei Berufsmusikern stammen aus dem Jahr 1979: Bei 61 von 139 untersuchten Musikprofis wurde damals eine berufsbedingte Höreinbusse festgestellt.

Immer lautere Werke

Viel ist seither nicht passiert. In den Orchestergräben geht der Angriff auf die Ohren weiter - trotz Plexiglasabschirmungen, Gehörschutzpfropfen oder Lärmschutzkopfstützen à 3000 Franken das Stück. Mehr noch: Viele Dirigenten renommierter Konzert- und Opernhäuser sind laut Völkle «allzu oft weniger an Klangdifferenzierungen, sondern primär an Klangballungen» interessiert. Und immer öfter würden gross besetzte und daher besonders laute Werke auf den Spielplan gesetzt.

Beat Hohmann von der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) weiss auf das Dezibel genau, wie sich das anhört und was die Folgen sind. Steigt der Pegel um drei Dezibel, verdoppelt sich die Schallenergie. Für einen doppelten Lautstärkeeindruck braucht es aber einen um zehn Dezibel höheren Pegel. «Dauerbelastungen von 85 Dezibel und mehr können bleibende Gehörschäden verursachen, deshalb schreibt die Suva ab 85 Dezibel Schutzmassnahmen vor», so Hohmann.

Doch im Orchestergraben wird indessen weitergelitten: Laut Suva sind die Musikerinnen und Musiker durchschnittlich 35 Stunden pro Woche «schallexponiert». Die Dauerschallpegel liegen bei allen Instrumenten zwischen 85 und 95 Dezibel. Die Spitzenwerte beim Schlagzeug betragen über 120 Dezibel - so viel wie bei einem Düsenjet. Am wenigsten schädlich sind Kontrabass, Cello und Oboe. Obenaus lärmen Trompeten und Posaunen. Neben Souffleusen und Souffleuren kaum geplagt sind mit 80 Dezibel - die Dirigenten. Noch besser haben es Theaterleiter: Sie können im Publikum sitzen.

Quelle: Emanuel Ammon
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