Die dreijährige Ladina erwachte mit stark angeschwollenen Augen; sie konnte kaum mehr etwas sehen. Sofort ging Carmen Eigenmann mit ihrer Tochter zum Notfallarzt in Chur. Dieser riet, Ladinas Augen mit Kamille auszuwaschen. Falls dies nichts nütze, werde er dem Kind ein Antibiotikum verschreiben. Carmen Eigenmann wollte sichergehen und wandte sich an einen zweiten Arzt. Dieser diagnostizierte eine Bindehautentzündung und verschrieb der Kleinen Augentropfen ohne Wirkung. Erst als die gelernte Krankenschwester dem Kind auf eigene Faust Fenistil-Tropfen (ein Antiallergikum) verabreichte, schwollen die Augen ab. «Wahrscheinlich hatte Ladina eine Allergie», mutmasst Carmen Eigenmann.

Die Mutter wundert sich, wie voreilig Diagnosen gestellt werden und wie leichtfertig Antibiotika verschrieben werden. Denn schon einmal war Ladina auf der Notfallstation ein Antibiotikum verordnet worden gegen eine angebliche Mittelohrentzündung. Der Hausarzt stellte einen Tag später Aphthen im Mund fest und riet vom Antibiotikum ab.

«Gerade bei Kindern kann sich der Krankheitsverlauf rasch verändern», sagt Silke Schmitt, Kinder- und Schulärztin in Zürich. Deshalb sei es auch nicht ungewöhnlich, dass die Diagnose am Folgetag anders lauten könne als am Vortag. Für die Ärztin ist es darum wichtig, dass jedes Kind einen Arzt hat, der es kennt und begleitet; idealerweise sei dies ein Kinderarzt. In ländlichen Regionen, wo solche Spezialisten rar seien, hätten aber auch Allgemeinärzte genügend Erfahrung mit kleinen Patienten.

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Silke Schmitt rät, zuerst den Vertrauensarzt aufzusuchen, bevor man in die Notfallstation eilt oder einen Notfallarzt ruft. «Notfallärzte kennen die Krankheitsgeschichte des betroffenen Kindes nicht und sind eher auf die Leiden von Erwachsenen ausgerichtet.» Zudem bestehe ihre oberste Pflicht darin, «das Schlimmste zu verhindern. Deshalb greifen sie häufiger zu Antibiotika.»

Alarm Bei Meningitisverdacht

«Das Schlimmste» ist bei Kleinkindern eine Hirnhautentzündung (Meningitis), die noch immer zu den gefährlichsten Krankheiten in der Schweiz zählt. Bereits eine Mittelohrentzündung könnte dazu führen; steifer Nacken, Kopfschmerzen, hohes Fieber, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit gehören zu den gängigen Symptomen. Besteht auch nur der leiseste Verdacht auf Meningitis, werden sofort Antibiotika in die Venen des Patienten gespritzt.

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Dass Antibiotika «allzu häufig» verschrieben werden, weiss auch Ueli Bühlmann, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie und Chefarzt am Zürcher Triemli-Spital. «Schädlich ist es aber nicht.» Trotzdem sollten Kindern so wenig Medikamente wie möglich verabreicht werden. Bühlmann: «In vielen Fällen, beispielsweise um Fieber zu senken, können es auch bewährte Hausmittel wie etwa Essigsocken sein» (siehe «Oft gehts ohne Chemie»).

Denn noch immer sind die wenigsten Arzneimittel spezifisch für Kinder entwickelt oder getestet worden. Gerade auf Intensiv- oder Kinderstationen kommen häufig Wirkstoffe zum Einsatz, die allein auf Studien mit Erwachsenen beruhen. Neben genetischen Faktoren sind es vor allem Stoffwechsel- und Wachstumsprozesse, die die Wirkung von Arzneien bei Kindern massiv schwanken lassen.

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Besonderes Augenmerk ist auf Babys zu richten, die noch keine drei Monate alt sind. Kaum widerstandsfähig, sind sie bei Infektionen besonders gefährdet. Zeigt das Thermometer mehr als 37,8 Grad an, sollte ein Arzt zu Rate gezogen werden. Auch wenn das Kleinkind nicht trinken will, ist Vorsicht angebracht. «Babys benötigen sehr viel Flüssigkeit», sagt Bernard Povel, Oberarzt im medizinischen Informations- und Beratungszentrum Medgate. In diesem Fall gelte: Ist der Kinder- oder Hausarzt nicht erreichbar, sollte man sofort das Spital aufsuchen.

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