Der Mann ist das Schreckgespenst aller Chirurgen in der Schweiz: Seit Jahren schon beschäftigt sich Gianfranco Domenighetti, Professor für Gesundheitsökonomie an der Uni Lausanne, mit der Frage, wie nötig so genannte Wahloperationen sind. Und hat Erstaunliches herausgefunden. Zum Beispiel: Je mehr Gynäkologen in einem Kanton praktizieren, desto mehr Frauen wird dort die Gebärmutter entfernt. Was den Schluss nahe legt: Ärzte nehmen lukrative Eingriffe auch dann vor, wenn sie nicht unbedingt erforderlich sind.

«Wahloperationen sind oft überflüssig», bestätigt Gerhard Kocher, Zentralsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik. Kocher hat sich als Leiter einer Projektgruppe intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt. Er nennt mehrere Gründe für die Operationslust: «Mehreinnahmen und bessere Auslastung von Arzt und Spital, Verbesserung der Fertigkeiten des Chirurgen, wissenschaftliches Interesse und mangelnde Kenntnis von zeitgemässen Behandlungen.» Auch müsse man sehen, dass zur Erlangung eines FMH-Titels eine gewisse Zahl an Operationen notwendig sei. Zudem ist die Medizin keine exakte Wissenschaft, sondern lässt einen grossen Ermessensspielraum. Und der wird gerade bei Operationen reichlich genutzt: Fachleute sind sich einig, dass jedes Jahr für einige hundert Millionen Franken unnötig operiert wird.

Es erstaunt daher nicht, dass immer mehr Patienten den ärztlichen Rat nicht mehr einfach hinnehmen, sondern mitbestimmen wollen. Zum Beispiel indem sie eine Zweitmeinung, auch Second Opinion genannt, einholen. Laut Stefan Schäfer, Chefarzt des medizinischen Beratungszentrums Medgate, betrifft dies etwa drei Prozent der Anfragen. Dabei braucht es nicht nur um Operationen zu gehen – auch bei medikamentösen Therapien kann es sinnvoll sein, eine zweite Stimme zu hören. Das Gleiche gilt für Eingriffe, die nur in Ausnahmefällen von der Grundversicherung bezahlt werden, zum Beispiel das Ziehen von Weisheitszähnen oder das Entfernen von gutartigen Hautveränderungen.

Zweitarzt urteilt oft anders

Wer eine zweite Meinung einholt, misstraut deswegen nicht gleich seinem Arzt. «Jede Operation hat ihre Risiken», erläutert Gerhard Kocher. «Es gibt für Laien aber kaum Möglichkeiten, sich über die Qualität eines Chirurgen zu informieren. Warum sollte ein sonst kritischer Konsument ausgerechnet bei Operationen darauf verzichten, zusätzliche Informationen einzuholen?» Denn ein zweiter Experte beurteilt nicht nur, ob die vorgeschlagene Operation angemessen ist. Es geht auch darum, die geplante Methode zu überprüfen. Auf diesem Weg kann eine schonendere und günstigere Behandlung möglich werden, die erst noch einen kürzeren Spitalaufenthalt erlaubt. Womit den Patienten wie dem Gesundheitssystem gedient ist.

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Dass Zweitmeinungen nötig sind, belegen Daten aus der Schweiz: In vier von zehn Fällen beurteilte der Zweitarzt den geplanten Eingriff als «nicht angemessen» oder nur «bedingt angemessen». Dabei wusste der Erstarzt nicht, dass der Patient eine Zweitmeinung einholen wird. In der Folge entschieden sich, je nach Operation, 15 bis 46 Prozent der Patienten dagegen.

Ob es ratsam ist, im Zweifelsfall eine Drittperson zu konsultieren, bleibt umstritten. «Eine Drittmeinung ist nur sinnvoll», so Stefan Schäfer, «wenn der Eingriff sehr risikoreich ist, etwa bei Hirnoperationen.» Sonst gilt: offen mit dem Arzt reden, der die Operation vorgeschlagen hat.

Dass auch die Ärzteschaft an Zweitmeinungen interessiert ist, bestätigt Hans Heinrich Brunner, Präsident der Verbindung der Schweizer Ärzte FMH: «Wir befürworten das Einholen von Zweitmeinungen auf Wunsch der Patienten seit Jahren. An dieser Position hat sich nichts verändert.»

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