Antiraucher scheinen Individualisten zu sein: jedem sein eigener Verein. Nicht weniger als 85 Organisationen und Institutionen – so eine Studie von 2002 – haben sich dem Kampf gegen den Tabak verschrieben. Derzeit ganz oben auf der Agenda: der Einsatz für rauchfreie Restaurants. So drücken Plakate der Kampagne «Uns stinkts» den Ärger über verqualmte Beizen aus und weist ein Führer der Zürcher Lungenliga auf rauchfreie Restaurants hin – wie auch die Website nichtraucherschutz.ch oder die Kampagne «Rauchen schadet – let it be», wie «Pro Aere», «Züri rauchfrei», die «Rauchfreie Schweiz» und die «Arbeitsgemeinschaft Tabakmissbrauch». Alles in allem setzen sich mindestens zehn Organisationen für unverqualmten Essgenuss ein.

Futterneid allenthalben

Nichts gegen Prävention; Impfungen gegen Kinderlähmung, Kariesprophylaxe sowie gesunde Ernährung und viele andere Präventionsmassnahmen tragen dazu bei, dass Menschen nicht erkranken und die Gesundheitskosten sinken. Indes stehen für Prävention und Gesundheitsförderung im Vergleich zur heilenden Medizin nur wenig Mittel zur Verfügung: gut zwei Prozent der etwa 50 Milliarden Franken, die das Gesundheitswesen insgesamt kostet. Umso wichtiger wäre es da, das Geld effizient einzusetzen. Doch dem ist oft nicht so.

Beispiel Alkoholprävention: Jeder Kanton betreibt dank dem Alkoholzehntel eigene Beratungsstellen. Gleichzeitig ist neben etlichen anderen Organisationen auch das Blaue Kreuz in fast allen Kantonen tätig. Dabei erklärt selbst Walter Liechti, Geschäftsführer des Blauen Kreuzes der Deutschschweiz: «Unsere Beratung unterscheidet sich nicht von derjenigen staatlicher Stellen.» Kein Wunder, gab es in einzelnen Kantonen Versuche, die Alkoholprävention zusammenzulegen. Baselland etwa wollte im Jahr 2000 die Alkoholberatung öffentlich ausschreiben, um ein Angebot aus einer Hand bieten zu können. Der Regierungsrat machte jedoch einen Rückzieher, weil die drei Beratungsstellen BFA Jugendberatung, Blaues Kreuz und Multikulturelle Suchtberatungsstelle beider Basel sich nicht auf ein gemeinsames Angebot einigen konnten. «Für den Klienten ist die Wahlmöglichkeit ein Vorteil», sagt Georges Krieg, Beauftragter für Drogenfragen beim Kanton, «doch hat man mit mehreren Organisationen höhere Verwaltungskosten.»

Davon kann die FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi ein Lied singen. Sie verteilt die knapp zwei Millionen Franken des Aargauer Alkoholzehntels und ist eine vehemente Kritikerin der Präventionsarbeit, so wie sie heute läuft: «Es gibt unglaublich viel Leerlauf und kaum Koordination. Alle machen das Gleiche. Ich habe kürzlich an einer Veranstaltung gefragt: ‹Wieso muss eigentlich jede Organisation ihre eigene Tragtasche, ihre eigene Internetseite und ihr eigenes Broschürli haben?› Das hat mir nicht viel Beifall eingetragen.» Viele Organisationen überleben nur dank diversen Futterkrippen und kämpfen um die gleichen beschränkten Mittel.

«Es gibt einen Futterneid unter den verschiedenen Organisationen», bestätigt Anna Sax, Geschäftsführerin der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik. Doch Kritik wird oft abgeschmettert. So entgegnet Daniel Brenner, stellvertretender Aargauer Kantonsarzt und engagierter Präventivmediziner, allen, die Doppelspurigkeiten in der Prävention monieren: «Die Leerläufe in der viel teureren kurativen Medizin fallen viel stärker ins Gewicht.»

«Ein völliger Flop»

Die Frage bleibt dennoch: Wer macht eigentlich was mit den Präventionsmillionen? «Eine gesamtschweizerische Übersicht gibt es nicht», muss das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eingestehen. Ein scharfer Kritiker des Präventionsgestrüpps ist der Gesundheitsökonom Willy Oggier: «Es wird in der Prävention viel Aktivismus gemacht, und es gibt eine Tendenz zur Verzettelung der Kräfte. Durch diese Parzellierung leidet zudem oftmals die Qualität.» Ziellosigkeit ortet auch der Tessiner Kantonsarzt und Präventivmediziner Ignazio Cassis. «Ohne Plan und Planer» seien «die Profis der Gesundheitsförderung in Hunderten von Mikroprojekten in der ganzen Schweiz unterwegs».

Beispiele für ungeschickte und verwirrende Kampagnen finden sich etliche. So machte die Beratungsstelle für Unfallverhütung mit der Reduktion der Promillegrenze auf 0,5 die Ein-Glas-Regel beliebt – dabei hatte es jahrzehntelang geheissen: «Wer fährt, trinkt nicht.» Zur Verwirrung trug eine vom BAG zusammen mit Gastrosuisse herausgegebene Tabelle bei, wo sich ermitteln lässt, wie viele Promille man bei wie vielen Gläsern und bei welchem Körpergewicht intus hat. Die Kampagne lief unter dem Motto «Genuss ohne Reue», wobei dieselbe Broschüre empfahl, am besten nüchtern zu fahren. Selbst das Blaue Kreuz mit seiner langen Tradition der Abstinenz hat einen Hinweis auf die Promilletabelle auf seiner Website. «Diese Kampagne», so Jacqueline Sidler von der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, «stiess bei Präventionsfachleuten auf Unverständnis.»

Seit sechs Jahren gibt es die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, an die jeder Krankenversicherte pro Jahr Fr. 2.40 zahlt – insgesamt 17 Millionen Franken. Die Organisation wäre geeignet, die Führung in der Gesundheitsförderung zu übernehmen, doch sind einige Steine aus dem Weg zu räumen. Dazu gehören etwa Zänkereien über Kompetenzen und Schwerpunkte mit dem BAG. Und dazu gehört ein Imageschaden, nachdem die Stiftung denkbar schlecht gestartet ist. So ging eine ironisch gemeinte, aber oft falsch verstandene Kampagne mit dem fiktiven «Dr. Luzi Fehr», der zu ungesundem Lebenswandel anhielt, in die Hosen. «Ein völliger Flop», meint Peter Marbet von Santésuisse, dem Verband der Krankenversicherer.

Pro Jahr unterstützt die Gesundheitsförderung Schweiz etwa 150 Projekte. Kritiker wie der CVP-Nationalrat und Gesundheitspolitiker Pierre Kohler bemängeln das als «Giesskannenprinzip». Dass es mit der Koordination der Projekte besser laufen könnte, meint auch Brigitte Ruck- stuhl von der Gesundheitsförderung: «Es gibt Überschneidungen mit dem BAG und anderen Organisationen. Gleichzeitig hat sich aber auch die Zusammenarbeit intensiviert. Alle finden, man müsste besser koordinieren, aber wenige wollen sich koordinieren lassen.»

Präventionserfolg via Portemonnaie

Ähnliche Unklarheit herrscht bei der Frage nach der Wirksamkeit der Prävention. Reine Informationskampagnen – so viel weiss man heute immerhin – bringen höchstens dem ausführenden Werbebüro, den Plakatgesellschaften und den Medien etwas. Solche Kampagnen haben indes zwei Vorteile. Die Auftraggeber haben das gute Gefühl, etwas Nützliches gemacht zu haben, und zudem tun sie niemandem weh, schon gar nicht der Industrie. «In der Schweiz und anderswo hat es die Gesundheitsförderung dort sehr schwer, wo wirtschaftliche Interessen tangiert werden», sagt der Berner Präventivmediziner Professor Matthias Egger. «Wie etwa in der Schweiz für Tabak Werbung gemacht wird, das ist einmalig in Europa.» Der gesundheitspolitisch wenig erwünschte Erfolg ist eklatant. Die Zahl der Jungen, insbesondere der Mädchen, die rauchen, ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen und verharrt jetzt auf hohem Niveau.

Wie alle anderen Gesundheitsexperten findet auch Egger, dass «sich das Verhalten der Leute nicht mit blosser Information ändern lässt». Es brauche dazu strukturelle Massnahmen wie Gesetze oder Lenkungsabgaben. «Man muss Verhältnisse schaffen, die Verhaltensänderungen erleichtern», sagt Egger, «wie etwa rauchfreie Züge und Restaurants, eine Verteuerung von energiedichter Nahrung oder einen erschwerten Zugang zu zuckerhaltigen Softdrinks in den Schulen.» Positives Beispiel: Die massive Verteuerung der Alcopops hat zu einem Zusammenbruch beim Konsum dieser bei Jugendlichen beliebten Drinks geführt.

Eine Wirkung ist schwer zu beweisen

Hier ist der Zusammenhang offensichtlich, doch bei vielen Aktionen zur Prävention tappt man im Dunkeln. «Der Nachweis, dass eine Präventionsmassnahme gewirkt hat, ist schwierig zu erbringen», räumt Präventivmediziner und Nationalrat Felix Gutzwiller ein, «weil man ja nur die kranken Menschen in der Praxis sieht.» Zudem fehlen meist Langzeitstudien.

Mittlerweile steht die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz in der Kritik, denn Erfolge lassen sich noch kaum ausmachen. CVP-Nationalrat Kohler: «Man überprüft die Wirksamkeit der Massnahmen oft gar nicht.» Um das abzuklären, hat Bundesrat Pascal Couchepin die Firma PricewaterhouseCoopers mit einer Evaluation der Stiftung beauftragt. «Wir selber sind auch sehr daran interessiert, welche Wirkung unsere Projekte erzielen», meint Vizedirektorin Ruckstuhl von der Gesundheitsförderung. Dass nicht alle Projekte die «strengen Qualitätskriterien» erfüllen, räumt auch sie ein.

Ob mit Prävention und Gesundheitsförderung «Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden können, ist nicht einfach festzustellen», schreibt die Präventivmedizinerin Christiane Meier. Dennoch sind gerade diejenigen, die öffentliches Geld sprechen können, oft unkritisch – im Glauben, Gutes zu tun. «Prävention finden alle gut», mokiert sich Christine Egerszegi, «und das führt dann zur grotesken Situation, dass das Parlament im Rahmen der Euro 2008 eine halbe Million Franken für Prävention spricht, ohne dass man weiss, was man damit machen will.»

Quelle: Edi Engeler
Anzeige