Das Problem:

Ich möchte gern studieren und würde mich am meisten für das Fach Psychologie interessieren. Nun haben mir aber verschiedene Leute davon abgeraten. Ich sei noch zu jung und hätte mich noch nicht gefunden. Was soll ich tun? Reto F.

Koni Rohner, Psychologe FSP:

Ihre Ratgeber scheinen einen sehr hohen Anspruch zu haben. Wer kann denn schon von sich selbst behaupten, sich wirklich gefunden zu haben? Möglicherweise bringt einem ein Psychologiestudium zwar tatsächlich mehr, wenn man schon einiges erlebt und erlitten hat. Aus diesem Grund eignet es sich besonders für Späteinsteiger, Umsteiger oder Wiedereinsteigerinnen.

Aber erstens ist die Kinder- und Jugendzeit an niemandem spurlos vorübergegangen, so dass bei jedem Erwachsenen, der sich für diesen Weg entscheidet, ein grosser Erfahrungshintergrund besteht auch schon im Alter von 19 Jahren.

Zweitens gilt natürlich für jede Ausbildung, dass sie auf fruchtbareren Boden fällt, wenn in diesem Bereich bereits erste Erfahrungen gemacht wurden. Bei Themen aber, die sich auf die Entwicklung beziehen, halte ich die Einstellung «Man muss zuerst, bevor man darf» grundsätzlich für falsch. Häufig wird beispielsweise auch gefordert, man müsse zunächst einmal lernen, allein sein zu können, bevor man sich auf eine Liebesbeziehung einlässt.

Diese Idee des Nacheinanders ist künstlich. Auch reift niemand einfach nur deshalb, weil er älter wird. In den Auseinandersetzungen mit anderen Menschen erfährt man nämlich erst, wer man wirklich ist. Sie sind zugleich Herausforderung und Spiegel für unsere Persönlichkeitsentwicklung. Ausserdem ist diese nie abgeschlossen. Man kann sich also nie sagen: «Jetzt bin ich eine fertige Persönlichkeit und darf mich in die Welt hinauswagen.» Es gibt zwar Leute, die glauben, man könne eines Tages vollkommene Reife und Erkenntnis erlangen. Der Begriff Erleuchtung meint wohl etwas in dieser Art.

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Ich aber halte es eher mit dem Küsnachter Psychiater Carl Gustav Jung (1875 bis 1961), der betonte, dass der Prozess der Entwicklung das Wesentliche sei und nicht das Erreichen des Ziels. Er hat diese lebenslange Aufgabe «Individuation» genannt, weil es darum geht, das eigene Selbst immer deutlicher zu entfalten. Die Frage «Wer bin ich?» bekommt dadurch immer klarere Antworten.

Weiterentwicklung durch Misserfolge

Damit das Leben nicht einfach an einem vorbeizieht, sondern man etwas daraus lernen kann, ist es allerdings nötig, immer wieder innezuhalten und zu reflektieren: Was geschieht mir? Was mache ich hier? Wie fühle ich mich dabei? Mit anderen Worten: Es lohnt sich, ein bewusstes Leben zu führen.

Leider scheint es eine Tatsache zu sein, dass wir durch Leiden oder Krisen viel mehr lernen, als wenn es uns rundum gut geht. Wenn alles rund läuft, werden wir träge. Um uns weiterzuentwickeln, brauchen wir immer wieder die Herausforderung von Misserfolgen oder schwierigen Aufgaben. Trotzdem gehöre ich nicht zu denen, die das ganze Leben für eine einzige Prüfung halten. Ich bin auch ein Geniesser und der Meinung, jedes Leben biete sehr viel Schönes, das man sich in Ruhe gönnen darf. Die nächsten Turbulenzen kommen bestimmt.

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Vielleicht ist die Zeit der Ausbildung auch für die Persönlichkeitsentwicklung besonders fruchtbar. Die Strukturen sind dann loser: Man ist offener für neue Sicht- und Verhaltensweisen nicht nur in fachlicher Hinsicht, sondern auch im seelischen Bereich. Doch schon der «gewöhnliche» Alltag liefert uns eine ganze Reihe von Situationen, um Neues über uns selbst, die anderen und die Welt zu lernen. Wir müssen nur sorgfältig und liebevoll darauf achten.