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Amoktaten«Wie ist so etwas möglich?»

Ein Amokläufer schiesst am Mittwochmorgen in der Kantine einer Holzfirma in Menznau LU um sich. Was kann einen Menschen zum Amok treiben? Psychologe Koni Rohner erklärt die Mechanismen.

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Der Philosoph Jan Philipp Reemtsma hat intensiv über Gewalt nachgedacht und eine erste, eher beunruhigende Antwort gefunden: Er weist darauf hin, dass die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte der Gewalt ist. Brutalität von Einzelnen oder von Gruppen, zum Teil gegen die Gesellschaft, aber teilweise auch mit ihrer Billigung oder gar in ihrem Dienst, hat es immer gegeben. Man denke etwa an Völkermord, an Folter oder an die Taten im Dritten Reich.

Aufgrund dieser Tatsachen kommt Reemtsma zum Schluss, dass die Möglichkeit, zerstörerische Gewalt anzuwenden, zum Menschen als Spezies gehört. Sie dient nicht nur dem Angriff und der Verteidigung. In der Gewalt gibt es auch einen Selbstgenuss, ein berauschendes Gefühl der unbeschränkten Macht. Es gehört demnach zur «Ausrüstung» des Menschen, dass er in einen Rausch des Tötens und Zerstörens geraten kann. Nicht nur im Krieg kann das zum Vorschein kommen, sondern auch in der Zivilgesellschaft in bestimmten Konstellationen hervorbrechen. Zum Glück sehr selten.

Es gibt nicht nur die dunkle Seite

Diese Erkenntnis soll uns nicht etwa gleichgültig machen oder gar Gewalttaten entschuldigen, sondern im Gegenteil dazu führen, genauer zu untersuchen, welche Bedingungen die menschliche Zerstörungswut entfesseln. Das soll dabei helfen, solche Durchbrüche unwahrscheinlich zu machen.

Glücklicherweise ist diese dunkle Seite, die bei den meisten gar nie zum Vorschein kommt, nur eine Facette des menschlichen Wesens. Ganz wichtig ist unsere soziale Seite. Hier gehört zu unserer ererbten «Ausrüstung» die Fähigkeit zur Empathie, zur Einfühlung.

Wissenschaftler konnten im Gehirn sogenannte Spiegelneuronen nachweisen, die es uns ermöglichen, mit andern Menschen mitzufühlen. Wenn wir sehen, wie jemandem in den Finger gestochen wird, sind dieselben Hirnzellen aktiv, wie wenn es uns selbst geschieht. Ebenso können wir mit den Emotionen des Gegenübers mitschwingen. Mitgefühl ist die wichtigste Aggressionsbremse. Wer mit dem Leiden eines potentiellen Opfers mitschwingt, kann keine Gewalt mehr anwenden.

Mitgefühl ermöglicht auch eine fruchtbare Kommunikation. Wer die Perspektive des andern übernehmen kann, wer seine eigene Position klar ausdrücken kann, ist in der Lage, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Aus diesen Erkenntnissen lassen sich Ideen zur Vorbeugung gegen Gewalt ableiten: Im Elternhaus und in der Schule muss viel Wert auf Ausdruck und Verstehen gelegt werden. Es braucht ein eigentliches Kommunikationstraining bereits für Kinder und Jugendliche. Die angeborene Empathiefähigkeit lässt sich steigern und verfeinern. Wer seine Gefühle und seine Position im Gespräch ausdrücken kann, wer ein Gegenüber hat, das sich interessiert, staut keine Aggressionen auf, die sich eines Tages in einer Gewalttat Luft verschaffen können. Wer im Gespräch ernst genommen wird, entwickelt keine Ohnmachtsgefühle, die im schlimmsten Fall in einen Machtrausch umschlagen können. Wer eine hohe Sozial- und Kommunikationskompetenz hat, gerät auch nicht ins Abseits, wird nicht zum isolierten Einzelgänger, wie es Amokläufer meist sind. Frustrationen, weiss man, führen zu Aggressionen.

An Videospielen und an Gewaltfilmen findet Modelllernen statt. Ein ganzes Bündel von Ursachen muss zusammenkommen, damit die Katastrophe eines Gewaltdelikts geschieht. Gerade diese Tatsache soll Mut machen, mitzuhelfen, der Gewalt die Chancen zu nehmen, wo immer man lebt und arbeitet, wie klein der eigene Beitrag auch sei.

Buchtipp

Jan Philipp Reemtsma: «Vertrauen und Gewalt»; Hamburger Edition, 2008, 576 Seiten, 54 Franken

Veröffentlicht am 30. März 2009