Nicht viel, wenn es zwanghaft und verkrampft geschieht. Die süffig geschriebenen Ratgeber des positiven Denkens stellen eher eine Gefahr dar. Die Anbieter sind mehr gute Verkäufer als seriöse Wissenschaftler. Bekannte Autoren sind etwa Dale Carnegie und Joseph Murphy. Zentrale Aussage Murphys ist, dass der Mensch mittels «wissenschaftlicher Gebete» Einfluss auf sein Unterbewusstsein nehmen könne. Sein Werk «Die Macht Ihres Unterbewusstseins» hat bereits 65 Auflagen erlebt und ist noch immer ein Bestseller. Die Wirkung des positiven Denkens lässt sich nach wissenschaftlichen Regeln aber nicht beweisen. Um ihre Methode zu propagieren, stellen die Autoren nur erfolgreiche Beispiele vor. Wenn nun trotz intensiver Autosuggestion eben doch von Zeit zu Zeit Misserfolge, Niederlagen oder Rückschritte geschehen, wird dies als persönliches Versagen interpretiert und kann zu Selbstvorwürfen und Depressionen führen. Negative Entwicklungen gehören einfach zum Leben. Natürlich hilft ein mit Realismus gepaarter Optimismus. Oft müssen wir aber auch Grenzen und Einschränkungen akzeptieren.

Das Allerweltsrezept «positives Denken» sollte nicht mit der «positiven Psychologie» (Positive Psychology) verwechselt werden. Dabei handelt es sich nämlich um einen wissenschaftlichen Ansatz, mit dem seit den neunziger Jahren intensiv geforscht wird. Die Grundidee besteht darin, sich nicht mehr mit seelischen Krankheiten zu befassen, sondern die Bedingungen für Gesundheit und Wohlbefinden zu untersuchen. Während nämlich bis 2001 in psychologischen Zeitschriften weltweit rund 80'000 wissenschaftliche Artikel über Depression erschienen sind, waren es nur 4000 über Lebenszufriedenheit, und 20'000 Untersuchungen über Angst stehen nur 780 über Mut gegenüber.

Ein wichtiger Vertreter der positiven Psychologie ist der Amerikaner Martin Seligman (siehe Buchtipp). Ausgangspunkt war aber auch bei ihm eine Beschäftigung mit dem Leiden. Er arbeitete mit depressiven Patienten und erkannte den Mechanismus der erlernten Hilflosigkeit. Daraus ergab sich die Frage nach den Ressourcen, die eine solche Entwicklung verhindern können.

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Bei der Frage danach, was gesund und gut für den Menschen sei, haben die Forscher um Seligman auch die Antworten der Philosophien und Religionen der verschiedenen Kulturen beigezogen. Sie wiesen nach, dass die altbekannten Tugenden Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mässigung sowie die Fähigkeit, spirituelle Erfahrungen zu machen, tatsächlich auch heute nützlich für die Lebensbewältigung sind und zu mehr Zufriedenheit führen. Die Forscher haben 24 Stärken benannt, die es braucht, um die Tugenden zu erreichen, unter anderem Optimismus, Begeisterungsfähigkeit, Bindungsfähigkeit, Neugier, Dankbarkeit, Ausdauer und nicht zuletzt Humor. Zum glücklichen Leben, haben sie auch entdeckt, gehören nicht nur Genuss und Vergnügen, sondern ebenso, dass man sich für Menschen, den Beruf, Projekte oder die Familie engagiert und dass man das Gefühl hat, das eigene Leben habe einen Sinn.

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Aktuell sind die Forscher daran, zu überprüfen, welche therapeutischen Mittel geeignet sind, die 24 Stärken zu trainieren und die Fähigkeit zu Genuss, Engagement und Sinnfindung zu verbessern, um leidenden Menschen zu mehr Lebenszufriedenheit zu verhelfen. Das wird eine solidere Hilfe sein als das Wundermittel «positives Denken».

Buchtipp:
Martin E. P. Seligman: «Der ­Glücks-Faktor. Warum Optimisten länger ­leben»; Lübbe, 2005, 480 Seiten, Fr. 16.90

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