Frage von Hans G.: «Die Terroranschläge in Paris haben mich tief getroffen. Ich verspüre Angst und Trauer, aber zunehmend auch Wut, ja sogar Hass. Das fühlt sich nicht gut an und macht mich ratlos.»

Was Sie machen, ist ein wichtiger erster Schritt: Gefühle wahrnehmen, zulassen, einen Moment innehalten. Gefühle sind nie gut oder schlecht, sie sind, wie sie sind. Problematisch kann das werden, was aus ihnen an Bewertungen, Schlussfolgerungen und Handlungen hervorgeht.

Mit einer solchen Tat bricht das Grauen in unsere Alltagswelt ein. Was vorher weit weg war, rückt näher und könnte am Ende auch mich und meine Familie treffen.

Wir sind verstört, verängstigt, überfordert, und wir werden überflutet von Ohnmachtsgefühlen. Wenn wir das in einer Gruppe erleben, potenzieren sich die Gefühle und entwickeln eine Eigendynamik.

Für einen Moment haben wir jetzt unsere Sicherheit verloren. Wie bei einem indivi­duellen Trauma ist es von grosser Bedeutung, im darauffolgenden Verarbeitungsprozess keinen Schritt zu überspringen.

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Allmählich zurück zur Besonnenheit

Damit der durch die Gewalt angerichtete Schaden nicht noch grösser wird, muss man nach und nach wieder Besonnenheit erlangen, um impulsive und vorschnelle Entscheidungen und Handlungen zu vermeiden.

Ein erster wichtiger Schritt ist, ein Gefühl von Sicherheit so weit als möglich wiederherzustellen. Das passiert seit den Anschlägen. Hinweise aus den Regierungen, was an Massnahmen unternommen wird, Transparenz bezüglich des Standes der Ermittlungen und des Vorgehens – und vor allem Empathie und Solidarität: «Wir wissen, was ihr empfindet, wir teilen die Trauer, ihr seid nicht allein, wir gehen zusammen.» Gemeinsam innehalten und das aushalten, was das Unfassbare angerichtet hat. Diese zutiefst menschlichen Reaktionen, die Schweigeminuten und Gesten von Teilnahme sind ein wichtiger Trost für das Überstehen des ersten Schocks.

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Gefühle dürfen nicht einziger Massstab sein

Und was kommt dann? Wir sind nicht bloss unsere Gefühle, wir sind mehr. Das Indivi­duum und die Gesellschaft verfügen über Bewusstsein, Erfahrungen, geschichtliches Wissen und Wissen, wie Menschen «ticken», was sie kränkt, stark macht, wo sie anfällig sind und oft schmerzhaft in die Irre laufen.

Es ist also wichtig, unsere Gefühle zuzulassen, sie ernst zu nehmen und ihnen Rechnung zu tragen. Aber genauso zentral ist es, sie nicht als alleinige Instanz für zukünftige Beschlüsse, Handlungen und Perspektiven anzurufen.

Nach dem Schock und den Erste-Hilfe-Massnahmen haben wir das Bedürfnis nach mehr. Nun müssen Handlungen folgen. Wir sehnen uns nach kräftigen, eindeutigen und endgültigen Lösungen. Wir sind bereit, denen zu folgen, die das versprechen.

Wir sehnen uns nach einem Ausgleich, bei dem wir das letzte Wort haben.

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Das ist ebenso verständlich wie gefährlich.

Rache führt, wenn sie gelingt, zu einem Gefühl der Wiederherstellung und Genug­tuung. Leider nur vorübergehend und immer nur auf einer Seite.

Bis aufs Blut zerstrittene Paare können sich manchmal nach dem Ende der Liebe jahrelang nicht trennen, weil sie sich noch nicht «fertig gerächt» haben.

Der Gegenschlag als alleinige endgültige Lösung ist eine Illusion, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat.

Wo wir die Regie selber übernehmen können

Wie kann persönliche, individuelle Verantwortung aussehen? Wie sollen wir unsere Gefühle von Angst und Verunsicherung ernst nehmen und doch besonnen handeln?

Wir indirekt Betroffenen sollten einen Zwischenhalt einlegen. Innehalten zwischen den entstandenen Gefühlen und dem, was wir daraus machen.

Hier übernehmen wir die Regie für die Rolle, die wir im grossen Film spielen.

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Hier entscheiden wir, ob wir dem Gefühl der Masse nachgeben oder persönliche Verantwortung übernehmen für das, was wir fühlen, denken und tun.

Führt mein durch den barbarischen Akt entstandener Hass auf alles Extremistische dazu, dass ich nun meinem muslimischen Gemüsehändler misstraue? Oder der Flüchtlingsfamilie im Nachbardorf?

Meine Entscheidung. Meine Verantwortung. Mein Beitrag an unsere Zukunft.