Lieber würde sich der Philip-Morris-Sprecher Marc Fritsch die Zunge abbeissen, als die Empfehlungen der Gesundheitsbehörde (BAG) anzuzweifeln. Dabei sind die BAG-Botschaften für die Tabakindustrie schwer zu schlucken: Wer nur schon eine halbe Stunde lang passivraucht, der schwächt sein Herz. Passivraucher haben ein doppelt so hohes Hirnschlagrisiko wie Nichtraucher. Der Rauch einer einzigen Zigarette, verdünnt in einem Raum in der Grösse eines Parkhauses für 30 Fahrzeuge, irritiert bereits Augen und Nase eines Nichtrauchenden.

In der Schweiz stirbt schätzungsweise jeden Tag ein Mensch an den Folgen des Tabakrauchs, obwohl er nie selbst geraucht hat. Tabakmanager Fritsch nimmt alles hin und gibt unumwunden zu: «Nichtraucher vor dem Passivrauch zu schützen ist ein legitimes Interesse der Gesundheitsbehörden.» Würde man ihn bitten, die qualvollsten Raucherkrankheiten zu beschreiben, er würde dieser Aufforderung zweifellos Folge leisten.

Eine Branche kämpft gegen ihr Image


Die Kehrtwende ist erstaunlich. Denn bis Ende der neunziger Jahre stritt die Tabakindustrie ab, dass Rauchen Krebs verursachen kann und süchtig macht. Heutzutage schaltet Philip Morris ganzseitige Inserate, worin die Marlboro-Herstellerin empfiehlt, am besten gar nicht mit Rauchen zu beginnen. Die Firma hat ein so mieses Image, dass sich offenbar nur noch eine Vorwärtsstrategie empfiehlt: bloss nichts abstreiten, was die Gesundheitsbehörden und die Anti-Tabak-Ligen erzählen!

Der Umschwung kommt nicht von ungefähr. «Die gegenwärtige Kampagne des Bundesamts für Gesundheit (BAG) für den Schutz vor Passivrauch ist entscheidend für den Erfolg der ganzen Präventionskampagne», urteilt Präventivmediziner und Nationalrat Felix Gutzwiller. Die Antiraucherfront geht dabei mit grossem Kalkül vor. Während die Prävention bisher auf die Rauchenden selber zielte, versucht sie nun, die Nichtraucher, inzwischen zwei Drittel der Bevölkerung, anzusprechen. «Bisher schädigten Raucher nur sich selbst. Doch mit den Beweisen, dass auch Passivrauchen schädlich ist, greift der Slogan der Tabakindustrie von der ‹individuellen Freiheit› nicht mehr. In dieser Hinsicht ist die Debatte ums Passivrauchen ein entscheidender Wendepunkt», erklärt BAG-Vizedirektor Chung-Yol Lee. Es sei schliesslich die «Aufgabe des Staates, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen».

Lee erklärt, dass er es nicht dabei bewenden lassen will, vor den gesundheitlichen Gefahren des Passivrauchens zu warnen. Er will generell einer «Banalisierung des Tabakkonsums» entgegentreten, wie es im Tabakpräventionsprogramm festgelegt ist – oder in den Worten des BAG-Tabakfachmanns: «Rauchen soll nicht mehr die Norm sein.»

Der beste Schachzug der Tabaklobby


Dass Rauchen heute noch «normal» ist, davon ist Konsumentenschützerin und Ständerätin Simonetta Sommaruga überzeugt. Als «Ajatollah» wurde sie bezeichnet, als sie Unterschriften sammelte für ein Postulat, das Nichtraucher vor Passivrauch im Bundeshaus schützen soll. Die Formel «Rauchen gleich Genuss» sei eben tief in den Köpfen der Leute drin. «Das war der strategisch beste Schachzug der Zigarettenindustrie. Wer nicht raucht oder eine rauchfreie Umgebung will, gilt seither als lustfeindlich.»

Genau in diese Kerbe schlägt Ständerat Hans Hess, Präsident der Vereinigung des Schweizerischen Tabakwarenhandels. Er wirft dem obersten Gesundheitsschützer in der Schweiz vor: «BAG-Chef Thomas Zeltner ist ein Fundamentalist. Er will eine Schweiz ohne Raucher.»

Von solchen Sprüchen lassen sich die Präventionsfachleute nicht abschrecken. Rauchen soll mit der aktuellen Kampagne endgültig zur Ausnahme werden. Deshalb sind Rauchverbote in Restaurants und Bars, wie es die Tessiner Regierung plant, so entscheidend. Für Lee ein «historisches» Ereignis, weil sich der Gastroverband zum ersten Mal auf die Seite der Prävention geschlagen habe.

Geht das Verbot durch das Parlament, wird das Tessin der erste Kanton in der Schweiz mit einem Rauchverbot. Es würde damit dem Beispiel Italiens folgen: Dort ist es ab nächstem Monat verboten, in Restaurants und Bars zu rauchen.

Hat die Zigarettenbranche diesen Kampf bereits aufgegeben? «Die Tabakindustrie hat ihre Kommunikationsstrategie völlig geändert. Sie tritt gar nicht mehr gegen die Tabakgegner an – und wenn, dann sehr konziliant», erklärt Gutzwiller. Doch all die Eingeständnisse der Branche sind laut Konsumentenschützerin Sommaruga «knallharte Strategie».

Es gibt verschiedene Strategien


So räumt der Tabakmulti Philip Morris auf Anfrage ein, dass Passivrauchen die Gesundheit ruinieren kann. Doch fragt man konkret nach, ob der Konzern Rauchverbote in Restaurants befürwortet, wird die Antwort plötzlich unscharf. Die Geschäftsinhaber sollten «flexibel entscheiden dürfen», sagt Philip-Morris-Sprecher Fritsch. Was er damit meint: Es solle kein Verbot geben, sondern getrennte Bereiche für Rauchende und Nichtrauchende oder separate Räume.

Die Branche fährt in der Frage des Passivrauchens völlig verschiedene Strategien. Die Tabakfirma JT International (Camel, Winston) beschwört zwar ebenfalls das «Recht» der Nichtrauchenden «auf eine rauchfreie Umgebung», lehnt aber ein generelles Rauchverbot in Restaurants ebenso ab wie völlig rauchfreie Züge, teilt Pressesprecherin Jacqueline Erb mit.

British American Tobacco (BAT) streitet im Gegensatz zu Philip Morris sogar noch ab, dass Passivrauchen das Risiko für Lungenkrebs und Herzkrankheiten erhöht. Laut Pressesprecher Claudio Rollini ist das «wissenschaftlich nicht hundertprozentig» erwiesen. Diese für die Fachwelt erstaunliche Haltung mag damit zu tun haben, dass BAT mit Parisienne und Barclay auf dem Schweizer Markt sehr stark vertreten ist und ihn nicht kampflos zur rauchfreien Zone erklären lassen will. BAT-Mann Rollini klagt: «Die dogmatische Anti-Tabak-Lobby und auch ein Teil der Präventionsfachleute wollen die Prohibition: eine Schweiz ohne Raucher.» Wenn das wirklich deren Ziel sei, «sollten diese Leute das auch klar sagen».

Die Industrie lehnt Verbote ab


Die Tabakindustrie ist sich aber in einer Sache einig: in der Ablehnung von Rauchverboten. So lehnt BAT ein generelles Rauchverbot in Restaurants, Bars, Bahnhöfen und in Zügen ab. Man setzt stattdessen auf Toleranz, Lebensfreude und gute Ventilation.

Behördenvertreter Lee kann sich da ein Lachen kaum verkneifen: «Ventilatoren würden nur etwas nützen, wenn sie mit Orkanstärke laufen würden.»

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.