Beobachter: Seit Monaten rüsten Gesundheitsexperten weltweit für eine Seuche, von der die meisten Menschen hierzulande noch wenig merken. Kommen Sie sich da nicht vor, als kämpften Sie gegen
Windmühlen?
Robert Steffen: Nein, keinesfalls. Seit Jahren haben wir uns auf eine mögliche Pandemie vorbereitet, nun ist die Pandemie mit der Schweinegrippe H1N1 da. Die Verantwortlichen nehmen die Seuche ernst. Man muss mit dem schlimmstmöglichen Szenario rechnen. Besonders, um Engpässe in der medizinischen Versorgung zu verhindern. Wenn es weniger schlimm kommen sollte, als wir befürchtet hatten, sind wir zufrieden.

Beobachter: Wie sieht das schlimmstmögliche Szenario für unser Land aus?
Steffen: In der Schweiz würden 25 Prozent der Menschen an der Schweinegrippe erkranken, in städtischen Ballungsräumen möglicherweise sogar 30 Prozent. Und sehr wahrscheinlich würden insgesamt mehrere Dutzend Menschen an der Erkrankung sterben.

Beobachter: Das ist doch nicht ungewöhnlich. An der Grippe sterben in der Schweiz jedes Jahr 400 bis 1000 Menschen.
Steffen: Stimmt. Aber im Unterschied zur saisonalen Grippe sind von der Schweinegrippe deutlich mehr jüngere Menschen betroffen, und zwar Kinder und Erwachsene bis etwa 50 Jahre. Ältere Menschen dagegen erkranken seltener. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liegt bisher bei der H1N1-Pandemie bei 37 Jahren, dasjenige der Patienten, die ins Spital verlegt werden mussten, bei 20 Jahren. Bei der normalen Influenza sind die Todesfälle fast ausschliesslich bei Betagten und schwer chronisch Kranken zu beklagen. An H1N1 werden wohl auch bis dahin völlig gesunde junge Menschen sterben.

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Beobachter: Woran mag das liegen?
Steffen: Das ist noch nicht klar. Ein möglicher Grund liegt in der Ähnlichkeit des H1N1-Virus mit Grippeviren von früheren Pandemien, etwa der von 1976. Das Immunsystem der Menschen über 40 kennt diesen Erreger eventuell schon und kann rasch Antikörper herstellen, um das Virus in den Griff zu kriegen. Jüngeren Menschen, die noch keinen Kontakt mit dieser Art Virus hatten, fehlt dieser Vorsprung.

Beobachter: Die kommenden Monate sind die Hauptgrippezeit. Was kommt auf uns zu und wie gefährlich wird es?
Steffen: Die Schweinegrippe wird im Winter in einer zweiten Welle über den Globus ziehen. Daten von der Südhalbkugel, aus Australien, wo man den Winter längst hinter sich hat, zeigen, dass sie relativ mild verläuft und dass unsere Ausbreitungsmodelle in etwa stimmen. Eine neue Erkenntnis ist, dass 15 Prozent der hospitalisierten Fälle intensivmedizinische Betreuung benötigten, weil sie künstlich beatmet werden müssen. Auf diese Situation müssen sich Schweizer Spitäler einstellen.

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Beobachter: Und wie steht es um die gewöhnliche, saisonale Grippe?
Steffen: Neben der Schweinegrippe werden wie gewohnt ein oder zwei saisonale Influenzastämme kursieren. Möglicherweise werden diese aber vom H1N1-Virus weitgehend verdrängt.

Beobachter: Experten befürchten, dass durch den Gentausch zwischen dem H1N1-Virus und anderen Grippeviren eine gefährlichere Super-Grippe entstehen könnte.
Steffen: Die Befürchtung ist berechtigt. Falls das H1N1-Virus so leicht übertragbar bleibt und dazu virulenter, sprich: aggressiver wird, wären die aktuellen Hochrechnungen überholt, und wir müssten die Erkrankungs- und Sterberaten für die zweite Pandemie nach oben korrigieren. Aber wir dürfen nicht vergessen: Jedes Grippevirus hat ein gewisses Pandemiepotential. Und selbst das fast schon vergessene Vogelgrippevirus führt vor allem in Asien weiter zu Opfern.

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Beobachter: Wie gut ist die Schweiz auf die drohende Pandemie vorbereitet?
Steffen: Unser Land ist den Umständen entsprechend sehr gut vorbereitet. Laut Umfragen wissen 98 Prozent der Bevölkerung wenigstens grundlegend Bescheid über die Schweinegrippe. Medizinisches Personal und Risikopersonen wie Schwangere, Kinder und chronisch Kranke können hoffentlich schon bald geimpft werden, und Erkrankte erhalten die Medikamente rasch nach Beginn der Symptome, denn später wirken sie nicht mehr.

Beobachter: Wo liegen mögliche Engpässe?
Steffen: Sofern tatsächlich ein Viertel unserer Bevölkerung innerhalb von wenigen Wochen erkrankt, wird es bei gewissen Dienstleistungen zu Engpässen kommen. Vielleicht müssen öffentliche Verkehrsbetriebe ihren Fahrplan – ähnlich wie während der Sommerferien – ausdünnen. Arztpraxen, Apotheken und Spitäler werden zum Teil bis an die Kapazitätsgrenzen und darüber ausgelastet sein, und auf die kritische Situation bezüglich der Beatmungsgeräte wurde mehrfach hingewiesen.

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Beobachter: Was kann der Einzelne tun?
Steffen: Erstens kann jeder sich selber schützen, indem er sich häufiger die Hände wäscht. Das Virus kann bis zu 24 Stunden und länger auf Türklinken überdauern und wird auch ohne direkten Kontakt weitergegeben. Besonders in öffentlichen Toiletten sollten nur noch Einweghandtücher zum Händetrocknen benutzt werden – und keine Gebläse mehr. Auch auf die üblichen Begrüssungszeremonien mit Händeschütteln und Küsschen wird man verzichten müssen, sobald die Zahl der Erkrankungen klar ansteigt. Zweitens sollte man, um andere zu schützen, immer in ein Einwegtaschentuch niesen oder husten und dieses dann wegwerfen. Hat man keines zur Hand, niest man in den Ellenbogen. Wer sich plötzlich krank fühlt, sollte den Griffel sofort fallen lassen – und nicht erst ein Dutzend Mitarbeiter instruieren, was bei der krankheitsbedingten Abwesenheit zu tun ist. Dafür gibt es heute E-Mails. Ebenso logisch ist es, dass, wenn die Pandemie uns überschwemmt, auf die Teilnahme an Grossveranstaltungen verzichtet wird. Vor allem, wenn man keinen Sicherheitsabstand von einem Meter einhalten kann.

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Beobachter: Wer soll sich impfen lassen?
Steffen: Klar Vorrang haben medizinisches Personal und Risikogruppen, also Kinder, Schwangere oder chronisch Kranke. Sobald genügend Impfstoff für die übrige Bevölkerung vorhanden ist, sollte eine allgemeine Impfempfehlung ausgesprochen werden. Denn auch wenn die allermeisten Patienten keine Komplikationen erleiden: Eine Grippe ist eine ernstzunehmende Infektion, die oftmals mehrere Wochen andauert. Deshalb rate ich jedem, sich auch dieses Jahr gegen Grippe impfen zu lassen. Die Standardimpfung schützt zwar nicht vor der Schweinegrippe, aber sie hilft Doppelinfektionen zu reduzieren: Je weniger Menschen grippeinfiziert sind, desto weniger Viren begegnen sich und desto kleiner ist das Risiko, dass sich durch Genaustausch neue, vielleicht gefährlichere Grippestämme bilden.

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Robert Steffen arbeitete am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. Der emeritierte Professor ist ein international renommierter Grippespezialist.