«Mein Verhältnis zum Essen wird nie natürlich sein»

Johannes Hirzel (Name der Redaktion bekannt) , 23, Radiomoderator, Basel: Meine Mutter versuchte vieles, um mich vom Essen abzubringen, ich fand aber immer einen Weg, mit zusätzlichen Kalorien meine Lust zu befriedigen. Schon im Primarschulalter war ich übergewichtig. An den schulfreien Nachmittagen pendelte ich zwischen Fernseher und Kühlschrank hin und her: Chips, Pasta und Süsses im Viertelstundentakt. Gewogen habe ich mich in dieser Zeit nie. Als ich 14 Jahre alt war, schickte mich meine Mutter zum Arzt: 106 Kilo.

Ich begann meine erste Diät: Mit Schlankheitsdrinks verlor ich in kurzer Zeit 20 Kilo. Sofort warf ich alle alten Kleider weg. Die neuen passten nicht lange. Mit 17 wog ich 129 Kilo. Ich ass masslos, fuhr oft noch vor dem Einschlafen zu McDonald’s und holte einen Hamburger und Pommes. Essen machte mich glücklich, mein Übergewicht machte mich einsam. Es war eine schreckliche Zeit. Als ich von zu Hause auszog, verpflegte ich mich nur unterwegs, ich kochte nie. Fotos gibt es von dieser Zeit keine. Ich hasste meinen Körper. Ich war nie im Schwimmbad, und Kleider kaufte ich via Internet: Grösse XXXL aus Amerika. Die Leute starrten mich an, die Blicke auf meine Fettwülste an den Hüften brannten.

Diäten bestimmten mein Leben. Verlor ich einmal ein paar Kilo, nahm ich in kurzer Zeit die doppelte Menge zu. Ich ass einfach zu gern. Ich war süchtig danach. Mit 21 Jahren versuchte ich es mit einem persönlichen Fitnesstrainer und sagte mir: Das ist die letzte Chance, wenn es jetzt nicht klappt, lege ich mich unters Messer, obwohl ich vor einer Operation panische Angst hatte.

Nach drei Monaten stand ich in der Arztpraxis und fragte nach der Magenbandoperation. Der Arzt schaute mich an und sagte nur: «Keine schlechte Idee.» Ich war erleichtert. Abklärungen im Spital zeigten, dass ich an Diabetes im Vorstadium litt. Jetzt ging es schnell. In den Wochen vor der Operation ass ich wie wahnsinnig, denn ich wusste, nachher geht nicht mehr viel rein. Drei Tage nach der Operation war ich wieder zu Hause. Im ersten Monat durfte ich nur trinken, im zweiten gab es nur Brei. Wie ich das Kauen vermisste! Es war eine Qual. Heute, fünf Monate nach der Operation, sind 54 Kilo weg. Ich bin schlank! Nie hätte ich das zu träumen gewagt! Einzig der lose Hautlappen um die Hüfte stört.

Jetzt sollte ich nur noch häppchenweise essen, sechs Löffel voll pro Mahlzeit. Doch manchmal habe ich das Gefühl, mein Magenband ist nicht eng genug. Ich habe mich nicht immer unter Kontrolle, esse dann etwa ein Stück Pizza aufs Mal oder kaufe mir eine Packung Willisauer Ringli. Es ist wie ein Wahn, ich denke dann: Vergiss alles, iss wie früher, es war so schön. Nach solchen Ausrutschern habe ich zwar kein Bauchweh, aber ein tierisch schlechtes Gewissen.

Die Angst vor einem Rückfall ist gross. Zwei Jahre will ich durchstehen, dann ist die Sucht hoffentlich besiegt. Ich zähle Kalorien, mache Sport und freue mich, endlich in normalen Kleidergeschäften einkaufen zu gehen. Ich bin heute als schlanker Mensch superglücklich. Trotzdem weiss ich, dass mein Verhältnis zum Essen nie natürlich sein wird.

«Ich will nicht die Mollige sein»

Silja Köhler, 14, Schülerin, Tägerwilen: Bald wechsle ich die Schule. Da will ich nicht mehr die Mollige sein, also nehme ich jetzt ab. Mein Ziel ist es, einen flachen Bauch zu haben, denn ich will meinen Nabel piercen lassen.

Im Club Minu, einem Verhaltenstraining für übergewichtige Kinder, lerne ich zurzeit unter anderem, langsam zu essen. Früher habe ich mein Essen regelrecht runtergeschlungen. Ich war schon ein pummeliges Baby, habe wohl die Anlagen meines Vaters geerbt. Ab der 4. Klasse störten mich mein Übergewicht und die Hänseleien meiner Mitschüler.

Ich ass vor allem, wenn ich allein zu Hause war. Ich sass vor dem Fernseher und ass Kägi-fretli. Oder kochte mir heimlich eine Portion Spaghetti. Mein Leben bestand aus Schule, Essen, Fernseher. Heute esse ich nicht mehr zwischendurch. Meine ganze Familie hat die Ernährung umgestellt. Früher assen wir zu viert 750 Gramm Pasta, heute gibt es zuerst Suppe, dann Salat und erst dann die Pasta – und 320 Gramm reichen. Wir haben alle abgenommen. Ich wiege heute 90 Kilo bei einer Grösse von 1,78 Metern. Klar vermisse ich die Kägi-fretli manchmal. Aber dafür kann ich mich jetzt modischer kleiden.

«Ich wurde Opfer des Jo-Jo-Effekts»


Rosmarie Dähler, 45, Hausfrau, Wattenwil: Bis zur Geburt meines ersten Kindes war ich schlank. Dann nahm ich konstant zu. Mit 30 begann ich mit Abnehmen. Ich versuchte jede Diät und wurde Opfer des Jo-Jo-Effekts: 30 Kilo weg, 40 Kilo dazu und so weiter. Bis ich beschloss, keine Diäten mehr zu machen. Als ich mein Knie verletzt hatte, mich entsprechend weniger bewegte und gleichzeitig mit Rauchen aufhörte, schnellte mein Gewicht auf 140 Kilo hoch.

Wieso ich so dick bin, weiss ich nicht recht. Mein Mann und meine Kinder sind schlank. Wir ernähren uns gesund. Ich esse einfach die doppelte Menge, ich kenne kein Sättigungsgefühl. Ich gehe ins Aquafit, trainiere auf dem Hometrainer und fahre oft mit dem Velo ins Dorf. Die Leute akzeptieren mich so, wie ich bin. Nur Fremde starren, etwa im Freibad. Dann grüsse ich einfach freundlich, und sie wenden sich peinlich berührt ab.

Mühe machen mir die körperlichen Beschwerden: Ich kann meine Schuhe nicht gut binden, bin schnell ausser Atem, und im Kino finde ich kaum Platz. Richtig erschrocken bin ich, als bei mir Diabetes diagnostiziert wurde. Dass Dicksein krank macht, glaubte ich lange nicht. Vor einigen Monaten habe ich mir gesagt: Entweder frisst du dich zu Tode, oder du machst was. Seit kurzem bin ich bei den Weight-Watchers, da ich mir eingestehen musste, dass ich Hilfe brauche beim Abnehmen. Operieren kommt nicht in Frage, ich muss mein Problem im Kopf lösen.

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