Bald sieht man sie wieder häufiger auf den Strassen und Feldwegen, in Gruppen locker plaudernd oder dann allein, von Kopf bis Fuss eingepackt in High-Tech-Textilien, den Blick starr geradeaus und das geistige Auge fest auf das Leistungsziel gerichtet: die Volksläufer.

Laufen ist eine Massenbewegung geworden. Der Schweizerische Leichtathletikverband (SLV) schätzt die Zahl jener, die regelmässig laufen, auf rund 400'000 Personen. 545 Laufveranstaltungen finden dieses Jahr statt, sechs Prozent mehr als 2005. Darunter befinden sich die grossen Läufe wie der Berner Grand Prix, die Bieler Lauftage oder die diversen Bergmarathons. Bereits sind dem Hobbyläufer die ersten Anmeldeformulare in den Briefkasten geflattert. Teilweise gleich mit dabei: Werbeprospekte für Schuhe, Kleidung – und Nahrung.

So liegt etwa den aktuellen Unterlagen für den Berner Grand-Prix-Lauf ein Prospekt der Berner Dropa-Drogerie Burri bei. Beworben werden Multivitaminprodukte, eine «Sportler-Mineral-Lösung» oder ein komplettes Set mit Trinkflasche, Getränkepulver, Gels und verschiedenen Energieriegeln. Das Geschäft geht gut: «Ich bin zufrieden mit dem Umsatz», sagt Geschäftsinhaber Wilfred Burri. Und auch Yvonne Forster, Mediensprecherin beim Sportnahrungshersteller Sponser, stellt fest: «Der Markt wächst.»

Der Trend geht in Richtung immer spezialisierterer Produkte, die jede Situation abdecken sollen. Nur: Braucht der durchschnittliche Volksläufer all die Säfte und Pülverchen? Verbessert sich die Leistung der Sportler oder vor allem der Umsatz der Hersteller?

«Ein hungriger Wolf rennt schneller»

Die Experten sind sich uneins. Eher kritisch zur Sportnahrung für Breitensportler steht Fritz Schmocker. Der Lauf-Nationaltrainer beim SLV sagt: «Als es all die Gels und Riegel noch nicht gab, erbrachten die Läufer auch gute Leistungen. Teilweise sogar deutlich bessere.» Er empfiehlt stattdessen Zurückhaltung bei fettreichen Nahrungsmitteln und Fleisch, vor allem unmittelbar vor der Anstrengung. Zugreifen sollte man bei Gemüse und Früchten, bevorzugt bei denen, die nicht säuern: Birnen, Datteln, Feigen, Dörrfrüchten. Ein vor dem Lauf nur mässig gefüllter Magen soll die Leistung fördern: «Ein hungriger Wolf rennt schneller», so Schmockers Devise.

Unbestritten ist in Fachkreisen, dass die Ernährung eine wichtige Rolle spielt im Ausdauersport. Empfohlen wird eine ausgewogene Mischkost nach der Lebensmittelpyramide: täglich ein bis zwei Liter möglichst ungezuckerte Getränke, mehrmals täglich Früchte und Gemüse, zu jeder Hauptmahlzeit Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte, einmal im Tag Fleisch, Fisch oder andere Eiweissquellen, Mass halten bei Ölen und Fetten.

An diese Grundprinzipien hält sich der Langstreckenläufer und Halter des Schweizer Rekords über 10'000 Meter, Christian Belz: «Ein Breitensportler, der sich ausgewogen ernährt, braucht keine Vitaminpräparate oder zusätzliche Spurenelemente.» Auch der Zürcher Sportarzt Walter O. Frey vom medizinischen Olympiastützpunkt «Movemed» sagt: «Bevor über Spezialpräparate wie etwa Magnesiumersatz nachgedacht wird, sollte die Ernährung grundsätzlich stimmen.»

Wer sich ausgewogen ernährt, kann eine kürzere Strecke ohne Zusatzstoffe unter die Laufschuhe nehmen. Dauert der Lauf – im Training oder im Wettkampf – länger als eine Stunde, sollte auf eine kontinuierliche Flüssigkeits-, Energie- und Salzzufuhr geachtet werden. «Wasser ist der wichtigste leistungsbegrenzende Faktor bei einer physischen Aktivität», sagt Christof Mannhart, Ernährungswissenschaftler an der Eidgenössischen Hochschule für Sport und bei Swiss Olympic.

Auch ein Lindenblütentee kann wirken

Bereits ein Wasserverlust von ein bis zwei Prozent der Körpermasse kann die physische Leistungsfähigkeit messbar verringern. Bei einer 70 Kilogramm schweren Person tritt dieser Verlust nach etwa einer Stunde ein. Um diesen zu kompensieren und um ein Abfallen des Blutzuckerspiegels zu verhindern, sollten pro Stunde Belastung etwa 0,8 Liter eines kohlenhydrathaltigen Sportgetränks zu sich genommen werden. Idealerweise beginnt die Flüssigkeitsaufnahme schon kurz vor dem Lauf.

Im Handel erhältliche Sportgetränke von etablierten Herstellern wie Isostar, Sponser oder Gatorade sind laut Mannhart dafür gut geeignet. Das kann allerdings ins Geld gehen: Zwei Franken und mehr pro Liter kostet dieses Laufbenzin. Mit wenig Aufwand lassen sich Sportgetränke selber zubereiten. Man muss allerdings bereit sein, auf den positiven psychologischen Effekt zu verzichten, den die knallbunten Verpackungen und die vielverheissenden Produktenamen auslösen: «Bei einem für Sportlerbedürfnisse zubereiteten Lindenblütentee kommt irrtümlicherweise niemand auf die Idee, er könnte Power enthalten», sagt Sportarzt Frey.

Keine Experimente vor dem Lauf

Nach dem Lauf ist es wichtig, die leer gelaufenen Kohlenhydratspeicher wieder aufzufüllen. Im Handel sind so genannte «Regenerationsdrinks» erhältlich. Wichtig ist, dass die Aufnahme eine halbe Stunde nach Ende der Aktivität erfolgt. Dann ist die Aufnahmefähigkeit des Körpers am grössten. Nicht zu empfehlen: das kühle Bier als Belohnung für die Anstrengung. Alkohol wirkt harntreibend: Statt die ausgeschwitzten Mineralien zu ersetzen, wird auch noch der verbliebene Rest ausgeschwemmt. Die Regenerationszeit verlängert sich dadurch erheblich.

Wenn die Trainingskilometer abgespult sind und der grosse Lauf ansteht, so gilt: keine Experimente mit der Nahrung! Das kurz vor dem Start mit besten Absichten verzehrte Birchermüesli etwa kann zu Darmreizungen führen, die das Aus bedeuten. Walter O. Frey empfiehlt, sich zu informieren, welche Getränke am Lauf zur Verfügung gestellt werden, und diese vorgängig auf ihre Verträglichkeit zu prüfen.

Der grösste Fehler aber, den man machen kann, ist nach übereinstimmenden Aussagen der Fachleute: überhaupt nicht zu laufen.

Quelle: zefa/corbis/rdb
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