Till Bastian, 52, praktizierte bis 1982 als Arzt. Seither ist er als Wissenschaftsredaktor und Schriftsteller tätig («Krankheit auf Rezept? Die populären Irrtümer der Medizin»; «Die lautlosen Gegner. Seuchen gefährden unsere Zukunft»). Bastian lebt mit seiner Familie im Allgäu.

Beobachter: Herr Bastian, Sie gelten als scharfer Kritiker der klassischen, apparateorientierten Schulmedizin. Was läuft falsch?

Till Bastian: Die Medizin konzentriert sich von jeher auf die Entstehung von Krankheiten. Das ist richtig und notwendig, aber nicht hinreichend. Was den Menschen gesund erhält, findet in der herkömmlichen Medizin keinerlei Beachtung.

Beobachter: Weshalb nicht?

Bastian: Weil das Medizinalsystem von Krankheiten lebt. Also heisst die Devise: möglichst viele Krankheiten möglichst früh entdecken. Gesundheit hat hier nichts zu suchen; sie ist fast schon geschäftsschädigend. Zudem geht die Medizin von einem eingeengten, technokratischen Weltbild aus, das zum Beispiel Wechselwirkungen zwischen Leib und Seele ausschliesst.

Beobachter: Macht uns die Medizin wenigstens gesünder? Oder macht sie vor allem das Kranksein erträglicher?

Bastian: Beides. In erster Linie aber verlängert die Medizin das Sterben und nicht das Leben. Natürlich ist die Lebenserwartung in den letzten 200 Jahren massiv gestiegen. Doch dazu hat die Medizin nur einen kleinen Beitrag geleistet. Weit wichtiger waren die Verbesserung der Hygiene, der Wohnverhältnisse oder der Lebensmittelversorgung. Ausserdem fühlen sich viele Menschen, obwohl sie aus medizinischer Sicht weitgehend gesund sind, unwohl oder sind unglücklich. Zudem bedeutet eine längere Lebenszeit nicht unbedingt mehr Lebensqualität: Die Zeit, die wir im Spital und im Pflegeheim verbringen, hat pro Kopf der Bevölkerung drastisch zugenommen

Beobachter: und treibt die Kosten in die Höhe.

Bastian: Ja. Jedes Jahr stirbt fast ein Prozent der Bevölkerung. Auf dieses knappe Prozent entfällt rund ein Viertel der Ausgaben in der sozialen Krankenversicherung.

Beobachter: Was macht uns in Zukunft krank?

Bastian: Es gibt verschiedene Tendenzen: In industrialisierten Ländern wie der Schweiz und Deutschland leiden wir mit zunehmendem Alter an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Deshalb werden die bisherigen Therapien, die auf ein klar definiertes Krankheitsbild gerichtet sind, immer weniger greifen. Zum Zweiten werden wir eine Zunahme an Krankheiten haben, die auf mehrere Ursachen, zum Beispiel Schadstoffe in der Umwelt, zurückzuführen sind. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb die hoch spezialisierte Medizin, die immer nach der präzisen Ursache forscht, künftig noch häufiger an ihre Grenzen stossen wird.

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Beobachter: Was erwartet uns ausserdem?

Bastian: Wohlstandskrankheiten wie Fettleibigkeit werden vor allem bei Kindern weiter massiv zunehmen. Und mit der Depression wird eine neue hinzukommen. Weltweit gesehen haben wir das grosse Problem der Infektionskrankheiten, gefördert durch die Mobilität der Menschen und Waren. Konkret: Alte und neue Erreger, die bisher vorab in Afrika oder Asien auftraten, werden auch bei uns wieder Verbreitung finden.

Beobachter: Welches sind die Therapien der Zukunft?

Bastian: Bei Viruskrankheiten gibt es keine ursächliche Therapie. Gegen Bakterien gibt es zwar wirksame Antibiotika, doch die Vorräte, zum Beispiel für eine Pestepidemie in Europa, wären rasch aufgebraucht. Für viele Wohlstandskrankheiten sind die therapeutischen Möglichkeiten sehr beschränkt, weil die Ursachen wie dargelegt sehr vielfältig sind.

Beobachter: Die ideale Ausgangslage für Gentherapien.

Beobachter: Nein. Wenn Dutzende oder gar Hunderte von Genen für die Entstehung einer Krankheit mitverantwortlich sind, ist es nicht nachvollziehbar, wie diese Krankheit mit der Manipulation von einigen wenigen Genen behoben werden soll. Es gibt weltweit noch keinen einzigen Fall, der nachweislich durch Gentherapie geheilt worden wäre, aber zahlreiche Todesfälle durch deren unsachgemässen Einsatz. Der ganze Propagandarummel zielt darauf ab, Forschungsgelder zu erstreiten, Patente zu sichern und neue Verfahren zu verkaufen. Doch der Nutzen ist, ähnlich wie in der Raumfahrt, äusserst bescheiden. Und daran wird sich in den nächsten Jahren nichts ändern.

Beobachter: Das Gegenstück zu den Gentherapien sind die gendiagnostischen Tests. Würden Sie einen solchen Test machen lassen?

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Bastian: Nein. Der Aussagewert ist viel zu klein. Was nützt es mir zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, an einem bestimmten Krebs zu erkranken, von einem auf 1,5 Prozent steigt, wenn ein spezifisches Gen geschädigt ist? Die Medizin stellt diesen «Erfolg» einfach anders dar und sagt: Ihr Risiko für diesen Krebs ist um 50 Prozent erhöht. Doch das ist fahrlässiges und unethisches Marketing.

Beobachter: Lehnen Sie Gentests grundsätzlich ab?

Bastian: Es gibt sicher Fälle, in denen die Ungewissheit derart quälend wird, dass sie vermindert werden sollte. Anderseits gibt es viele Leute, die für sich das Recht auf Nichtwissen reklamieren.

Beobachter: Trotzdem gilt die Diagnostik als Markt der Zukunft.

Bastian: Eigentlich sind wir alle krank. Es kommt nur darauf an, wie oft und genau die Medizin hinschaut. In Ländern wie Deutschland und der Schweiz gibt es jedes Jahr weit mehr Diagnosen als Menschen. Ein Schweizer Rentner erhält im Schnitt 22 Diagnosen pro Jahr.

Beobachter: Was aber auch damit zu tun hat, dass viele Patienten nur schwer mit der Ungewissheit leben können.

Bastian: Stimmt.

Beobachter: Wie lässt sich besser damit umgehen?

Bastian: Indem wir uns klar machen, dass das Leben unsicher und nicht optimal organisiert ist. Wem das gelingt, entwickelt Distanz zu sich und eine gelassene Heiterkeit. Dann kann vielleicht sogar akzeptiert werden, dass Alterserscheinungen dazugehören. Doch der Zeitgeist geht in die andere Richtung. Männer um die 50 geben nochmals richtig Gas: Drachen fliegen, Motorrad fahren, junge Freundin, ein weiteres Kind. Es verwundert nicht, dass in diesem Alter die Sterblichkeit infolge Herzinfarkt bei Männern dreimal höher ist als bei Frauen. In der Todesanzeige steht dann «auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft» als wäre, was nach 50 oder 60 kommt, nichts wert.

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Beobachter: Was zeichnet den Arzt der Zukunft aus?

Bastian: Humor, Geduld, Bildung nicht nur fachliche und grösseres Interesse für Menschen statt für Krankheiten.

Beobachter: Sehen Sie da Entwicklungen?

Bastian: Wenig. Schon bei der Auswahl der Studenten werden die Weichen falsch gestellt. Die sozialen Fähigkeiten kommen ganz weit unten auf der Skala. Es setzen sich vor allem jene durch, die schon im Gymnasium die Hand aufs Heft legten, damit der Nachbar nicht abschreiben konnte.

Beobachter: Wie läuft im Jahr 2008 eine Konsultation in der Arztpraxis ab?

Bastian: Ich fürchte, diese wird weitgehend standardisiert sein und beginnt schon beim Patienten zu Hause: Er ist an den Praxiscomputer angeschlossen und meldet laufend irgendwelche Messwerte. Der Computer wertet diese aus und bietet den Patienten auf, sobald die Daten während einer bestimmten Zeit von den Sollwerten abweichen. Bei einem neuen Patienten analysiert der Computer dessen Angaben und liefert dem Arzt den Rahmen für die diagnostische und die therapeutische Arbeit.

Beobachter: Sehen Sie auch Chancen in einer solchen Standardisierung?

Bastian: Ja, aber nur wenn die gewonnene Zeit fürs Gespräch zwischen Arzt und Patient genutzt wird.

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