Es ist herrliches Wetter an jenem 23. Januar 2004 im Skigebiet Adelboden-Silleren. Brigitte Amon, 61, zieht die Skier an und fährt los, Richtung Hahnenmoos-Piste. Was dann - nach etwa 700 Metern - passiert, ist die Horrorvorstellung jedes Skifahrers: Plötzlich öffnet sich in voller Fahrt die Bindung des linken Skis. «Ich fuhr auf nur einem Ski weiter, verlor das Gleichgewicht und stürzte dann schwer», erinnert sich Amon. Die Rega fliegt sie ins Regionalspital Frutigen und danach unverzüglich ins Inselspital Bern.

Die Musikerin aus Studen BE bricht sich den Oberarm, erleidet einen dreifachen Bruch am linken Sprunggelenk und einen Trümmerbruch an der linken Schulter. 16 Wochen Spital folgen. Der linke Arm bleibt teilweise gelähmt, in der Schulter trägt sie eine Prothese, und die chronischen Nervenschmerzen hält sie bis heute nur mit Morphium aus.
Ein Gutachten, das Amon ein Jahr nach dem Unfall bei der akkreditierten Zertifizierungsstelle SIBE Schweiz des Nationalen Sicherheitsbüros Industrie und Verkehr (NSBIV) in Luzern einholt, zeigt klar: Die Bindungen beider Skier sind deutlich zu schwach eingestellt. «Darauf ist mit grösster Wahrscheinlichkeit auch der Sturz zurückzuführen», sagt NSBIV-Ingenieur Mario Luzzatto. Und Werner Wälti, Leiter der technischen Abteilung der Skifabrik Stöckli AG in Wolhusen, der die Bindungen für das Gutachten prüfte, ergänzt: «Bereits eine kleine, kaum spürbare Unebenheit konnte genügen, um die zu schwach eingestellte Skibindung auszulösen.»

Womöglich, so Amons Verdacht, funktionierte die Einstellmaschine nicht richtig, oder die Skier wurden verwechselt. Sie verlangt deshalb von der Firma Vaucher Sport, bei deren Bieler Filiale sie ihre Skier eine Woche vor dem Unfall einstellen liess, Schadenersatz. Das Sportgeschäft dagegen weist jegliche Vorwürfe zurück. «Wir bedauern den Unfall ausserordentlich. Die Einstellmaschine war auf dem neusten Stand und wird jährlich geeicht. Sie hat absolut korrekt funktioniert», sagt Geschäftsführerin Annamarie Vaucher. Gleiches lässt Vauchers Haftpflichtversicherung Allianz Suisse verlauten: «Eine Fehlfunktion des vorschriftsgemäss gewarteten Prüfgeräts kann ausgeschlossen werden», sagt Sprecher Hansjörg Leibundgut.

Veraltete Einstellmaschine Beide Firmen schieben den schwarzen Peter Amon zu. Vaucher sagt, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass Amon nach dem Unfall die Bindung schwächer eingestellt und so zu ihren Gunsten manipuliert habe. Für Amon eine Anmassung: «Zu behaupten, ich sei womöglich kriminell, ist ungeheuerlich.»

Zwar sagt Vaucher, man habe nachweislich Geschlecht, Grösse, Gewicht und Fahrstil richtig in die Maschine eingegeben. Doch die Maschine zeigte bei der Kraftmessung Einheiten an, «die laut geltenden Normen nicht mehr zulässig sind», sagt Herwig Schretter, Chef Abteilung Sport beim Bindungshersteller Tyrolia. Laut Schretter ist die von Vaucher verwendete Maschine über 15 Jahre alt und nicht mehr zeitgemäss. Auch er sagt: «Die Bindungen scheinen mir zu schwach eingestellt gewesen. Dies zeigen schon nur die Angaben auf der Quittung, die die Einstellmaschine ausgedruckt hat.»

Brigitte Amon versuchte bis heute erfolglos, eine gütliche Einigung zu erzielen. Jetzt will sie Vaucher einklagen. Ihren Beruf als Musiklehrerin kann sie nicht mehr ausüben. «Ein Stützgerät hilft mir, wenigstens ab und zu in der Kirche Orgel spielen zu können.»

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