Es war ein Kaninchen, das Vreni Forster (Bild) bekehrte. Eines, das sie gefüttert, gestreichelt und geliebt hatte – und das sie schliesslich als Sonntagsbraten verspeisen sollte. Der 16-Jährigen drehte es den Magen um.

Die weitere Verwandlung zur Vegetarierin vollzog sich in Etappen. Nach dem «Chüngel» strich sie bald auch Rinder und Kälbchen vom Speiseplan – kein leichter Schritt, denn eigentlich fand sie Fleischgerichte köstlich.

Den Rest gab ihr eine Hofmetzgete, bei der sie zufällig Augenzeugin wurde. Seither bringt sie keinen blutigen Bissen mehr hinunter. Vreni Forster ist heute 58 und lebt seit 38 Jahren fleischlos, glücklich – und gesund.

Doch das ist nur die halbe Geschichte. Dass Vegetarismus steigerbar ist, lernte Vreni Forster von ihrem Mann, einem überzeugten Veganer. Vegane Menschen lehnen nicht nur den Fleischkonsum ab, sondern alle tierischen Erzeugnisse. Und das sind viele. Nutztierhaltung – auch «artgerechte» – ist für Veganer eine egoistische Ausbeutung bemitleidenswerter Geschöpfe. Deshalb tragen Veganer auch nichts Wollenes oder Seidenes und setzen sich auch nicht auf Ledersofas.

Verzichten wird zum Genuss
Die anfänglichen inneren Kämpfe und Gelüste hat Vreni Forster überwunden. Heute empfindet sie den veganen Lebensstil nicht mehr als Verzicht, sondern als Genuss. «Es gibt viele schmackhafte Gerichte. Gäste kommen jeweils ins Staunen.»

Forsters sind zwar Veganer, aber keine Eremiten. Sie sind engagierte Dorfbewohner und lieben Gesellschaft. Auch jene von Fleischessern. «Ich akzeptiere sie. Verstehen kann ich sie aber nicht. Wie kann man Tiere lieben und sie verspeisen?» Über ihre eigene Lebensphilosophie geben sie gern Auskunft, das Missionieren liegt den Forsters aber nicht.

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Längst nicht alle Veganer leben ihre Überzeugung so dezent wie das Ehepaar Forster. Einige machen aus ihrer persönlichen Entscheidung einen Kreuzzug. «Fleischfresser sind pervers» oder «Milch ist Folter, Fleisch ist Mord», skandieren extremistische Veganer an ihren Kundgebungen. Für ihre lauten Gleichgesinnten hat Vreni Forster zwar Verständnis, «aber leider laufen die radikalen Tierschützer Gefahr, zu Menschenhassern zu werden».

Restaurants hinken hinterher
Dass der Trend in ihre Richtung läuft, merken die beiden an der steigenden Toleranz, die ihrer Lebensweise entgegengebracht wird. Doch in den Restaurants hapert es noch immer. «Die Auswahl an vegetarischen Gerichten ist mager, und oft sind die Speisen fantasie- und lieblos zubereitet.» Deshalb essen Forsters meistens zu Hause und nehmen nur selten private Einladungen zum Essen an.

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Für fast alles finden die beiden einen veganen Ersatz. Kuhmilch etwa lässt sich durch Mandel-, Kokos- oder Sojamilch ersetzen. Vegane Zutaten, die in ihrer kleinen aargauischen Gemeinde nicht erhältlich sind, kaufen die beiden in grösseren Städten. Dort leistet sich Vreni auch hin und wieder kleine Sünden. «Einer Rahmglace kann ich ein- oder zweimal pro Sommer nicht widerstehen.» Und auch angesichts einer Butterrösti lässt sie sich «hie und da zu einem Kompromiss hinreissen».

Die Debatte, ob man Tiere essen darf oder nicht, ist alt. Pythagoras, Tolstoi, Rousseau, Albert Schweitzer: Immer schon gab es eine intellektuelle Elite, die den Fleischkonsum verurteilte. «Der Mensch ist, was er isst», sagte der Philosoph Ludwig Feuerbach. Doch spätestens seit sich die Berichte über «Rinderwahnsinn», Schweinepest, Salmonellen, Hormon-, Antibiotika- und Dioxinskandale jagen, gelten die «Chörnlipicker» und «Kohlrabi-Apostel» nicht mehr als komisches Völklein aus lustfeindlichen Spassverderbern. Ekel breitet sich aus – und die Angst, wegen des Verzehrs von tierischen Produkten krank zu werden.

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Der Mythos vom Fleisch als «unersetzlichem Kraftspender» verblasst mehr und mehr. Die Ernährungswissenschaftler klatschen uns Studien auf den Teller, wonach der Fleischverzehr mitverantwortlich ist für Krankheiten wie Allergien, Rheuma, Herz-Kreislauf-Störungen oder Krebs.

Die Negativmeldungen bleiben nicht ohne Wirkung: Der Schweizer Fleischkonsum nimmt ab. Nicht spektakulär, aber stetig. Betrug der jährliche Pro-Kopf-Konsum vor zehn Jahren noch 55,5 Kilo, so lag er letztes Jahr noch bei 52 Kilo. Das sind rund 140 Gramm pro Tag. Beim Rind- und beim Kalbfleisch beträgt der Einbruch gar zehn Prozent, dafür landen mehr Geflügel, Lamm und Exotisches wie Strauss und Känguru auf unseren Tellern.

Die Zahl der Enthaltsamen wächst
Ob Strauss oder Rind: Für eingefleischte Vegetarier ist beides kein Thema. Aber das Verhältnis zwischen Tier und Mensch ist von jeher und in allen Kulturen gespalten. Von den rund 3000 Säugetieren essen wir nur einen kleinen Teil, die anderen verschmähen wir als ungeniessbar. Seltsam ist auch, dass wir zwar den Wal schützen, aber den Tintenfisch in Scheibchen schneiden, den Hund zum Tierpsychologen schicken, aber das Kalb auf die Schlachtbank zerren.

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Laut einer Umfrage leben rund 2,5 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz konsequent vegetarisch – darunter sind deutlich mehr Frauen als Männer. Und die Zahl der «Teilzeitvegetarier» nimmt rasant zu: Rund ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung isst nur noch ein- bis zweimal pro Woche oder noch seltener Fleisch.

«Vegetarismus hat nichts mit Radikalismus zu tun», sagt Renato Pichler von der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus (SVV), «sondern mit Tierschutz.» Der Argumentationskatalog auf der SVV-Website (www.vegetarismus.ch) ist beeindruckend: Ökologisch, biologisch und philosophisch wird dargelegt, warum sich der Mensch nicht zum Fleischesser eignet. Wer das liest, dem schmeckt zumindest das nächste Schnitzel ziemlich schal.

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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Schweizer Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Monika Zinnenlauf

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