Sinnlicher gehts kaum. «Es ist fast wie ein oraler Orgasmus, bei dem dich zehn wunderschöne Frauen zusätzlich mit der Zunge verwöhnen und du nicht mehr weisst, wo es am schönsten war.» Das ist kein Ausschnitt aus einem pornografischen Roman, sondern die Art und Weise, wie der Zürcher Restaurateur und Weinhändler Beat Caduff die «Scharzhofberger Trockenbeerenauslese 1994» beschreibt. Was muss das für ein Saft sein, der solche Gefühlswallungen auszulösen vermag?

Den meisten Weintrinkerinnen und -trinkern bleiben solche Empfindungen wohl ihr Leben lang verwehrt. Mag sein, dass sie den falschen Wein trinken. Vielleicht aber ist der weintrinkende Durchschnittsmensch nur etwas pragmatischer als die önologischen Poeten. «Wein ist letztlich und vor allem ein Getränk», sagt Philipp Schwander, Weinhändler, Weinjournalist und einziger «Master of Wine» der Schweiz – die renommierteste Qualifikation, die sich ein Weinkenner erwerben kann. «Die Auseinandersetzung mit Wein sollte in erster Linie Spass machen», betont Schwander und stemmt sich damit gegen jede Form von Wichtigtuerei.

Ein Stück Lebensphilosophie


Und doch ist der edle Rebensaft weit mehr als das: Wein ist Geschichte, Medizin, Kultur, Wissenschaft und global gehandeltes Spekulationsobjekt zugleich; im Wein liegt die Wahrheit, was ihn letztlich zum Gegenstand grösster Verunsicherung macht. Welcher Wein passt zu welchen Speisen? Wie unterscheide ich den Barrique-Holzton vom Zapfengeschmack? Und wie um Gottes Willen soll man sich in einem Markt zurechtfinden, der Spitzenprodukte und Durchschnittsware aus der ganzen Welt in die Supermarktregale zwängt – und dessen Produkte erst noch in hohem Masse vom Wetter respektive vom jeweiligen Jahrgang abhängig sind?

«Ideal ist es, wenn Sie einen Weinkenner zum Freund haben, dem Sie vollauf vertrauen können», meint Schwander. Doch auch ausserhalb des Freundeskreises ist guter Rat nicht teuer. «Kaum eine Tageszeitung oder Publikumszeitschrift, die nicht einen Weinjournalisten in ihren Reihen hätte», stellt Markus Matzner, selber Journalist, in seinem süffig geschriebenen Wein-Buch «Zapfen ab» fest.

Vorsicht bei Subskriptionen


Ganz zuoberst auf dem Ratgeberpodest stehen Weinpäpste wie der US-Amerikaner Robert M. Parker junior mit seiner Zeitschrift «Wine Advocat» oder der Brite Hugh Johnson, dessen Nachschlagewerk «Der Kleine Johnson» Jahr für Jahr in 13 verschiedenen Sprachen die weintrinkende Welt zu belehren weiss.

Aber nicht nur sie haben mit ihren Urteilen viel Einfluss auf das Kaufverhalten der überforderten Konsumentinnen und Konsumenten. Auch ein Tipp in der Sonntagspresse kann am Montag bereits für ausverkaufte Regale sorgen.

Weinkenner Matzner begegnet den einflussreichen Kollegen in seinem Buch sehr misstrauisch. Mit vielen Beispielen legt er dar, dass auch Weinpäpste nur mit Wasser kochen und sich der diskreten Einflussnahme durch Gratispressereisen und kostenlose «Recherchierflaschen» oft nur schwer entziehen können. Deshalb, so Matzner, sollte man sich nicht zu sehr von ihnen verleiten lassen und viel Geld für Weine ausgeben, ohne sie selber probiert zu haben.

Zu besonderer Vorsicht rät Matzner bei Subskriptionen, dem börsenähnlichen Terminkauf von Bordeaux-Weinen, lange bevor diese trinkbar sind. Sein Rat: «Kaufen Sie vorhandene Weine und testen Sie diese mit einigen Freunden zusammen.»
Wie viel darf ein guter Wein kosten? «Das ist eine Frage, die jeder für sich – und anhand seines Portemonnaies – beantworten muss», meint Matzner vieldeutig.

Auch Winemaster Schwander äussert sich hintergründig: «Bedenken Sie, dass auch der teuerste Bordeaux in der Herstellung nicht mehr als zehn Franken kostet.» Schwander hat in seinem bewusst knapp gehaltenen und monatlich wechselnden Weinhandlungssortiment mehrere Flaschen zur Auswahl, die weniger als 13 Franken kosten. Und Matzner erinnert sich gar an einen Beaujolais für Fr. 6.20 aus einem Discountgeschäft, der bei einer Blinddegustation gut weggekommen sei.

Erfahrungsgemäss seien aber teurere Weine oft auch qualitativ besser, meint Matzner – wobei teurer nicht unbezahlbar heisse: «Sicher ist, dass es genügend Weine zwischen 20 und 40 Franken gibt, die hervorragend sind.»

Schnäppchen können auch gut sein


In der grossen Palette der Weinratgeber finden auch diejenigen Hilfe, die nicht so tief ins Portemonnaie greifen möchten. In ihrem «Weinseller» stellt Chandra Kurt Schnäppchen vor, die sie bei Schweizer Discountern und Grossverteilern aufgespürt hat. Die Zürcher Weinjournalistin ist eine der wenigen Frauen, die im Weinbusiness Fuss gefasst haben. Ob Frauen grundsätzlich eine andere Beziehung zum Wein haben als Männer, mag sie nicht beantworten, «aber ich denke, dass Frauen Weine weniger absolut und vorsichtiger beurteilen als Männer». Und: «Viele Männer lassen sich stärker durch Marken und Etiketten beeinflussen als Frauen.»

Bleibt die Sache mit dem Alkohol. Aber auch der scheint beim Wein nicht ganz so gefährlich zu sein wie bei anderen alkoholischen Getränken. Verschiedene seriöse Studien schreiben dem Rotwein sogar einen präventiven Effekt in Bezug auf bestimmte Herzkrankheiten zu.

Diese gern und oft zitierten Aussagen sind aber nach Auffassung der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) mit Vorsicht zu geniessen. Denn auch hier ist die Wahrheit, die im Wein liegt, nicht ganz so absolut: Ein von der SAF in Auftrag gegebener Vergleich von 59 Studien zu diesem Thema kam zum Schluss, dass das gesunde Glas Wein nur bei Menschen über 45 Jahren wirkt: «Wer unter 45 Jahre alt ist, senkt sein Sterberisiko durch noch so moderaten Alkoholkonsum keineswegs.»