Ein bisschen winterliches Schlappsein ist normal – irgendwann muss der Mensch auch regenerieren. Jene, die meinen, sie müssten ihr Sommerhoch in Sachen Aktivität und Stimmung in den Winter retten, stressen sich nur. Sie werden unzufrieden mit sich und glauben, sie seien krank – dabei sind sie schlicht menschlich.

Gegen den Winterblues hilft daher nicht zuletzt, sich dem Winter hinzugeben: auf die Bremse zu treten, sich ein wenig zurückzuziehen und zu akzeptieren, dass man den Tatendrang eines Faultiers hat und die Laune sich auf dem Soso-lala-Niveau ausruht. Denn darum geht es jetzt: ums Ausruhen, um Gemütlichkeit, Behaglichkeit und ein bisschen Besinnung. Mag sein, dass diese Werte im hyperaktiven 21.Jahrhundert out sind. Der Mensch braucht sie aber dennoch, und der Winter ermöglicht es ihm, sie auszuleben.

Doch manchen graut richtig vor der dunklen Jahreszeit. Sie fühlen sich müde, bedrückt und schwunglos. Sie sind verletzlicher, reizbarer und oft ängstlicher als sonst, sie können sich nicht konzentrieren und haben auf nichts Lust – ausser auf ihr Bett und haufenweise Kohlenhydrate. Winterblues, sagt der Volksmund. Im Fachjargon: Winterdepression oder saisonalabhängige Depression.

Der Kern des Übels ist der Mangel an Tageslicht. Die Sonne scheint weniger lang und weniger stark, und man hält sich eh am liebsten drinnen auf, wo es schön warm ist. Und dunkel. Der Lichtmangel kann die Tagesrhythmen von Körpertemperatur, Stoffwechsel und Kreislauf durcheinander bringen; zudem produziert der Körper mehr schlappmachendes Melatonin und weniger aufheiterndes Serotonin.

Das Solarium bringt wenig



So lästig der Winterblues ist, so gut lässt er sich behandeln. Am besten mit Tageslicht. Winterferien in den Bergen oder im Süden sind ideal zum Lichttanken. Den Daheimgebliebenen bringt es hingegen wenig, Stammkunden im Solarium zu werden: Um den Blues zu vertreiben, muss das Licht die Netzhaut der Augen erreichen. Wer so richtig down ist, sollte daher eine Lichttherapie erwägen, das heisst: die tägliche Bestrahlung mit einer speziellen, ultrahellen Leuchte. Oder das traute Heim mit Tageslichtlampen ausstatten, die übers Internet oder in grösseren Lampengeschäften erhältlich sind.

Der beste Tipp aber ist: rausgehen. Der grauste Dezembertag ist heller als die hellste Lampe. Wer mit Skiern und Schlitten nichts am Hut hat, sollte täglich einen Spaziergang machen, am besten über Mittag. So durchbricht man am ehesten den Teufelskreis «schlapp sein – sich nicht aufraffen können – kein Tageslicht tanken – noch schlapper werden». Und wer draussen ist, verpasst auch das Frühlingserwachen nicht. Denn das kommt bestimmt.

Buchtipp



Pascale Gmür, Helga Kessler: «Wege aus der Depression. So finden Betroffene und ihre Angehörigen Hilfe». Wenn es mehr ist als ein Winterblues: Dieser Ratgeber zeigt, welche Behandlungen am besten wirken und wo es Hilfe gibt. 2., aktualisierte Auflage, soeben erschienen, 208 Seiten, 34 Franken. Erhältlich beim Beobachter-Buchverlag, Telefon 043 444 53 07, Fax 043 444 53 09

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Quelle: Archiv