Drei Tage verbrachten wir ohne Geld auf den Strassen von Zürich. Wir hatten rein gar nichts dabei: kein Essen, keine Schlafsäcke, keine Zahnbürsten. Nur gerade das, was wir auf uns trugen: warme Kleider für kühle Nächte.

Ich bin evangelischer Pfarrer und wohne in Romanshorn. Das Projekt leitete ich zusammen mit meiner Kollegin Margrit Gnägi im Auftrag des Zuger Bildungszentrums Lassalle-Haus Bad Schönbrunn. Es war das zweite Mal, dass ich mich auf ein derartiges Abenteuer einliess. Doch ich war genauso nervös wie damals vor zwei Jahren. Ob es uns gelingen würde, Essen zu erbetteln? Ob wir Schlafplätze fänden? In der Nacht, bevor es losging, machte ich fast kein Auge zu. Ich versuchte mich natürlich zu beruhigen: Was kann schon passieren, nach drei Tagen bist du ja wieder daheim. Und auch wenn du nichts zu essen bekommen solltest - du bist dich ja gewohnt zu fasten.

Als seien wir der letzte Dreck
Gleichwohl beunruhigte es mich zutiefst, nicht zu wissen, was auf mich zukommt. Die Angst vor dem Unbekannten - in eine Situation zu kommen, in der nichts kalkulier- und kontrollierbar ist. Im Alltag glauben wir ja, das Leben mehr oder weniger im Griff zu haben. Ohne Geld auf der Strasse bleibt dir hingegen nichts anderes übrig, als dich ganz dem Moment anzuvertrauen. Das macht einen sehr offen. Und sehr bescheiden. Für jedes kleinste Ding ist man auf jemanden angewiesen. Alles konzentriert sich auf drei Punkte: Essen, Schlafen, Toilette. Plötzlich ist nichts mehr selbstverständlich. 

Wir waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen: von der 63-jährigen pensionierten Lehrerin bis hin zur 15-jährigen Schülerin, die mit ihrem Vater - einem Banker - teilnahm. Mit von der Partie waren auch ein Theologe, ein Unternehmensberater, eine Hausfrau und eine werdende Mutter. Sie hatte erst wenige Tage vor dem Start erfahren, dass sie schwanger ist.

Das Schwierigste war, um Geld zu bitten - die Frage nach etwas Essbarem ging leichter über die Lippen. Doch zentrales Thema war nicht der Hunger. Unserer Not begegneten wir viel tiefer: sich dem Gefühl auszusetzen, von anderen abhängig zu sein, sich bedürftig zu zeigen, seine Würde aufs Spiel zu setzen. Zum Teil reagierten die Leute auf uns unrasierte Gesellen, als seien wir der letzte Dreck. Sie beachteten uns gar nicht. Da fühlt man sich in seinem ganzen Sein übergangen.

Nach der Morgenmeditation als Einstieg in den Tag teilten wir uns in kleine Gruppen auf. Das Ziel war, bis mittags etwas zu essen zu finden. Das Mittagsmahl zelebrierten wir richtiggehend. Was da alles zusammenkam: Mit grosser Selbstverständlichkeit deckten uns zum Beispiel ein türkisches Geschäft und ein asiatischer Take-away reichlich mit Nahrung ein. Ich staunte nur so und war sehr dankbar für die Grosszügigkeit dieser Menschen.

Die erste Nacht verbrachten wir unter freiem Himmel. Im Park des katholischen Akademikerhauses schliefen wir auf Kartons, die wir tagsüber in einem Kinderwagengeschäft erhalten hatten. Wir mummelten uns in Fetzen von Abdeckvlies ein, die wir auf einer Baustelle fanden. Es kühlte auf zwölf Grad herunter. Die steinige Unterlage war hart, und keiner von uns schlief gut. Ich verstehe Obdachlose jetzt viel besser, die tagsüber auf Parkbänken schlafen. Die zweite Nacht war schon fast luxuriös. Die Frau, die uns im Kinderhort der Heilsarmee Unterschlupf verschaffte, kam mir vor wie ein Engel. Zwar übernachteten wir wieder auf dem Boden, doch im Warmen und vor dem Regen geschützt. Was für ein Geschenk!

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Haus und Bankkonto existieren nicht
Wir bieten solche Kurse an, um dem eigenen Herzen und jenem anderer Menschen zu begegnen - begeben uns in eine Situation, in der wir auf andere angewiesen sind. Indem wir die Leute nach Essen und Übernachtungsmöglichkeiten fragen, lösen wir auch bei ihnen etwas aus. Zum Teil stossen wir dabei auf heftige Widerstände. Wir würden Obdachlosen das Essen und die Plätze wegnehmen, heisst es etwa. Doch die Kursgelder gehen an Institutionen, die uns unterstützten: dieses Mal an die Gassenküchen «Gelber Stern» der Heilsarmee und «Speak-Out» im Zürcher Niederdorf.

Wir massen uns nicht an, nun zu wissen, wie ein Leben als Obdachloser auf der Strasse ist. Vielmehr geht es darum, einen Geschmack vom Leben zu bekommen, wenn man gar nichts hat. Im Moment, wo wir auf der Strasse sind, spielt das schönste Haus und das dickste Bankkonto keine Rolle mehr, materielle Dinge existieren einfach nicht. Alles, was du bist und hast im «normalen Leben», fällt weg. Was bleibt, ist der Moment. Du musst mit dem umgehen, was gerade ist. Dadurch entdeckt man Armut und Fülle zugleich - aussen auf der Strasse und innen im eigenen Herzen.

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