Nach meiner kaufmännischen Lehre hätte ich eigentlich zum Militär antreten müssen. Aber je näher der Dienst rückte, desto klarer wurde mir, dass ich kein Kriegshandwerk lernen will. Also habe ich ein Gesuch gestellt für einen Zivildienst. Es wurde gutgeheissen. Ich machte mich auf die Suche nach einer passenden Einrichtung. Da ich ab kommendem Herbst die Hotelfachschule Luzern besuchen werde, sollte meine Zivildienststelle etwas mit Kochen zu tun haben - fürs Kochen habe ich ein Faible. So bin ich aufs Zürcher Lighthouse gestossen. Dort suchten sie jemanden, der die Mittag- und Abendessen zubereitet und die Mahlzeiten im Speisesaal serviert.

Das Lighthouse kannte ich vom Namen her. Ich wusste, dass dort anfangs Aidskranke betreut wurden. Heute sind es hauptsächlich Krebspatienten. Mir war klar, dass ich nicht nur in der Küche stehen, sondern Kontakt mit den kranken Menschen haben würde. Schockiert hat mich das nicht. Auch die erste Begegnung war nicht schlimm. Meine Mutter hatte Krebs, daher wusste ich, wie ein todkranker Mensch aussieht, dass er kaum noch Gesichtsfarbe hat. Und dass es diese Menschen manchmal kaum schaffen, sich auf den Beinen zu halten oder eine Suppe zu löffeln, ohne dass etwas danebengeht. Es hat mich keine Überwindung gekostet, den Leuten nahe zu kommen und ihnen die Teller abzuräumen.

Auszeit auf der Parkbank
Allerdings ging mir die Zeit im Lighthouse manchmal doch mehr unter die Haut, als ich es für möglich gehalten hätte und mir eingestehen wollte. Ich hatte auch Schlafstörungen während dieser Zeit. Mich abzugrenzen, das war manchmal verdammt schwer. Ich bekam eben mit, wie es den Patienten ging - auch wenn sie einen sehr schlechten Tag hatten.

Manchmal wollte ich mich während meiner Pausen in eine Sofaecke zurückziehen und Zeitung lesen. Aber auch dort blieb ich meistens nicht lange allein. Patienten setzten sich zu mir - oder Familienangehörige, die mir mit Tränen in den Augen ihr Herz ausschütteten. Das hat mich wirklich geschafft. Aber ich konnte ja nicht einfach aufstehen und sagen: «Hört her, dafür bin ich nicht zuständig, ich bin hier nur der Koch.» Plötzlich war ich mittendrin, plötzlich wusste ich mehr über die Menschen und deren Schicksale, als mir lieb war. Ich habe mich dann oft, obwohl es kalt war, auf eine Parkbank gesetzt und Musik gehört oder bin eine Runde durchs Quartier gelaufen. Diesen Abstand habe ich gebraucht.

Ich denke, auf Dauer könnte ich einen solchen Beruf nicht ausüben. Ich bewundere jene Pflegerinnen und Pfleger, die es schaffen, sich ihre optimistische Grundhaltung zu bewahren.

Alles in allem habe ich die Zeit im Lighthouse aber nicht als deprimierend in Erinnerung. Im Gegenteil: Ich hatte es gut mit den Leuten, und wir haben oft zusammen gelacht. Es gab Patienten, die hatten trotz ihrer Krankheit eine unglaubliche Fröhlichkeit und einen trockenen Humor. Von ihnen kam oft ein witziger Spruch, wenn die Stimmung im Speisesaal düster zu werden drohte und alle nur noch schweigend dasassen. Und schon plauderten sie wieder miteinander - über Gott und die Welt, nicht nur über ihre Krankheit.

Essen wie zu Hause
Ich empfand es als sehr befriedigend, den Gästen ein gutes Essen zuzubereiten. Es hat ihnen Freude gemacht, die Mahlzeiten sind zu einem zentralen Punkt in ihrem Leben geworden. Und ich glaube, ich habe meinen Job gut gemacht. Okay, anfangs gabs Beschwerden: Ich hatte die Suppen zu scharf gewürzt. Ich verwendete danach deutlich weniger Pfeffer. Gewundert hat mich, dass die Leute oft mit einfachen Speisen zufrieden waren. Es gab zwar einen abwechslungsreichen Wochenplan, aber manchmal wollten sie einfach nur Spiegelei, Speck und Brot. Dinge, die sie zu Hause auch gerne assen.

Klar ist es nicht einfach, mit dem Tod konfrontiert zu werden. Und natürlich habe ich es mitbekommen, wenn jemand gestorben ist. Manchmal hat mir das sehr leidgetan, zum Beispiel wenn eine Mutter ihre Kinder zurückliess. Trotzdem habe ich nicht ständig an den Tod gedacht.

Es gab ein, zwei Patienten, die habe ich gar nie gesehen. Sie waren so krank, dass sie ihre Zimmer nicht mehr verlassen konnten. Für sie gab es Spezialmahlzeiten, Shakes mit Früchten oder Gemüse. Mir kam aber nie der Gedanke, dass ich derjenige bin, der ihnen das letzte Gericht zubereitet. Vermutlich ging es mir auch deshalb nicht derart nahe, weil ich nur die Namen dieser Menschen kannte und nicht das Gesicht dazu. Ausserdem waren wir in der Küche ziemlich eingespannt, schliesslich warteten ja die Gäste im Speisesaal auf das nächste Essen.

Ich kann mir gut vorstellen, nochmals im Lighthouse zu arbeiten. Der Zeitpunkt ist noch offen. Wenn ich wieder hingehe, möchte ich mich bewusst darauf einlassen. Es ist mir klargeworden, dass mich diese Aufgabe beansprucht, aber dass sie mich nicht auffressen darf. Für die Menschen da sein, aber auch zeigen, wo die Grenzen sind - das möchte ich das nächste Mal schaffen.

Anzeige