Wenn das Handy klingelt, bekomme ich im ersten Moment einen Adrenalinschub. Die Anrufe kommen immer unerwartet – am Wochenende oder auch mitten in der Nacht. Von der Zentrale des Care-Teams in Küssnacht erhalte ich erste Informationen. Ich erfahre, wo der Einsatzort liegt und was passiert ist. Es heisst dann etwa: «Eine Gasflasche ist explodiert» oder «Familiendrama; der Ehemann hat seine Frau erschossen».

Ich wohne in Zug. Das Care-Team Zentralschweiz, dem ich angehöre, wird meist von der Polizei vor Ort aufgeboten. Meine Kollegin in der Zentrale telefoniert dann die Mitgliederliste durch. Sie stellt das Team zusammen und klärt ab, wer verfügbar ist. Manchmal spielen auch Geschlecht oder Sprachkenntnisse eine Rolle.

Wichtig ist das Ausmass des Unglücks
Wir arbeiten freiwillig im Care-Team, neben unseren Alltagsjobs. Ich bin Psychologin und zu 70 Prozent in einer Beratungsstelle in Zürich angestellt. Die Care-Team-Einsätze kann ich mit dieser Arbeit gut vereinbaren. Dieses Jahr hatte ich ungefähr jeden Monat eine Anfrage, es kann aber auch sein, dass lange nichts passiert.

Ob es sich um einen Notfall, einen Brand oder ein Tötungsdelikt handelt, spielt gefühlsmässig bei meiner Vorbereitung auf den Einsatz keine Rolle, denn die Art des Unglücks sagt nichts darüber aus, was ich vor Ort antreffe. Wichtig ist das Ausmass. Bei einem Brand mit vielen Betroffenen gibt es andere Aufgaben zu erledigen als bei einem Familiendrama.

Bevor ich losfahre, überlege ich, was ich mitnehmen soll. Wie lange dauert der Einsatz? Welche Kleider sind geeignet? Ich musste auch schon im Schnee stehen, da brauchte ich warme Winterstiefel. Neben meiner Haustür steht eine Tasche mit Dingen, die ich immer mitnehme: Taschentücher, Schokolade, etwas zum Trinken, Ausweise, Visitenkarten. Wichtig sind auch das Handy, Kugelschreiber und ein Notizblock.

Am Schauplatz versuche ich mich zu orientieren und genauere Informationen zu bekommen. Ich melde mich bei einer Kontaktperson, und wir besprechen die Aufgabenverteilung im Team. Die Betroffenen werden möglichst schnell an einen sicheren Ort gebracht. Ich stelle mich den Leuten vor und sage ihnen, dass ich für sie da bin und sie unterstütze. Ich trage keine Uniform, nur bei grösseren Anlässen eine Weste, auf der «Care-Team» steht.

Die Personen, die ich betreue, sind meist in einem Schockzustand. Es sind Augenzeugen oder Betroffene. Wie sich die Einzelnen verhalten, ist sehr unterschiedlich. Die einen sind wie betäubt, andere reagieren heftig; sie weinen und sind völlig verzweifelt. Einige haben das Bedürfnis zu reden, dann höre ich einfach zu. Ich versuche auf die Menschen zuzugehen und herauszufinden, was sie im Moment brauchen, und mache ihnen dann verschiedene Angebote. Das kann einfach ein Spaziergang sein. Oft sind organisatorische Dinge zu erledigen, oder es ist Kontakt mit Angehörigen herzustellen.

Ich frage immer und entscheide nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Die Leute sind ja nicht krank. Sie sind in einer absoluten Ausnahmesituation, bleiben aber entscheidungsfähig. Ich helfe ihnen, die erste Zeit nach dem Ereignis zu bewältigen und so den Weg zurück in den Alltag zu finden – soweit das möglich ist.

Alltägliches hilft bei der Verarbeitung
Auch ich erlebe einen solchen Einsatz jeweils als Ausnahmesituation – allerdings bin ich dann zu beschäftigt, um über das Erlebte nachzudenken. Das kommt erst später, wenn ich zu Hause bin. Wenn ich daheim ankomme, mache ich erst mal ganz banale, alltägliche Dinge. Zuerst dusche ich oder nehme ein Bad, oder ich räume auf. Nicht immer habe ich Lust, mit jemandem zu reden. Ich möchte einfach nur zu Hause sein. Dann schlafe ich. Wenn ich aufwache, habe ich Hunger. Meistens koche ich Spaghetti, die habe ich immer auf Vorrat. Das Alltägliche hilft, das Aussergewöhnliche zu verarbeiten.

Ich habe Kolleginnen und Kollegen im Care-Team, mit denen ich über die Ereignisse und meine Erlebnisse spreche. Mit Aussenstehenden mache ich das eher nicht. Die Katastrophen des menschlichen Lebens sind auch kein Thema, über das man sich beim Cocktail unterhält. Ich bin mir bewusst, dass sich das Leben sehr plötzlich komplett verändern kann. Vielleicht lebe ich deswegen intensiver als andere, arbeite beispielsweise nicht mehr 100 Prozent. So habe ich Zeit für Dinge, die ich gern tue: zum Segeln gehen, bummeln, Freunde treffen, am Nachmittag in der Stadt in einem Café sitzen, ein Buch lesen.

Früher habe ich ein Therapiezentrum geleitet und gesehen, was die langfristigen Folgen von traumatischen Erlebnissen sein können: Suchtprobleme oder Depressionen zum Beispiel. Da habe ich oft gedacht: Wir kommen zehn Jahre zu spät.

1998, beim Absturz der Swissair-Maschine bei Halifax, ist erstmals ein Care-Team zum Einsatz gekommen. Damals habe ich begonnen, mich mit der Notfallpsychologie zu beschäftigen. Gegenwärtig werden Richtlinien für eine standardisierte Care-Team-Ausbildung entwickelt. In Zukunft könnte ich mir vorstellen, einen Arbeitsschwerpunkt in der Ausbildung
zu setzen. Doch genügend Zeit, um die schönen Seiten des Lebens geniessen zu können, muss mir schon bleiben.

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