Ja, der New-York-Marathon war ein grossartiges Erlebnis. Die vielen Leute, die einen anfeuern, die Musik – das hat mich fasziniert. Ich habe schon viele Marathons in Europa erlebt, aber das Ausmass hier ist riesig. Nur beim langen Warten vor dem Start habe ich etwas unter der Kälte gelitten. Auch das Wasser, das ich unterwegs getrunken habe, war nicht ganz sauber. So bekam ich anfangs Krämpfe und Durchfall und musste zwei-, dreimal austreten. An einem Stand von Sri-Chinmoy-Leuten erhielt ich einen warmen Kaffee. Dann ging es mir wieder besser.

Unbeschreibliche Siegesfreude
Mein Ziel war, die magischen 42,2 Kilometer unter fünf Stunden zurückzulegen. Nun sind es vier Stunden und 52 Minuten geworden. Darüber bin ich total glücklich. Zugleich bin ich Siegerin in der Alterskategorie der Frauen über 70 geworden. Das war für mich so schön – die Müdigkeit und das Bauchweh waren im Ziel vergessen.

Warum ich mit meinen 75 Jahren noch Marathon laufe? Diese Laufdistanz ist etwas Spezielles. Klar muss man leiden – aber die Freude, die Begeisterung am Ende sind unbeschreiblich. Wer es nicht erlebt hat, kann es nicht erfassen. Anders als auf Kurzstrecken hat man beim Marathon Zeit, während des Laufens miteinander zu reden. Sogar in Moskau, wo ich die Sprache nicht verstand, unterhielt ich mich mit fremden Läufern. Das geniesse ich sehr.

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Angefangen habe ich vor 20 Jahren. Ab einem gewissen Alter wird man ja etwas rundlich. Eines Tages sagte meine Tochter zu mir: «Mami, jetzt solltest du langsam aufpassen.» So begann ich zu rennen. Ein Jahr später absolvierte ich meinen ersten Marathon – im Schwarzwald.

In New York bin ich den 55. Marathon gelaufen. Den schnellsten lief ich als 59-Jährige in Berlin; meine Zeit war drei Stunden und 29 Minuten. Mit 71 Jahren kam ich in Turin, meiner Heimatstadt, immerhin noch auf eine Zeit von drei Stunden und 51 Minuten. Welches der schönste Marathon war, kann ich nicht sagen. Abwechslungsreich sollte die Strecke schon sein. Wichtig sind aber auch die Ambiance und der Kontakt mit anderen Läuferinnen und Läufern. Einmal leidet man mehr, ein anderes Mal weniger. Aber am Schluss bleiben nur die guten Erinnerungen.

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Viele Dutzend Pokale und Hunderte von Medaillen und Auszeichnungen erinnern mich an meine Läufe. Durchschnittlich habe ich in den letzten Jahren an 25 bis 30 Wettkämpfen pro Jahr teilgenommen. Dieses Jahr waren es nur etwa 13 oder 14. Ich mache auch bei Fünf- und Zehn-Kilometer-Läufen mit, bei Halbmarathons und Bergläufen.

Es freut mich, dass ich immer noch laufen kann. Wenn mich Schmerzen plagen, pflege und schone ich mich. Einmal drückte die Bandscheibe auf den Ischiasnerv. Das tat mörderisch weh. Der Arzt schlug eine Operation vor, doch ich fürchtete mich davor. Schliesslich schickte er mich in eine intensive Rückentherapie. Schon nach 14 Tagen zog ich meine Laufschuhe wieder an und trabte los. Die Therapeutin lachte; so etwas habe sie noch nie erlebt.

Eiserne Disziplin erforderlich
Das Laufen war für mich eine super Entdeckung. Dadurch bin ich auch viel gereist, habe Leute kennen gelernt und überall Kontakte geknüpft. An Läufen kennen mich inzwischen viele – auch weil ich häufig die Älteste bin. Und ich selber bin sehr kontaktfreudig; ich spreche die Leute sofort an. Vor allem wenn man älter wird, ist es etwas Wunderschönes, wenn dich jemand grüsst und fragt, wie es dir geht.

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Joggen braucht aber auch Disziplin. Ich stehe im Sommer morgens um fünf auf und gehe etwa anderthalb Stunden im Freien trainieren. Doch nicht mit der Stoppuhr. Zu Hause trinke ich frisch gepressten Orangensaft zum Frühstück. Dann mache ich ein bis anderthalb Stunden Gymnastik: Stretchen, Rückenübungen; täglich radle ich zehn Kilometer auf dem Hometrainer. Ich erledige unseren Haushalt; das ist nicht viel, weil wir nur zwei Personen sind. Später koche ich – und zwar jeden Tag. Ich bin jemand, der noch selber Teigwaren, Gnocchi und Ravioli macht.

Geboren bin ich im Piemont, nahe bei Turin. Wir haben in Italien den Krieg erlebt, das war nicht einfach. Mein Vater war Bahnangestellter. Wir waren fünf Kinder, meine Schwester und ich haben das Lehrerinnendiplom gemacht. Da es auf unserem Beruf zu wenig Stellen gab, zogen wir beide in die Schweiz, mit dem Ziel, in einem Jahr wieder zurückzukehren. Damit konnten wir den Vater finanziell etwas entlasten. So kam ich 1947 in die Psychiatrische Klinik Waldau nach Bern als Hilfskrankenschwester.

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Später lernte ich meinen Mann kennen und bin «hie blibe hocke». 1949 haben wir geheiratet. Wir haben zwei Kinder; die Tochter kam 1952, der Sohn 1958 zur Welt. Ich war eine überzeugte Hausfrau und habe gern Kinder erzogen. Hier habe ich mich rasch integriert; schon nach ein paar Jahren war ich – von der Sprache abgesehen – praktisch eine Bernerin.

Meine drei Grosskinder sind stolz auf ihre «Nonna». Ein T-Shirt, das ich vom Jungfrau-Marathon erhielt, schenkte ich meiner Enkelin. Als sie von ihren Freundinnen gefragt wurde, ob sie tatsächlich daran teilgenommen habe, sagte sie: «Nein, ich nicht, aber meine Grossmutter.»

Bei meinen Laufreisen habe ich die Gewohnheit, mein altes kleines «Pfanneli» mitzunehmen. Dazu meine Lieblingsspaghetti, die ganz dünnen, und etwas Olivenöl. So bereite ich mir jeweils am Abend vor dem Marathon einen feinen Teller Spaghetti olio-aglio zu oder ein Pfanneli voll «Gschwellti». Das habe ich auch in New York so gemacht.

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Vor dem Lauf trinke ich häufig Milch mit Ovomaltine, auch wenn es heisst, vor einem Marathon solle man auf keinen Fall Milch trinken. In Sportzeitschriften kann man viel darüber lesen, was man essen solle, welche Schuhe man tragen müsse und so weiter. Doch meinen schnellsten Marathon bin ich gerannt, als ich von all dem gar nichts wusste – mit einem ganz billigen Adidas-Schuh und ohne spezielle Ernährung. Ich halte mich kaum an Regeln, sondern bereite mich so vor, wie ich das Gefühl habe, es sei gut für mich.

Im Marathon besitze ich immer noch den Weltmeistertitel: Ich habe ihn an der Senioren-Weltmeisterschaft in Durban (Südafrika) gewonnen in der Zeit von vier Stunden und vier Minuten. Auch über die 5000- und die 10'000-Meter-Distanz habe ich Gold gewonnen, im Cross-Lauf hingegen Silber. Doch die Läufe auf der Bahn finde ich sehr langweilig.

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Spürbarer Neid
Negative Erlebnisse? Wenn man gut läuft und Erfolg hat, spürt man den Neid schon etwas. Schade. Einige sagen, Laufen sei eine Sucht. Schon möglich, aber es ist besser, als den ganzen Tag im Tearoom zu sitzen und zu rauchen oder Schokolade zu essen. Für mich ist das Laufen keine Flucht vor dem Alter. Im Gegenteil: Man fühlt sich besser, muss weniger jammern. Sicher habe ich das Glück, gesund zu sein, aber ich tue auch etwas dafür.

Wie es weitergeht, weiss ich nicht. Spass am Laufen habe ich immer noch. Doch ich rechne damit, dass ich eines Tages nicht mehr kann oder nicht mehr will. Mit dem New-York-Marathon konnte ich mir noch einmal zeigen, was ich zu leisten vermag. Wenn ich aber einmal sechs oder sieben Stunden benötige, höre ich auf. Dann werde ich den Ruhestand mehr geniessen.

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