Hippokrates, das antike Vorbild aller Ärzte, verschrieb bereits 400 Jahre vor Christus Badekuren. In seiner Gesundheitsordnung, der Diaita, legte der griechische Doktor sechs Voraussetzungen für das Wohlergehen seiner Patienten fest: Umgebung (Wasser, Licht, Luft), Speise und Trank, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Ausscheidungen und Absonderungen sowie Gemütsbewegungen. Dieselben Punkte bilden auch die Grundlage für einen Kurplan von heute.

«Mit einer Kur lässt sich enorm viel erreichen», sagt Otto Knüsel, Chefarzt an der Klinik Valens SG und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Balneologie (Bäderkunde) und Bioklimatologie (Wissenschaft von der Einwirkung des Klimas auf den menschlichen Organismus). «Die Lebensqualität der Patienten verbessert sich durch eine Kur erheblich. Auch die medizinische Behandlung vereinfacht sich nach einer Kur und kann meistens reduziert werden.»

Umstellung des Organismus
Am häufigsten werden Badekuren bei rheumatischen Krankheiten und Gelenkerkrankungen verordnet. Aber auch auf andere Leiden haben sie einen positiven Effekt. Wichtig für einen Behandlungserfolg ist die «andere Atmosphäre» in der Kur. Das betrifft sowohl das Klima als auch die Umgebung und die Kontakte zu neuen Bekannten. In der Kur ist nichts wie zu Hause. Frei von Alltagszwängen tut man vieles, was daheim wahrscheinlich zu kurz kommt.

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Zusammen mit den medizinischen Behandlungen bewirkt eine Kur so die Umstellung und Harmonisierung des gesamten Organismus. Die innere Abwehr gegenüber Störfaktoren aller Art wird ebenso gestärkt wie die Immunabwehr. Darüber hinaus lassen sich während eines Kuraufenthalts zahlreiche gesundheitsfördernde Verhaltensweisen erlernen, die sich auch zu Hause als nützlich erweisen.

Die einzelnen Kurmittel – wie Heilwasser, Moor, Fango und Schlick – entfalten ganz spezifische Wirkungen, die meistens mit einer Bewegungstherapie kombiniert werden. Wasser drückt auf die Oberfläche des Körpers. Dadurch verschiebt sich ein Teil des Bluts aus den oberflächlichen Venen in tiefere Regionen, was den Kreislauf fördert. Durch den Auftrieb im Bad können viele Patienten bei der Wassergymnastik Bewegungen ausführen, die ihnen sonst nicht möglich sind.

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Heilende Kraft des Wassers
Der grossflächige Kontakt mit Wasser fördert nicht nur die Hautdurchblutung, sondern auch die Bildung und die Aktivität zahlreicher Hormone. Je nach Mineraliengehalt hat Wasser einen unterschiedlichen Effekt auf den Organismus. So dämpfen beispielsweise Solebäder (in salzigem Wasser) das autonome Nervensystem, schwefelhaltige Bäder stärken den Knorpel. Kohlensäurehaltiges Wasser senkt den Blutdruck, fördert die Durchblutung und entlastet das Herz.

Moor-, Fango- und Schlickpackungen entspannen und lockern durch ihre Wärme die Muskulatur. Überdies nimmt die Haut heilende Bestandteile des Schlamms auf. Zu den Therapien, die vor allem über Wärmebildung wirken, gehören auch Bestrahlungen, Ultraschall und Behandlungen mit elektrischem Strom.

Wenn solche Therapien regelmässig über mindestens drei Wochen angewendet werden, kommt dies nicht nur den Organen zugute – die wiederholten Reize verändern im Körper den so genannten vegetativen Tonus, der die unbewussten Lebensvorgänge regelt. Kurmässige Bäder und Wasseranwendungen führen zu einer stabilen, oft über Wochen anhaltenden Stärkung dieses Tonus.

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Eine Kur hat nichts mit Dolcefarniente zu tun, sondern erfordert die aktive Mitarbeit der Patienten. Kuraufenthalte gelten als medizinische Massnahmen und müssen vom Hausarzt verordnet werden. Derzeit sind in der Schweiz 21 Badeorte vom Bundesamt für Gesundheit als Kurorte zugelassen. Medizinische Behandlungen dort übernehmen die Krankenkassen. Für Kost und Logis – ob im Viersternehotel oder in einer Pension – müssen die Patienten selbst aufkommen. Je nach Art der Versicherung bezahlt die Krankenkasse jedoch einen Anteil daran.