Um 6 Uhr 30 reisst einen der Wecker aus dem Schlaf. Fünf Minuten später ab auf die Toilette, kurz darauf stehen wir unter der obligaten täglichen Dusche, und um 7 Uhr 15 warten wir nach einer Schnellrasur oder ein paar routinierten Schminkstrichen sowie einem eiligen Frühstück bereits auf den Zug, der uns zur Arbeit bringt.

Körperpflege und Hygiene bringt Segen. Im 20. Jahrhundert hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen um über 30 Jahre verlängert. Die meisten dieser Jahre haben wir laut Weltgesundheitsorganisation WHO der verbesserten Hygiene zu verdanken: Hygiene bei der Umwelt, der Ernährung, der Wasserversorgung – und der Körperpflege.

Doch das kostet uns einiges an Aufwand: Bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren verbringen wir laut Freizeitforschern aus Hamburg gegen zwei Jahre mit Händewaschen, Zähneputzen, Rasieren, Duschen und sonstigen Hygieneverrichtungen im Badezimmer.

Grund genug also, das heimische Bad endgültig vom Status des engen Zweckraums zu befreien. Die Sanitär-, Badezusatz- und Kosmetikindustrie bietet uns dabei Hilfe an: Die nüchterne Nasszelle soll zur Wellnessoase werden.

Ein anderer Start in den Tag

Beginnen wir den Tag also nochmals von vorn (wir beschränken uns vorerst auf Wellness aus der Dose, für die Hightech-Massage- und -Dampfdusche sowie für den Whirlpool müssen wir noch sparen):

Um 6 Uhr 30 streichelt uns unsere Lieblingsmusik aus dem Schlaf. Wir freuen uns bereits auf das «fernöstliche Wellnessritual im Badezimmer», das uns ein Kosmetikshop anbietet. Wir bauen die diversen Tuben und Flaschen der Wellnesslinie auf und beginnen wie angeleitet: Wir reinigen das Gesicht ausgiebig und genussvoll, machen ein Gesichtspeeling, führen ein gründliches Bodypeeling durch und duschen es ab. Jetzt lassen wir Badewasser ein und giessen Badeöl dazu, und während das Wasser einläuft, tragen wir die Hautlotion auf Gesicht, Hals und Décolleté auf und massieren sie liebevoll ein. Das alles braucht Zeit – inzwischen ist es nach 7 Uhr und der Zug ohne uns abgefahren.

Anzeige

Wer wollte nicht lieber so seinen Tag beginnen? Nur: Vermutlich würde man so auch gleich noch die nächsten paar Züge verpassen; kein Wunder, dauern Wellnessprogramme meist eine ganze Woche. Und auch wer Wellness für sich selber im Alltag praktizieren will, sollte sich dafür genügend Zeit nehmen. 

«Wellness ist eine Lebensphilosophie»

Wichtig: Mit der Anwendung von Produkten allein ist es nicht getan. «Eine gute Pflegecreme nützt nicht viel, wenn Sie vom Alltagsstress nicht loskommen», mahnt Françoise Kälin, Präsidentin des schweizerischen Verbands der Wellnesstrainer. «Wellness ist eine Lebensphilosophie.» Dazu gehören auch genügend Bewegung, eine ausgewogene und gesun-de Ernährung sowie Momente der Entspannung.

Auch Fitnesstrainer Fritz Bebie weiss, dass zu Wellness einiges mehr gehört als Körperpflege vor dem Spiegel und im Vollbad. «Der Bauch verschwindet nicht in der Badewanne, man sieht ihn nur besser», meint er. «Ein Entspannungsbad macht dann Sinn, wenn man sich vorher ausreichend bewegt hat.»

Ein Tipp für Leute, die morgens nicht schon eine Stunde früher aufstehen, dennoch bereits etwas für das nachhaltige persönliche Wohlbefinden tun möchten: Beginnen Sie den Tag nach der guten alten Kneipp-Devise mit einer Wechseldusche. Warm beginnen, dann den Körper mit dem kälteren Strahl erfrischen – immer bei Armen und Beinen beginnen. Eine Wechseldusche stärkt die Abwehrkräfte und macht frisch für den Tag.

Das grosse Entspannungsprogramm verschieben wir auf die Zeit nach der Arbeit. Beispielsweise so: Es ist 18 Uhr 30. Der Arbeitstag ist vorbei, Stresssituationen haben wir so gut wie möglich vermieden, wir haben gesund und ausgewogen zu Mittag gegessen, haben uns ausreichend bewegt, indem wir den Arbeitsweg per Velo oder zu Fuss hinter uns gebracht haben und statt dem Lift die Treppe genommen haben. Nun also ist Entspannung angesagt: ein genüssliches Vollbad mit allem Drum und Dran, auch vorher und nachher.

Anzeige

Wellness braucht Zeit

Mindestens eine Stunde sollte man sich Zeit nehmen. Sanftes Licht, entspannende Musik und ein paar Blumen sorgen für die stimmige Atmosphäre. Womit man das Badewasser veredelt, hängt davon ab, welche Wirkung man sich erhofft: Lavendel und Kamille entspannen, Eukalyptus und Pfefferminze beleben. Das Ganze lässt sich natürlich beliebig ausdehnen: Mit einem Meersalz-Körperpeeling vorher und einer Algenschlammpackung nachher kann man ein Vollbad mit Meeralgenextrakten zum Thalasso-Erlebnis adeln.

Wenn man sich zu einem Öl- oder Milchbad entschliesst, sollte man sich vorher unter der Dusche waschen. Das Badewasser sollte nicht zu heiss sein: 37 oder 38 Grad tun gut, wärmeres Wasser macht schlapp oder gar nervös.

Wer sich in der Wildnis der Wellness-Badezusatz- und -Pflegeprodukte nicht zurechtfindet, sollte fachlichen Rat suchen. Zum Beispiel in der Drogerie: «Gesundheit und Wohlbefinden war schon vor der Wellnesswelle unser Fachgebiet», sagt Martin Bangerter, Geschäftsführer des Schweizerischen Drogistenverbands. Beruhigend ist, dass die meisten Wellness-Badezusätze zumindest keinen Schaden anrichten. Die deutsche Zeitschrift «Öko-Test» stellt von 26 getesteten Produkten mehr als der Hälfte das Prädikat «gut» oder «sehr gut» aus.

Trotzdem, nach maximal 20 Minuten sollte man sich dazu überwinden, die wohlige Wärme der Wanne zu verlassen. Den Körper trocken tupfen, eine Feuchtigkeit spendende Bodylotion oder Creme einmassieren, in einen vorgewärmten Bademantel steigen und sich dann einige Zeit hinlegen und entspannen.

Für Wellnessberaterin Françoise Kälin ein Schritt in die richtige Richtung: «Indem man überhaupt Zeit für sich nimmt, kommt man der Wellnessphilosophie schon einiges näher.» 

Anzeige