Beobachter: Die Terroranschläge in den USA haben einen massiven Schock ausgelöst – auch bei Menschen in der Schweiz. Was ist es genau, das uns dermassen tief trifft?
Berthold Rothschild: Was uns trifft, ist der schlagartige Verlust eines bisherigen Sicherheitsgefühls. Allerdings war dieses Gefühl von weitgehender Unverletzlichkeit schon zuvor auf Sand gebaut. Denn es gab täglich Ungerechtigkeiten und schreiendes Elend in dieser Welt, das wir von uns fern halten konnten. Jetzt wurden wir jäh und brutal aus diesem «Schlaf der Gerechten» gerissen. Plötzlich ist die vermeintliche Sicherheit in Frage gestellt, und der Turm zu Babel ist zusammengebrochen. Daraus entstehen «Primitivmechanismen» wie Angst, Rache, Trauer, Wut und Schutzlosigkeit.

Beobachter: Wie wirken solche Horror-Grossereignisse auf sensible Menschen?
Rothschild: Sensible Menschen reagieren auf den plötzlichen Verlust ihrer bisherigen Sicherheit mit Angst, manchmal mit Panik, suchen Schutz und fühlen sich total ohnmächtig, wenn die fiktive Schutzmacht nackt und entblösst vor ihnen steht. Der Schrei nach Rache und Vergeltung will die «alte Stärke» wiederherstellen.

Beobachter: Manche Leute entwickeln Wahnvorstellungen oder sind traumatisiert.
Rothschild: Viele Menschen fühlen sich jetzt echt bedroht und fallen zurück in kindliche Vorstellungen – etwa, man möge die Bösen wie im Märchen entlarven und aus der Welt schaffen. Sie wissen aber gleichzeitig, dass dies nicht so einfach ist. Deshalb werden sie bald wieder ihre Sicherheit zu gewinnen versuchen, indem sie das Bedrohliche und seine Ursachen ausblenden.

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Beobachter: Der Terror von politischen Gruppen ist nicht neu. Neu sind die gigantische Dimension und die bisher unvorstellbare Rücksichtslosigkeit. Haben wir es mit einer neuen Stufe des Terrors zu tun?
Rothschild: Die Weltgeschichte ist voller Terrorereignisse mit Krieg, Mord und Totschlag. Was sich nun geändert hat, sind die enorme Verletzlichkeit moderner Systeme, die Vernetzungsmöglichkeiten des internationalen Terrors und die Tatsache, dass hier Menschen Terror ausüben gegen Systeme, ja gegen eine ganze Kultur. Geändert hat sich aber auch die Wahrnehmung, weil über die schnellen und manchmal auch sensationslüsternen Medien die Distanzen von Zeit und Ort aufgehoben sind. Die Ereignisse finden hier und jetzt, vor und hinter der eigenen Haustür statt. Von «neuem Terror» kann man auch reden, weil wir uns auf neue, nie gekannte Art terrorisiert fühlen.

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Beobachter: Im Unterschied zu bisherigen gesellschaftlichen oder militärischen Auseinandersetzungen waren hier nicht die direkten Feinde, sondern unbeteiligte Dritte die Zielscheibe der Aggression. Ist das der Einbruch des Bösen, der vorhergesagte «Zusammenprall der Kulturen»?
Rothschild: Bereits die grossen Weltkriege, aber auch die späteren Auseinandersetzungen haben den «Feind im Auge» verloren. Sie richteten sich rücksichtslos gegen die Zivilbevölkerung und deren Einrichtungen. Für die Fanatiker stellen auch die Errungenschaften des Feindes Ziele dar, die es zu vernichten gilt. Ist das Böse nun eine Religion oder der Glaube an eine zivilisatorische Vorherrschaft, kommt es nicht mehr zum Kampf gegen Menschen oder Soldaten, sondern zum Zusammenstoss ganzer Kulturen. Nur dürfen wir nicht vergessen, dass auch unsere Kultur sich immer wieder sehr unzimperlich durchzusetzen versucht hat.

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Beobachter: Die Terroranschläge erfolgten offenbar im Namen einer fundamentalistischen Heilsideologie. Doch statt Heil brachten die religiösen Fanatiker Zerstörung, Tod und unendliches Leid. Wie kann im Schoss grosser Weltreligionen solcher Hass entstehen?
Rothschild: Wenn Hass ganze Völkergruppen betrifft, ist er immer auch Ausdruck von Fanatismus. Dass sich Religionen und Ideologien als Quelle für Fanatismus besonders eignen, ist altbekannt. Wird das Eigene als bedroht, das «Heilige» als geschändet empfunden, können sich kollektiv-aggressive Kräfte entwickeln, die keine Rücksichten und Grenzen mehr kennen. Besonders schlimm und pervers wirkt dabei, dass das Böse «im Namen des Guten» angerichtet wird. Überzeugungstäter sind immer gefährlicher als jene, die wissen, dass ihre Handlungen eigentlich verwerflich sind.

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Beobachter: Inwiefern sind die Terrorakte auch Ausdruck des Globalisierungskonflikts, des Kriegs zwischen Arm und Reich?
Rothschild: Ich bin dagegen, dass man zwischen den Sünden des Kapitalismus beziehungsweise der Globalisierung und dem Terror eine lineare, fast zwingende Kausalität herstellt. So gerät man in die Gefahr von «Alles verstehen heisst alles entschuldigen». Wir wissen aus der Geschichte, dass es für diese Auseinandersetzungen andere Kampfmittel und -formen gibt; Nelson Mandela etwa hat das gezeigt. Die terroristische Antwort ist eine extreme, besonders menschenverachtende Form von Auseinandersetzung, und keine Begründung kann sie rechtfertigen. Die Regierungen tun deshalb gut daran, die friedlicheren Formen der Konfrontation und Auseinandersetzung nicht auch noch einzuschränken.

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Beobachter: Haben die tragischen Ereignisse auch in Ihrem Alltag konkrete Folgen?
Rothschild: Gewiss, ich bin selber von Ängsten nicht verschont und werde mir in nächster Zeit gut überlegen, wohin und womit ich reise, wem ich trauen kann, wem nicht und so weiter. Aber solche Vorsicht ist meistens kurzfristig und wird bald wieder von Bequemlichkeit und Komfort abgelöst.

Beobachter: Der Mensch vergisst schnell…
Rothschild: Was leider länger erhalten bleibt, sind die Vorurteile gegenüber gewissen Menschengruppen, die mit dem Terror überhaupt nichts zu tun haben. Sie werden sehen, dass die schrecklichen Ereignisse in wenigen Wochen oder Monaten bereits wieder von neuen Dramen eingeholt werden. Nur die direkt Betroffenen und Leidtragenden werden dann enttäuscht sein, wie schnell all die anderen das Ganze vergessen konnten.

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Beobachter: Was können Menschen tun, die noch nach Wochen unter Angstzuständen leiden, in Resignation verfallen oder depressives Verhalten entwickeln?
Rothschild: Sie sollen mit anderen darüber sprechen, sollen ihre Ängste ausdrücken, auch auf die Gefahr hin, ihren Mitmenschen mit der Zeit «auf den Wecker zu gehen». Wenn sie können, sollen sie daran arbeiten, dem Guten und Nicht-Zerstörerischen, das ja den Menschen auf der ganzen Welt ebenfalls eigen ist, wieder seinen Platz einzuräumen. Und sie sollen all jenen misstrauen, die versprechen, sich für sie an ihren «Feinden» zu rächen.

Beobachter: Müssen wir damit leben lernen, dass alle Sicherheitsnetze nur vermeintlich sicher sind – vom Schutz im Flugzeug über das sichere Fundament von Hochhäusern bis zum Glauben, dass alle Menschen grundsätzlich gut seien?
Rothschild: Ja, ich glaube, wir müssen mit dem Wissen leben, dass die vermeintliche Sicherheit und die erwerbbaren Versicherungen nicht halten können, was sie versprechen. Ob wir uns aber deswegen auch einschränken werden? Ich glaube nicht. Und dass alle Menschen grundsätzlich gut seien, hätte man schon vor den Ereignissen nicht glauben sollen. Die meisten Menschen können unter bestimmten Einflüssen zu Bestien werden. Dennoch bleibt uns keine andere Wahl, als an das Gute der Menschen zu glauben und es zu fördern.

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Beobachter: Zur Bewältigung der Krise setzt die gedemütigte amerikanische Nation als Erstes auf Rache und Vergeltung. Finden Sie das legitim?
Rothschild: Das Rachegefühl von Betroffenen ist unvermeidlich und wohl auch legitim. Problematischer wird es dann, wenn solche Gefühle an Institutionen, Politiker und Armeen delegiert werden. Und wenn sich gar irgendwelche Politiker dazu berufen fühlen, im grossen Stil Rachefeldzüge durchzuführen. Davor habe ich wirklich Angst. Rache will strafen und vergisst, dass der vermeintlich Bestrafte deswegen nun nicht plötzlich brav und vernünftig wird. Rache ist oft auch Ausdruck eines verletzten – männlichen – Stolzes und des eitlen Versuchs, diesen durch Kraftakte wieder zurückzugewinnen.

Beobachter: Als nächste Schritte sind politische Lösungen zur Eindämmung von Fundamentalismus und Fanatismus gefragt. Bloss, welche könnten es denn sein?
Rothschild: Obwohl die Täter meistens nicht selber zu den Armen und Erniedrigten gehören, sondern glauben, in deren Namen handeln zu müssen, glaube ich, dass Armut und Erniedrigung der Nährboden für Fanatismus sind. Bildung und kritisches Wissen, Selbstbewusstsein und Würde sind wichtige Gegenmittel, setzen aber die Überwindung von Armut und Rechtlosigkeit voraus. Man kann auch nicht verbieten, dass einzelne Menschen oder Gruppen «fundamentalistisch» an etwas glauben. Nur sollten sie solchen Glauben für sich behalten. Dort, wo sich Fundamentalismus und Politik vereinigen, entsteht ein hochexplosives, gefährliches Gemisch.

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Beobachter: Wie kann sich die offene und somit verletzliche Gesellschaft besser vor Feinden schützen, ohne sich aufzugeben?
Rothschild: Wenn Sie unter der «offenen Gesellschaft» jene meinen, die mit Demokratie und Solidarität versucht, ihre Schwierigkeiten und Konflikte gewaltlos zu meistern, und deren Offenheit darin besteht, sich als verantwortlichen Teil der ganzen Menschheit zu verstehen, dann kann ich nur sagen: Sie kann sich vor ihren Feinden schützen, indem sie diese Werte noch mehr und noch besser vertritt und langfristig zeigt, dass dies nicht auf Kosten eines anderen Teils der Menschheit geht.

Beobachter: Und wie soll das funktionieren?
Rothschild: Mehr Sicherheit erreicht man nicht durch noch mehr Schlösser und Verriegelungen, sondern durch mehr Beweglichkeit und Sensibilität. Das heisst aber nicht, dass man sich vor wirklichen Übeltätern nicht schützen und diese dann auch zur Verantwortung ziehen soll.

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