Frage von Ralph G.: Kürzlich haben Sie an dieser Stelle jemandem empfohlen, zur persönlichen Veränderung ein Coaching in Anspruch zu nehmen. Ich dachte, Coaching sei nur etwas für Topmanager?

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Ihre Vorstellung kommt nicht von ungefähr. In der Tat kommt der Begriff Coaching ursprünglich aus den Chefetagen. Er wird mittlerweile aber viel breiter gebraucht und ist ein weiteres psychologisches Angebot neben Therapie und Beratung.

Coaching bezeichnet ursprünglich ein Personalentwicklungsinstrument, das im deutschsprachigen Raum seit zirka 1985 als Beratung für Topmanager eingesetzt wurde. Wer wie in dieser Berufsgattung von fordernden Vorgesetzten, rivalisierenden Kollegen und ehrgeizigen Mitarbeitern umgeben ist, kann kaum noch eine unparteiische Rückmeldung zu seinem Verhalten erwarten. Dieser Mangel an echtem Feedback kann schwerwiegende Folgen haben: Allmachtsvorstellungen, aber auch Isolationsgefühle, Betriebsblindheit und schliesslich Motivationsprobleme.

Zwar erkannten die Betroffenen die Schwierigkeiten, waren aber nicht in der Lage, Ursachen zu erkennen oder Auswege zu finden. Für diese Problemkonstellation wurde damals Coaching als die Ideallösung propagiert. Heute hat der Begriff seine Bedeutung ausgeweitet: Inzwischen werden alle möglichen Beratungsformen bis hin zu esoterischen Angeboten Coaching genannt.

Hilfe zur Selbsthilfe

Coaching im engeren Sinn bezieht sich jedoch vorwiegend auf Probleme, die aus der beruflichen Funktion heraus entstehen. In einer freiwillig eingegangenen Vertrauensbeziehung zum Coach wird nach Ursachen und Lösungen von Konflikten gesucht. Zwar werden teilweise ähnliche Techniken verwendet wie in der Psychotherapie, aber es geht nicht um die Beseitigung seelischer Symptome, sondern um die Suche nach effizienteren Weisen, mit beruflichen Belastungen und Herausforderungen umzugehen. Der Coach macht dabei keine direkten Lösungsvorschläge, sondern unterstützt den Gecoachten, selber Lösungen zu entwickeln.

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Coaching ist keine verdeckte Psychotherapie für Manager, sondern richtet sich an «gesunde» Personen. Es wird keine emotionale Tiefe angestrebt, vielmehr bleibt man auf einer sachlichen Ebene. Ziel ist eine überdurchschnittliche Leistungsentfaltung des Gecoachten. Der Coach braucht deshalb wirtschaftliche Fachkompetenz und Managementerfahrung.

Psychotherapie dagegen ist eine Heilkunst und zählt zum Gesundheitswesen. Ihr Fokus liegt weniger auf der Umwelt einer Person. Im Zentrum stehen vielmehr ihr Leiden, die Störung ihres seelischen Gleichgewichts, ihre Symptome wie Ängste, Zwänge und Verstimmungen. Das Erleben intensiver Gefühle ist in einer Psychotherapie notwendig, um eine «Neuprogrammierung» der Seele zu ermöglichen.

Immer öfter kommt es in der heutigen Zeit aber vor, dass sich jemand psychisch gesund fühlt oder in einer erfolgreichen Therapie seine neurotischen Symptome bereits loswerden konnte - und trotzdem das Bedürfnis hat, von Zeit zu Zeit Alltagsprobleme mit einer Fachperson zu besprechen. Das ist durchaus sinnvoll und kann im Unterschied zu einer Therapie auch als Coaching bezeichnet werden - vielleicht deutlicher als «Lifecoaching».