Ich leide darunter, dass andere Leute immer besser wissen, was mir fehlt und was mir gut tut. Eigentlich finde ich es anmassend, wenn andere Leute glauben, ich sei genau wie sie. Aber das Schlimmste ist, dass ich mich aufrege und darunter leide. Zum Teil verfolgen mich solche Aussagen tagelang. Haben Sie eine Erklärung dafür, und wie könnte ich besser mit solchen Ratschlägen umgehen? Susanne F.

Es ist unmöglich, dass andere Leute besser wissen, worunter Sie leiden, was Ihnen helfen würde und wer Sie sind. Die Seele jedes Menschen ist ein Universum, das er selber kaum kennt. Wie sollte da ein anderer besser Bescheid wissen? Er denkt und handelt ja auch aus seinem eigenen Universum heraus.

Selbst ein erfahrener Psychotherapeut mit grosser Menschenkenntnis weiss nie genau, wie es in einem Klienten aussieht. Er versucht, sich einzufühlen, formuliert seine Hypothese und erfährt dann, dass es eben doch ein bisschen anders ist. Erfolgreiche Therapie beruht sogar auf Missverständnissen, die laufend geklärt werden. Das Resultat: Der Klient lernt sich besser kennen.

Mehr Selbsterkenntnis bedeutet mehr Selbstbewusstsein – und je selbstbewusster man ist, umso weniger berühren einen Urteile anderer Leute. Wenn man weiss, wer man ist, aber anders beurteilt wird, kann man sogar schmunzeln. Man spürt ganz deutlich: «Da läuft nicht mein Film, sondern der einer anderen Person.» Der erste Tipp für Susanne F. lautet: Lernen Sie sich selber besser kennen, dann werden Sie immun gegen alle Besserwisser.

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Aber: Auch wenn andere nie genau wissen können, was in uns vorgeht, können wir aus ihrer Meinung und ihrer Kritik oft etwas über uns lernen. Andere Menschen sehen Aspekte unseres Charakters, die uns systematisch verborgen bleiben; in der Regel deshalb, weil uns die betreffenden Eigenschaften unsympathisch oder gar peinlich sind. Je mehr wir uns über eine Bemerkung ärgern, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein wunder Punkt getroffen wurde.

Eine mittlere Haltung scheint mir deshalb ratsam: Obwohl uns grundsätzlich niemand besser kennen kann als wir uns selbst, sollten wir bereit sein, aus den Meinungen anderer Leute etwas zu lernen. Vielleicht sind wir sogar unseren Feinden dankbar, weil sie uns ungeschminkt auf unsere Schwächen aufmerksam machen. Deshalb der zweite Tipp für Susanne F.: Nehmen Sie die Bemerkungen anderer Menschen nicht als Wahrheit, sondern als Anregung, um in Sachen Selbsterkenntnis zuzulegen.

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