Die Lust, «den Horizont zu erweitern», hatte seine Berufswahl bestimmt: Acht Jahre lang war Hansueli Langenauer mit Fluggesellschaften unterwegs. 1992 kam eine «innere Horizonterweiterung»: Der gelernte Elektriker meldete sich in Zürich als freiwilliger Beistand. Seither hat der 46-Jährige acht allein stehende Heiminsassen betreut.

Seine erste Klientin ist ihm in bester Erinnerung: Olga K., 1910 als letztes von zehn Bauernkindern geboren, war geistig leicht behindert. «Frau K. verstand nur Mundart; die meisten Pflegenden im Heim sprachen schriftdeutsch.» Die Geschwister besuchten die Jüngste an Weihnachten oder am Geburtstag. «Grüezi, Herr Vormund», begrüsste Olga K. ihren Betreuer.

«Ein Leben ohne Gegenüber ist würdelos», sagt Langenauer. «So viele Menschen verbringen so viel Zeit ungewollt allein.» Langenauer brachte Olga K., seit Jahren zahnlos, jeweils Bananen mit. «Sie erzählte von der Schulreise nach Rapperswil. Von den Seegfrörnen. Von der Grippewelle von 1919.» Oft hielt sie seine Hand. Wenn sie sich nach dem eigenen Alter erkundigte, lachte sie über die Antwort.

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Langenauer kümmerte sich um Olga K.s Steuer-, Heim- und Krankenkassenrechnungen. Alle zwei Jahre übergab er der Vormundschaftsbehörde einen Rechenschaftsbericht. Ende 2000 organisierte er ihre Beerdigung.

Langenauer arbeitet heute als Flugberater bei der Swiss. Er lebt mit seiner Freundin in einem Vorort von Zürich. Er bezeichnet sich als «ausgeglichen, unmusikalisch, naturliebend; ich lache sehr gern». Langenauer trampte in den Fernen Osten, nach Südamerika, organisierte Treckingreisen auf den Kilimandscharo, bezwang die höchsten Pässe im Himalaja mit dem Mountainbike. «Die Einsamkeit ist ein wichtiges Element in meinem Leben», sagt er. Und doch: «Die modernen Menschen haben nur noch Zeit für sich selber. Sie hirnen am eigenen Stressabbau herum. Dabei ist Solidarität doch der gesündeste Stressabbau.» Nach einer Pause ergänzt er: «Für alle Beteiligten.»

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