Arme Babys. 26 Impfungen gegen acht Krankheiten müssen sie in den ersten zwei Lebensjahren über sich ergehen lassen. Das zumindest empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Dieser Impfwut begegnen immer mehr Eltern mit Skepsis. Viele möchten ihr Kind nicht mehr gegen den ganzen Krankheitskatalog, sondern nur noch gegen einzelne Erkrankungen impfen lassen.

Doch das wird zunehmend schwieriger, denn immer mehr Impfungen sind lediglich noch als Kombinationen erhältlich. Der alte Einzelimpfstoff gegen Keuchhusten zum Beispiel wurde wegen geringer Schutz- und massiver Nebenwirkungen vom Markt genommen. Den neuen, verbesserten Stoff hingegen gibt es nur noch in einer Kombinationsimpfung, die auch vor Diphtherie, Starrkrampf und Kinderlähmung schützen soll.

Erhöhtes Risiko für Allergien
Der freie Impfentscheid, bisher in der Schweiz als Grundsatz praktiziert, weicht mehr und mehr dem Impfzwang. Eine gefährliche Entwicklung, warnt Hansueli Albonico von der Arbeitsgruppe für differenzierte Impfungen: «Es ist nicht geklärt, welche Wechselwirkungen die Impfstoffe untereinander haben können.» Aufgrund neuster Forschungen befürchtet der Arzt aus Langnau BE zudem, dass bei Mehrfachimpfstoffen ein erhöhtes Risiko für den Ausbruch von Krankheiten wie Allergien, jugendlicher Diabetes, multipler Sklerose oder Morbus Crohn bestehen könnte. Er rät deshalb, Mehrfachimpfungen bei Säuglingen und Kleinkindern zurückhaltend einzusetzen.

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Gehörten Kinderkrankheiten wie Mumps, Röteln oder Masern einst zur normalen Krankengeschichte eines Kindes, werden sie heute zunehmend durch Kombinationsimpfungen eingedämmt. Hansueli Albonico hält diese Form von Prophylaxe für übertrieben. Für das Immunsystem eines Kindes könne es durchaus sinnvoll sein, dass es die klassischen Kinderkrankheiten durchmache, sagt der Impfkritiker. «Die Möglichkeit, auf diese Impfungen zu verzichten, muss deshalb erhalten bleiben. Genauso wie es möglich sein muss, Impfungen wie jene gegen Starrkrampf einzeln vornehmen zu können.»

Epidemieausbrüche verhindern
Anderer Meinung ist BAG-Vizedirektor Diethelm Hartmann. Die befürchteten Nebenwirkungen seien «extrem selten». Ausserdem verweist er auf die zum Teil schwerwiegenden Komplikationen und Spätfolgen von Kinderkrankheiten. Keuchhusten und Masern würden in den meisten Fällen zwar keine bleibenden Schäden verursachen, so Hartmann, in seltenen Fällen aber könnten sie tödlich verlaufen.

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Generell warnt Hartmann vor der «zunehmenden Impfmüdigkeit» der Bevölkerung. Denn damit erhöhe sich auch die Gefahr, «dass Epidemien neuerlich ausbrechen». Ziel des Bundes sei es, dass die Durchimpfungsrate in der Schweiz von bisher rund 80 auf 95 Prozent steige. Um dies erreichen zu können, setzt das BAG auch auf Mehrfachimpfstoffe. Hartmann: «Weil mit Mehrfachimpfstoffen weniger Impftermine notwendig sind, erhoffen wir uns, dass die Impfakzeptanz in der Bevölkerung steigt.»

Die Impfpolitik des Bundes deckt sich mit den Absichten der Hersteller, die das Interesse an Einzelimpfstoffen schon längst verloren haben. Obwohl etwa der als besonders problematisch geltende quecksilberhaltige Impfzusatzstoff Thiomersal leicht durch schwermetallfreie Zusatzstoffe ersetzt werden könnte, werden keine neuen Einzelimpfstoffe mehr entwickelt. Grund: Die verhältnismässig kleine Nachfrage nach schwermetallfreien Einzelimpfstoffen ist für die Pharmafirmen finanziell uninteressant; zudem scheuen sie das teure Zulassungsprozedere.

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Damit schränken sich die Auswahlmöglichkeiten der Eltern markant ein. Wer sein Kind beispielsweise gegen Diphtherie oder Starrkrampf impfen lassen möchte, kann nur noch zwischen zwei unbefriedigenden Lösungen wählen: einer Mehrfachimpfung ohne Quecksilber oder einer Zweierimpfung mit Quecksilber. Der schwermetallfreie Einzelimpfstoff gegen Diphtherie ist in der Schweiz bereits nicht mehr erhältlich, jener gegen Starrkrampf nur schwer.

Impfkritischen Eltern bleibt deshalb nichts anderes übrig, als den Arzt oder die Ärztin zu bitten, den gewünschten Einzelimpfstoff zu beschaffen – notfalls halt im Ausland.

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