Sie sprechen ein grosses und aktuelles Thema an: Ist der Mensch naturgegeben gewalttätig oder friedvoll? Die psychologische Wissenschaft bejaht beide Fragen. Der Mensch hat von seinen tierischen Vorfahren ein hohes Mass an Aggressivität geerbt; dieses dient dem egoistischen Überleben des Einzelnen. Der Mensch ist aber auch sozial. Forscher haben in seinem Gehirn so genannte Spiegelneuronen entdeckt. Sie werden automatisch aktiviert, sobald wir den Schmerz und das Leiden anderer wahrnehmen. Menschen sind also von Natur aus auch einfühlsam.

Das zentrale Element der Sozialkompetenz


Der amerikanische Psychologe Carl Rogers hat bereits vor dieser neurobiologischen Entdeckung erkannt, dass in der Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, ein riesiges Potenzial steckt. Er setzte dafür das Wort Empathie ein. Rogers hat nachgewiesen, dass sich diese Gabe sogar verbessern und trainieren lässt und dass sie ein zentrales Element der so genannten Sozialkompetenz darstellt.

Empathisch sein bedeutet: spüren zu können, wie es sich in der Haut eines andern anfühlt. Das heisst aber nicht, schon im Voraus zu wissen, was der andere fühlt, und schon gar nicht zu wissen, was er braucht oder tun soll. Einfühlung bedeutet eher das Gegenteil, das Nichtwissen: dazu bereit sein, etwas zu erkennen, etwas neu zu verstehen und etwas anders zu sehen – aus der Perspektive des andern.

Ein wirklich einfühlsamer Mensch wird also nicht einfach zuhören, lächeln und milde nicken, sondern aktiv fragen, deutlich reagieren, wenn er etwas nicht versteht, und zurückmelden, wie er eine Botschaft verstanden hat.

Einfühlungsvermögen ist mehr als Toleranz. Man lässt den anderen nicht einfach nach dessen ureigener Fasson selig werden, sondern interessiert sich aktiv für die Andersartigkeit dieser Welt.

Oft wird Einfühlung mit Billigung oder Anpassung verwechselt. Auch das ist nicht gemeint. Ein einfühlender Mensch verlässt seine Welt nur kurz, um mit dem andern mitzuschwingen, diesen zu verstehen. Er braucht aber dessen Werte nicht zu teilen oder gar dessen Wünsche zu erfüllen. Der Einfühlende bleibt der, der er ist, auch wenn er gut verstehen und akzeptieren kann, dass andere anders empfinden. Trotzdem wird sich zeigen: Wenn gegenseitiges Verstehen möglich ist, entstehen weniger zwischenmenschliche Spannungen. Konflikte lassen sich so leichter lösen.

Ich teile Ihre Befürchtungen bezüglich der Präsenz von Gewalt in den Medien – sie stumpft uns ab. In der Tat kann die angeborene Fähigkeit zur Empathie gefördert oder unterdrückt werden. Experimente beweisen: Häufiger Konsum von Gewaltvideos setzt die Empathiefähigkeit tatsächlich herab. Am besten wird sie gefördert, wenn Erwachsene bereits kleinen Kindern empathisch begegnen.

Buchtipp


Koni Rohner: «Das Verständnis-Prinzip»;
Beobachter-Buchverlag, Zürich 2002, Fr. 32.80

Quelle: Archiv