Nein. Bei einer ausgewachsenen Phobie leiden die Betroffenen nämlich nicht nur unter Spannungen, sondern unter intensiver Angst: Sie fliehen vor allen Begegnungen mit wenig vertrauten Menschen.

Sie hingegen sind auf dem richtigen Weg: Ängste kann man abbauen, indem man sie erträgt und erleichtert erfährt, dass sie unbegründet waren. Zusätzlich empfehle ich Ihnen aber, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, um die Ängstlichkeit besser zu verstehen und mehr innere Sicherheit zu gewinnen. Auch ein eigentliches Sozialtraining, wie es von Verhaltenstherapeuten angeboten und im Buch von Gillian Butler dargestellt wird, kann Ihnen viel helfen.

Wenn die Angst das ganze Leben dominiert
Jeder kennt es: Manchmal haben wir Angst, uns vor anderen zu blamieren oder von ihnen zurückgewiesen zu werden. Wir sind schüchtern, haben Hemmungen, fühlen uns linkisch oder verklemmt. Wenn dieses Gefühl nur in einer bestimmten Lebensphase oder nur in speziellen Situationen auftritt, ist das normal. Jede Begegnung ist eben ein Abenteuer. Eine psychische Störung allerdings liegt dann vor, wenn man selbst erkennt, dass die Angst übertrieben oder unbegründet ist, wenn sie die Handlungsfreiheit einschränkt und das ganze Leben zu dominieren beginnt.

Menschen mit Sozialängsten machen sich Sorgen, was man über sie denkt, sprechen oft leise, vermeiden den Blickkontakt, wollen ja nicht auffallen, schwitzen, zittern oder erröten bei Begegnungen mit anderen Personen. Oft ergibt sich ein Teufelskreis: Aus Angst, sich zu blamieren, benehmen sich die Betroffenen erst recht auffällig und ungeschickt, beginnen, sich selbst zu beobachten, und verlieren dadurch jede Spontaneität.

Wo liegen die Ursachen für soziale Ängste? Einerseits in der seelischen Konstitution und anderseits in der Lebensgeschichte. Sensible, dünnhäutige Menschen, die leicht in Erregung geraten, sind anfälliger als robuste Naturen mit starken Nerven. Wichtig ist dann aber, ob man in den ersten Lebensjahren ein Urvertrauen aufbauen konnte oder nicht. Wer von den Eltern und in der Schule Verständnis für seine Eigenheiten erfuhr, wird später keine Angst haben, vor anderen zu bestehen.

Wer hingegen als Kind unerwünscht war oder zu wenig Zuwendung oder Beachtung erhielt, von Lehrern und Gleichaltrigen nicht akzeptiert wurde oder gar Zurückweisung erleben musste, fühlt sich auch als Erwachsener innerlich unsicher und wird unter Sozialängsten leiden. Zwei Wege führen zur Heilung: Durch korrigierende Erfahrungen, zum Beispiel in einer Therapie, kann mehr innere Sicherheit erworben werden. Sozialkompetenz lässt sich jedoch auch gezielt trainieren.

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Buchtipp

Gillian Butler: «Schüchtern – na und? Selbstsicherheit gewinnen»; Huber-Verlag, 2006, 270 Seiten, 32 CHF