Sicher nicht! Es gibt ohne Zweifel auch nichtmaterielle Werte. Es ist das schöpferische Sein an sich, das Ihnen Freude macht, ganz unabhängig davon, ob Sie damit äusseren Erfolg haben. Tatsächlich ist kreativ sein beglückend. Anerkannte Künstler bestätigen dies. Der Schriftsteller Max Frisch hat zum Beispiel über sich gesagt: «Ich schreibe aus Trieb, aus Spieltrieb, aus Lust», und Hermann Hesse vergleicht die Kreativität mit einer sprudelnden Quelle. Kreativ sein ist aber kein Privileg berühmter Künstler. Im Begriff steckt das lateinische Wort «creare», etwas erschaffen. Mitte des letzten Jahrhunderts erlebte die Kreativitätsforschung eine erste Hochblüte. Definiert wurde Kreativität als eine Tätigkeit, die etwas Neues, noch nie Dagewesenes schafft. Das braucht nicht unbedingt ein Kunstwerk zu sein, auch originelle Problemlösungen verlangen Kreativität. Kreativität mag eine angeborene Komponente haben, sie ist aber grundsätzlich beeinflussbar. Leider werden in unseren Schulen eher Wissen und Konformität gefördert als schöpferische Entfaltung. Das mag daran liegen, dass Kreative häufig unkonventionell denken und kritisch sind - was vielen Menschen unangenehm ist.

Über das Bestehende hinausdenken
Wer Neues schaffen will, muss oft Altes zerstören oder zumindest in Frage stellen. In der Frage zur Quelle der Kreativität stehen sich zwei gegensätzliche Auffassungen gegenüber. Die humanistische Psychologie vertritt die Meinung, man werde aus Überfluss schöpferisch. Das heisst, besonders reife und gesunde Menschen sind kreativer als andere. Tiefenpsychologen sind vom Gegenteil überzeugt. Sie glauben, dass die Kreativität aus dem Leiden entsteht. Wer von Spannungen und Konflikten geplagt wird, ist gezwungen, immer wieder neue Lösungen zu suchen, und entwickelt so ein hohes Mass an Kreativität.

In neuerer Zeit hat die Kreativitätsforschung wieder einen Aufschwung erlebt. So hat zum Beispiel der US-Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi 91 besonders erfolgreiche kreative Zeitgenossen über ihre Arbeit und ihr Erleben befragt. Er hat daraus auch Schlüsse gezogen, wie jeder im Alltag seine Kreativität einsetzen kann. Er nennt dies persönliche Kreativität, die einfach Freude macht und nicht nach Resonanz verlangt.

Alle Menschen haben ein kreatives Potential. 98 Prozent unserer Erbmasse sind mit derjenigen von Schimpansen identisch. Was uns von anderen Lebewesen unterscheidet, ist vor allem unsere Kreativität. Menschen können über das Bestehende hinausdenken, können Träume, Visionen, Ideen und Projekte entwickeln und diese realisieren. Nur so ist der ungeheure technische und kulturelle Fortschritt seit der Steinzeit zu erklären.

Csikszentmihalyi weist darauf hin, dass Kreativität nur in einem Freiraum möglich ist. Wer sich nicht vom Alltagsstress lösen kann, gibt seinen schöpferischen Kräften keine Chance. Wie wichtig Neugier und Offenheit sind, zeigt einer seiner wichtigsten Tipps: «Versuchen Sie, jeden Tag über irgendetwas erstaunt zu sein.»

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Buchtipp

Mihaly Csikszentmihalyi: «Kreativität. Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden»; Klett-Cotta, 1997, 646 Seiten, CHF 54.90